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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Wie Alwines Bank mich ohne Geld reich macht

Mit seiner kleinen französischen Bulldogge "Fee" geht Frank Behrendt oft im Forstbotanischen Garten in Köln spazieren. Dem scharfen Blick seines Sohnes verdankt er jetzt eine ganz besondere Bank-Bekanntschaft mit einem Mann, der das Wunder von Bern hautnah miterlebte.

Parkbank

Eine Parkbank kann ein ganz besonderer Ort sein

Die eingravierten Buchstaben auf dem Schild an der dunkelgrünen Parkbank waren im Vorbeigehen nicht zu lesen. Mein neunjähriger Junior Josh ist deshalb ganz nah rangegangen. "Zur lieben Erinnerung an Alwine" stand drauf. Und wie Kinder so sind, fragte er nach. Ich erklärte ihm das Modell der Kölner Sitzmöbel-Patenschaft und warum Menschen das machen.

Wir setzten uns auf die Bank, die der Dame gewidmet war. Von dort aus hat man einen besonders schönen Blick: Den Hügel hinauf, auf spielende Kinder, Lenkdrachen-Piloten und herumtollende Hunde. Das Herbstlaub raschelte und plötzlich stand ein alter Mann vor uns. Er lächelte uns an und fragte, ob er sich dazusetzen darf. Wir rückten zusammen und genossen gemeinsam die einzigartige Atmosphäre.

Was bleibt von einem Menschen?

Plötzlich sagte der Herr in der abgewetzten Jacke, dass Alwine diese Jahreszeit auch geliebt hatte. Er kannte sie, war ihr viele Jahre lang an dieser Bank begegnet. Sie hatten sich Freud und Leid erzählt, miteinander gelacht und getrauert. Irgendwann war Alwine dann nicht mehr zu ihrer Bank gekommen. Der alte Mann räusperte sich. Er war dankbar, dass ihr die Söhne bei der Kölner Grün Stiftung eine Bank gewidmet haben. An ihrem früheren Lieblingsplatz, für 750 Euro. Und so sitzt er nun oft da, wo sie einst gemeinsam saßen. Meist alleine, seine Frau ist vor drei Jahren gestorben, die Kinder wohnen in Berlin und Zürich.

"Was bleibt von einem Menschen wenn er für immer geht?", fragte ich ihn. Er zuckte die Schultern. "Ein paar Erinnerungen und viel Traurigkeit." Ich schluckte und fragte, ob er mit uns spontan in meinem Lieblings-Bistro "Le Quartier" lunchen wollte.  Erst war er fassungslos, dann lehnte er ab und schließlich kam er mit.

Ein Zeitzeuge des Wunder von Bern

Nach einem Fruchtcocktail und einer Lage Panini mit Mozarella taute der alte Mann richtig auf. Er kam ins Erzählen und mein Junior und ich hingen an seinen Lippen. Es stellte sich heraus, dass Kurt 1954 mit seinen Eltern in Bern lebte und ganz nah dran war, als Sepp Herberger und die Deutsche Mannschaft Weltmeister wurden. Mein Sohn, der das Wunder von Bern gerade als Hörspiel begeistert vorm Einschlafen aufsaugt, war fasziniert, dass es jemanden gab, der damals "in echt" dabei war. Die Zeitzeugen von monumentalen Geschichts-Events sind immer noch mitten unter uns, "aber wer fragt uns schon?", sinnierte der alte Mann nachdenklich.

Als wir uns trennten, sagten wir "bis bald an der Bank". Und ich bin sicher, Alwine lächelt dann gütig zu uns herab, wenn drei Generationen wieder auf "ihrer Bank" Platz nehmen und Geschichte(n) genießen, die live im Park erzählt viel spannender sind, als bei Google im Netz nachgelesen.

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