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Rat vom Jobcoach Wenn das gemeinsame Homeoffice die Beziehung killt - so überstehen Paare den Lockdown

Paarstress
Lockdown und Homeoffice können zu vermehrtem Paarstress führen
© Ridofranz / Getty Images
Ehepaar H. geht sich im erzwungenen Homeoffice richtig auf die Nerven. Böse Worte in der Kaffeepause, zu wenig "Me"-Time und kein Sex mehr nach Feierabend. Wie kommen sie da wieder raus?
Von Reinhild Fürstenberg

In die Online-Beratung hat sich Ehepaar H. eingeloggt: Sie sind seit sieben Jahren verheiratet, waren immer viel unterwegs, liebten das Reisen, haben einen großen Freundeskreis und aßen gern und oft auswärts. Ihnen ging es immer gut miteinander. Auch, dass die Ehe kinderlos blieb, wurde nie ein Thema – sie hatten ja sich!

Den ersten Corona-Shutdown haben sie gemeinsam gut gemeistert, haben im Homeoffice nebeneinander gearbeitet und mit Nachbarn und Freunden die Abende im Freien verbracht, auf dem Fahrrad die nähere Umgebung erkundet oder ihr Lieblingsessen nach Hause bestellt. Dann kam die zweite Welle. Die fühlt sich irgendwie ganz anders an, irgendwie nicht mehr gemeinsam - eher gemeinsam einsam…

Jeder arbeitet im Homeoffice vor sich hin, die Stimmung ist angespannt und anstrengend. Das überträgt sich auch auf die Stimmung am "Arbeitsplatz". Richtig entspannt Pause machen kann eigentlich keiner von beiden mehr, denn es gibt immer nur Nörgeleien statt netter Gespräche. Selbst beim Kaffeeholen in der Küche führen Kleinigkeiten zu Grundsatzfragen. So arbeiten beide oft den Tag über einfach durch. Das erhöht das Stresslevel und die Anspannung. Herr und Frau H. gehen sich zu Hause aus dem Weg und verstehen überhaupt nicht, was mit ihnen passiert ist. 

Reinhild Fürstenberg
Reinhild Fürstenberg ist Gesundheitswissenschaftlerin, systemische Beraterin und Familientherapeutin. Das von ihr geleitete Fürstenberg Institut aus Hamburg berät Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter, wie sie psychische Belastungen reduzieren, Veränderungen gesund gestalten und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben verbessern können. Für den stern berichtet die Expertin in loser Folge von Fällen aus ihrer Beratung - und erklärt, was wir daraus lernen können. 
© Verena Reinke

Wenn die "Beziehungswippe" kippt

Bereits hier setze ich an und kläre Frau und Herrn H. darüber auf, dass es gerade vielen Paaren so geht: Dass durch den Corona bedingten Wegfall ihrer gewohnten Strukturen und Lebensentwürfe nicht nur der persönliche Ausgleich fehlt, sondern auch menschliche Grundbedürfnisse wie Sicherheit und Planbarkeit in Frage gestellt sind. Zudem sorgen Homeoffice und Ausgeh-Beschränkungen nun vor allem in den dunklen Monaten für den sogenannten "Dichtestress": kein Raum und keine Zeit für die/den Einzelne*n, keine "Me-Time", ständiges "Aufeinanderhocken". Das erzeugt ein Gefühl von Unfreiheit. Für dieses unfreie Gefühl wird dann die/der andere verantwortlich gemacht: Er solle doch bitte mal mehr im Haushalt mithelfen, sie solle ihm nicht ständig sagen, was er zu tun habe. Er solle aber doch sehen, was sie alles tut! Tut er ja, erwidert er – was er denn noch alles tun solle?! Keine*r der beiden fühlt sich mehr gesehen oder verstanden.

Als Beraterin weiß ich: In der Beziehungsdynamik ist dies der Moment, wo die "Beziehungswippe" kippt: Jeder hat das Gefühl, dass die / der andere irgendwie von oben herab auf einen schaut und sagen will, wie es geht. Man fühlt sich unterlegen und wird reaktant – also trotzig. Interessanterweise sieht die Situation aber von beiden Seiten gleich aus. Jede*r denkt, sie bzw. er sitzt auf der Wippe unten: oben die Macht und unten die Ohnmacht. 

Wie nun Rauskommen aus dieser verfahrenen Situation in Zeiten von Corona? Ich frage das Ehepaar H., was sie sich wünschen? Herr H. hätte einfach nur gerne wieder die Ruhe und Selbstverständlichkeit ihrer Beziehung zurück…. Frau H. wünscht sich wieder mehr Nähe. Dann würde sie sich auch wieder gesehen fühlen. Und dann hätte sie sicher auch wieder mehr Lust auf Sex. Denn auch das Liebesleben des Paares leidet unter der aktuellen Situation. 

Wie es besser werden kann

Ich mache dazu eine Übung mit den beiden. Das ist auch online oder sogar per Telefon kein Problem. Im ersten Teil der Übung sollen beide aufschreiben, was sie selbst zur Verbesserung der Paar-Situation beitragen könnten. Jeweils eine Sache auf ein Blatt. Sich daran zu erinnern, was man früher füreinander getan hat, bringt das Paar auf gute Ideen. Danach werden die Zettel vorgelesen. Beide sind überrascht: Herr H. könnte seiner Frau wieder mehr zuhören, weniger am Handy sein und sie mal wieder mit Blumen oder etwas anderem überraschen. Frau H. möge mehr "fragen satt sagen", ihn mal wieder "Hase" nennen und ihm sein Handy lassen. Vor allem über das Handy müssen sie sehr lachen. Jeder darf sich nun die Zettel vom anderen nehmen, die sie oder er wirklich hilfreich fänden. Die anderen Zettel dürfen mit einem "Dankeschön" liegen gelassen werden – als schöne Ideen zur Lösung, die aber gar nicht nötig sind. 

In der zweiten Runde bitte ich beide aufzuschreiben, was sie vom anderen brauchen, damit es ihnen unter den gegebenen Bedingungen besser geht (nicht, was sie nicht brauchen!). Und auch diese Stapel werden im Anschluss vorgelesen: Herr H. braucht von Frau H. mehr Zeit, die Dinge selbst zu tun, die sie mal eben schnell - mit Vorwurf - tut. Er wünscht sich mehr Gelassenheit von seiner Frau, wenn er die Dinge anders macht. Er will seine Jacke über dem Stuhl am Esstisch hängen lassen, er braucht das Wohnzimmer auch mal für sich allein, er möchte nicht alles diskutieren, sondern auch mal einfach ein "Ja" hören – und er hätte gerne wieder gemütliche Kuschelzeiten mit ihr.

Frau H. will wieder mehr in den Arm genommen werden, sie will nicht mit dem ganzen Haushalt allein gelassen werden, sie will von ihm wieder "so" angeschaut werden. Sie bräuchte Gesten der Liebe, so wie früher die kleinen Zettelchen hier und da. Sie wünscht sich mehr Wertschätzung und möchte auch mehr gesehen werden. Dann würde sie auch wieder Lust auf körperliche Nähe bekommen. Und ja, sie möchte auch mal das Wohnzimmer für sich haben. Auch hier müssen beide von Herzen lachen. 

Danach sagen beide, welches Bedürfnis des anderen sie bzw. er auch wirklich erfüllen kann und möchte – dabei wird ebenso deutlich, an welcher Stelle unerfüllbare Erwartungen an den Partner gestellt werden. Auch wenn es keine Festlegung auf Ewigkeit ist: Hier heißt es nun, selbst für diese Bedürfnisse Sorge zu tragen, also Eigenverantwortung zu übernehmen, wodurch auch die leidige Position der Ohnmacht aufgelöst wird. 

Das Paar tauscht sich auch über die Bedürfnisse aus, die vom jeweils anderen nicht ausgewählt wurden: So meint Herr H. zum Beispiel, dass er nicht genau weiß, was mit Haushalt gemeint ist, denn bei vielen Dingen fühlt er sich unsicher, da sie es ja immer macht. Auch weiß er mit Wertschätzung nichts anzufangen. Hier wird die Wichtigkeit deutlich, dass Bedürfnisse messbar vermittelt werden müssen: Woran genau erkennt Frau H. Wertschätzung? Wie oft genau soll Herr H. genau was im Haushalt tun?

Allein durch die Fokussierung auf die Erfüllung eigener und gegenseitiger Bedürfnisse durch diese Übung sind beide wieder offen füreinander und positiv nach vorne ausgerichtet – das fällt mir sogar über den Bildschirm auf: Sie sind einander mehr zugewandt, schauen sich in die Augen und lachen mehr miteinander.

Zum Ende der Stunde frage ich, wie sie das Wohnzimmer aufteilen wollen. Ganz pragmatisch! Und wie sie das, was für sie vor der Corona-Zeit wichtig war, in die jetzige Lockdown-Situation übertragen können? Bei genauer Betrachtung ist doch oft mehr möglich als man denkt. Dann entspannt sich auch die Arbeitssituation im Homeoffice wieder und das wird auch für Kolleg*innen und Kunden spürbar. 

Als Hausaufgabe gebe ich ihnen mit, sich wieder mehr anzufassen, sich zu umarmen und zu küssen – und einen Monat lang keinen Sex zu haben. Denn Sex ist für Frau H. unter den gegebenen Bedingungen (noch) nicht möglich, den Zettel hatte sie liegen gelassen. Beide stutzen. Aber bei einer Sex-Blockade ist es wichtig, sich vorsichtig annähern zu können, ohne "Gefahr" zu laufen, dadurch beim Sex landen zu "müssen". Da jedoch dem Körper (der Berührung) die Emotion folgt, in der Wissenschaft "Embodiment" genannt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, 'verbotenerweise' doch noch Sex zu haben… Na sowas!

Hier meine Tipps für Sie, wie Sie Ihre Partnerschaft in Zeiten von Corona wieder festigen können:

  • Wenn es durch Isolationszeiten zu Dichtestress kommt: Gestalten Sie diese Zeit aktiv! Machen Sie sie zu Ihrer, indem Sie möglichst viel aus der Zeit vor Corona in die Zeit des Lockdowns "übersetzen".
  • Vermeiden Sie "stumme Erwartungen": Sagen Sie klar, was Sie sich vom Gegenüber wünschen! So werden Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins maßgeblich reduziert.
  • Treten Sie auch zurück von dem Battle, wem es wohl schlechter geht. Bei Ihrem Gegenüber ist vermutlich ebenfalls nichts zu holen – vielleicht sind Sie beide am Limit.
  • Gehen Sie stattdessen in die Eigenverantwortung und sorgen Sie selbst dafür, dass Ihre Bedürfnisse erfüllt werden ­– und gehen Sie zur Not kreative neue Wege. So behalten Sie die Oberhand darüber, ob sie erfüllt werden oder nicht… 
  • Manchmal hilft es, einfach die Beziehungs-PAUSE-Taste zu drücken und die Erwartungen zu reduzieren. In dem Vakuum, das dadurch entsteht, wird es möglich, sich wieder mehr zu spüren und das Gegenüber wieder mehr zu sehen.
  • Lachen Sie – über sich selbst und mit dem anderen: über sich, über ihre Hilflosigkeit und diese verrückte Zeit.

Und zögern Sie nicht, sich bei Bedarf Hilfe zu holen. Wenn z. B. Angst oder Niedergestimmtheit unaushaltbar wird, wenden Sie sich an das Patiententelefon der kassenärztlichen Vereinigung (116117) oder die Telefonseelsorge (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222).

* Anonymisiertes Fallbeispiel aus der Beratungspraxis des Fürstenberg Instituts. Der Fall wurde mit dem Einverständnis des Betroffenen anonymisiert.

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