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Frank Behrendt: der Guru der Gelassenheit: Höchste Zeit für eine Renaissance des guten Benehmens

Kürzlich stieß Frank Behrendt in der "Gala" auf zehn goldene Regeln für gutes Benehmen. Grund genug, um sich diesbezüglich ein Bild über den Zustand unserer Gesellschaft zu machen. Das Ergebnis ist so schlecht wie das Verhalten vieler Zeitgenossen.

Frank Behrend Sternstimme

Gutes Benehmen macht den Alltag für uns alle leichter

Getty Images

"Respekt, Rücksicht und Zurückhaltung sind die Grundpfeiler guter zwischenmenschlicher Beziehungen. Behandeln Sie die anderen so achtsam, wie Sie selbst behandelt werden wollen. Dann wird unser aller Leben leichter." Der Mann, der das schrieb, ist seit vielen Jahren Protokollchef des Deutschen Bundestages, Enrico Brissa heißt er. Jetzt hat der Jurist ein Buch verfasst: "Auf dem Parkett – Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens."

Viele Dinge stehen darin, bei denen ich sofort genickt habe. Selbstverständlichkeiten eigentlich. Eigentlich. Denn die Realität sieht oft anders aus. "No No-Shows" schreibt Brissa zum Beispiel allen ins Benimm-Stammbuch und mahnt an, getroffene Verabredungen auch einzuhalten oder im Verhinderungsfalle den Gastgeber vorab zu informieren. Ein schwerer Fauxpas wäre es, "durch bloßes Fernbleiben abzusagen." Aber genau das passiert täglich bei zahlreichen Veranstaltungen.

Smartphone und Drängeln

Eine weitere Benimm-Regel aus Brissas lesenswertem Ratgeber: "Seien Sie höflich: Lassen Sie das in der Tasche, wenn sie sich unterhalten oder am Esstisch sitzen." Meine Kinder, meine Frau und ich haben uns bei den Mahlzeiten im Urlaub einen Sport daraus gemacht, das Verhältnis von Tischen und Handy-Nutzern zu ermitteln. Das Ergebnis war erschreckend: Über die Hälfte der Gäste hatte im Restaurant das Smartphone während des gemeinsamen Speisens im Einsatz. Oft in Gegenwart von Kindern. Kein Wunder, dass die nachkommende Generation diese Respektlosigkeit als normal erlebt.

Auch anderswo trafen wir überall auf Leute, denen es an den Grundeigenschaften der Höflichkeit mangelte. So wurde sich an Liften und Gondeln ohne Rücksicht auf oder ältere Mitmenschen oft gnadenlos vorgedrängelt. Anderswo schnappte einem ein hochmotorisierter Verkehrsteilnehmer eiskalt einen Parkplatz weg. Als man ihn darauf hinwies, zeigte er dreckig grinsend den Mittelfinger. Beim Busfahren ist die gute alte Regel "erst aussteigen dann einsteigen" scheinbar auch nicht mehr sonderlich populär. Eine Gruppe Jugendlicher drängte vor unseren Augen eine Dame mit Rollator derart rüde zur Seite dass sie hinfiel. Entschuldigung? Keine.

Selbst Teenager wissen es besser

"Schlechtes Benehmen halten die Leute doch nur deswegen für eine Art Vorrecht, weil ihnen keiner aufs Maul haut." Gesagt hat das nicht etwa ein renommierter Soziologe, sondern der exzentrische Schauspieler Klaus Kinski, der für sein eigenes rüpelhaftes Verhalten oft selbst eine kräftige Abreibung verdient gehabt hätte.

Als ich die 10 goldenen Regeln für gutes Benehmen postete, gab es jede Menge Zuspruch im Netz. Vielen ist ebenfalls aufgefallen, dass immer mehr respektlose Zeitgenossen unterwegs sind – nicht nur online. Aber es gibt auch positive Leuchttürme. So beobachteten wir in Mittelberg einen Jungen, der einem weinenden Kind, dessen Eltern kein Geld mehr für eine weitere Schlepplift-Karte dabei hatten, sein Ticket mit noch 6 verfügbaren Fahrten überließ. Der gut verpackte Winzling mit dem grünen Zipfelbob strahlte glücklich und wurde wieder hoch auf die Startrampe gezogen. Die Eltern lobten den generösen Spender, aber der winkte bescheiden ab: "Kein Problem, ich war auch mal klein." Er war höchstens 13, aber schon ein ganz Großer in Sachen vorbildliches Benehmen, obwohl er Enrico Brissas Ratgeber sicherlich noch nicht gelesen hatte.

Knigge bei Tisch
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