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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Statt Geschenken: Wie man zu Weihnachten Kinderherzen verzaubert

Weihnachtskarten und Geschenke gehören für viele zum jährlichen Weihnachtsstress. Frank Behrendt traf einen Hobby-Zauberer, der den materiellen Festtags-Part abgeschafft hat und Kinder trotzdem glücklich macht.

Jeden Dienstag und Donnerstag ist mein Arbeitsplatz eine harte Holzbank. Hinten rechts in der Halle des Apostelgymnasiums in Köln-Lindenthal. Dort spielt mein Junior Josh Basketball. Bei den Rheinstars in der U10. Er will mal in der NBA der neue Nowitzki werden. Immer gut, Ziele zu haben, werde ich ihm nach dem Training sagen.

Normalerweise lege ich jetzt los, Macbook auf den Knien – arbeiten kann man heute schließlich immer und überall. Aber ich komme nicht dazu, Jürgen sitzt neben mir. Auch ein Papa. Ohne Laptop. Er muss gleich in ein Kinderheim – zaubern. Das interessiert mich. Und er erklärt es mir.

Er hat vor zwei Jahren entschieden, sich vom Schreiben von Weihnachtskarten zu befreien. Präsente gibt es auch keine mehr. Stattdessen macht er vor dem Fest lieber etwas, was mehr Sinn stiftet, wie er sagt. Er zaubert für Kinder in der Vorweihnachtszeit. In Krankenhäusern, Kinderheimen, auch in einer Flüchtlingsunterkunft. Seine Augen strahlen als er das erzählt.

Onkel Walter ließ den Kuschelhasen verschwinden

Als Junge hat er seinem Onkel Walter gebannt zugeschaut, als dieser Weihnachten im Familienkreis zauberte. Sogar Jürgens weißen Kuschelhasen ließ er verschwinden, und bevor die Tränen kamen, zum Glück wieder auftauchen. Onkel Walter zeigte dem Neffen später alle Tricks. Dann kamen Studium, Familie und der Job. Jürgen zauberte fortan neue Ideen für die Expansion aus dem Hut, sonst nichts. 

Aber vor zwei Jahren hat er sich an seinen alten Koffer erinnert, er stand noch bei der Mutter im Keller in Neuss. Und er hat geübt. Und jetzt hat er es wieder drauf. Wer ihm den Impuls gab, fragte ich. Der Tod des Onkels, antwortete er. Bei der Beerdigung hat er die Rede gehalten und davon gesprochen, dass er den alten Zauberer und den verschwundenen Hasen nie vergessen wird. Trotz der Tränen huschte bei vielen Trauernden ein Lächeln übers Gesicht, als sie an den Verstorbenen dachten, der sich gerne "Le Chapeau" nannte. 

Jürgen ist nun in seine Fußstapfen getreten und verschenkt einen Teil seiner Zeit an Kinder, die er zur Weihnachtszeit verzaubert. Ich schaue auf die Uhr – das heißt: Ich wollte auf die Uhr schauen. Weg! Ich springe auf. Jürgen lacht und hält sie mir entgegen. Chapeau, er hat es wirklich drauf. 

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