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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Trauern oder Feiern? Wenn große Kinder ausziehen

Jahrelang haben die Kinder das Haus auf den Kopf gestellt, gelärmt, genervt,  aber auch viel Freude gemacht. Bei allen kommt der Punkt, an dem sie das familiäre Nest verlassen. Inspiriert durch den Facebook-Post einer Mutter dachte Frank Behrendt an seinen eigenen Auszug zurück.

Wenn die Kinder in die weite Welt hinausziehen, werden Eltern ganz melancholisch

Wenn die Kinder in die weite Welt hinausziehen, werden Eltern ganz melancholisch

"Heute geht unser Jüngster aus dem Haus und zieht in die Welt. In mir wechselt es zwischen Stolz, Aufregung, Freude, viel Trauer und viel Dankbarkeit. Good Moritz." Die Worte von der Ehefrau eines wunderbaren Branchenkollegen im Netz sorgten bei mir für eine Gänsehaut. Zu den liebevoll-melancholischen Zeilen hatte die zwei Emoji-Herzen gesetzt und ein Foto: Ein kleiner Junge mit Hut geht mit einem viel zu großen Reisekoffer von dannen. 

Jede Menge Kommentare von mitfühlenden Müttern und Vätern gab es zu dem Beitrag. Einer postete den rührenden Beatles-Song "She's leaving home". Eine Mutter schrieb: "Schon dreimal mitgemacht und heule immer noch bei Fremden mit..." Die schönsten Worte des Trostes fand für mich Swantje: "Ich bin sicher, dass er immer einen großen Koffer voll mit eurer Liebe bei sich tragen wird." 

Ich rief meine Mutter an und fragte sie, wie es war, als ich in den 80er Jahren aus dem blauen Elternhaus im beschaulichen Nordseebad Otterndorf auszog, um im fernen München die Deutsche Journalistenschule zu besuchen. "Es war schwer, aber du musstest raus, schließlich hatten wir dich viele Jahre genau für diesen Moment vorbereitet." Wahre Worte. 

Aber dennoch waren und bleiben die Gefühle der Eltern ambivalent. Freunde berichteten mir, dass sie in den ersten Wochen die neue Ruhe extrem genossen hätten, nachdem der letzte Schlagzeuger ihrer 3er-Boygroup das Feld geräumt hatte. Aber bald wurde es den Eltern zu still. Sie luden Freunde ein, feierten wieder öfter. Das Leben und die Lautstärke kehrten zurück. Kürzlich hatten sie eine Oldie-Band als Special Gig gebucht. "Da ging es bis in die frühen Morgenstunden wilder zu, als zu Hard-Core-Partyzeiten unserer ", berichtete mir der Hausherr und grinste verschwörerisch. 

Ich kann mir aktuell noch nicht so recht vorstellen, wie es einst sein wird, wenn meine Kinder das Haus endgültig verlassen. Ich liebe das kreative Chaos, das sie verbreiten. Ich beantworte gerne stundenlang alle ihre verrückten Fragen. Ich höre grinsend Bibi Blocksberg mit und blicke großmütig über die vom Junior mit seinem Fußball abgeschossenen Äste im Garten hinweg. Das sollen irgendwann nur noch Erinnerungen sein? 

Ich gebe zu, ich bin ein unverbesserlicher Familienromantiker. Aber auch meine Ratio ist nicht so tief im Tal der Träume vergraben, als dass ich der Zukunft nicht jetzt schon mutig ins Auge blicken kann. Was mich trösten wird? Peter Fox und sein wunderbarer Song "Haus am See". Wenn ich den im Radio höre, sehe ich mich: "Hier bin ich gebor'n, hier werd ich begraben. Hab taube Ohr'n, 'nen weißen Bart und sitz im Garten. Meine 100 Enkel spielen Cricket auf dem Rasen. Wenn ich so dran denke kann ich's eigentlich kaum erwarten." 

Drei Kinder sitzen auf der Rückbank eines Autos und machen Star-Posen
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