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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Im Wahn der Selbstoptimierung – Wir haben doch nur Luxusprobleme?

Nur keine Pannen zugeben, das Leben glänzt wie Instagram. Rechtsanwältin Laura Karasek wundert sich, warum sie dennoch traurig ist.

Genauso wachen wir doch jeden Morgen auf? Zumindest laut Instagram.

Genauso wachen wir doch jeden Morgen auf? Zumindest laut Instagram.

– was für ein blödes Wort!

Angeblich haben wir sie alle. Wir Deutschen, vor allem meine Generation. Also, wir HABEN sie eben nicht mehr alle, weil wir Probleme suchen wie Trüffelschweine. Probleme dort, wo keine sind, Phantomschmerz. Phantomproblem. Uns geht es doch so gut!

Wir haben alle Optionen, wir können überall leben, wir sind verwöhnt und sollten eigentlich den ganzen Tag vor Dankbarkeit platzen. Aber haben wir deswegen kein Recht, auch mal überfordert, traurig, sentimental zu sein? Sind denn zu viele Entscheidungen immer besser als zu wenige? Machen Möglichkeiten glücklich – oder nur rastlos, getrieben, unsicher? Jeden Tag müssen wir wählen und was ist, wenn wir falsch abbiegen?

Probleme? Gibt es doch nicht!

Neulich lernte ich in einem Seminar für Karriere: "Wenn Sie Ihren Chef im Aufzug treffen, sprechen Sie auf KEINEN Fall über Probleme. Dann nämlich werden Sie selbst zum Problem! Verkünden Sie lieber eine positive Botschaft. Dann werden Sie beim Chef als Erfolg abgespeichert."

Also gut. Arbeitswelt – die Utopie der Problemlosigkeit. Pfeifend hüpfe ich durch die Kantine, ich schwärme von Siegen, ja prahle schon beinah! Wie gut alles wieder lief: der ist seit Wochen nicht abgestürzt, die Kaffeemaschine intakt, der Hamster gesund, der Prozess ist gewonnen, das Haar sitzt, London, Tokio, New York, die Deals laufen, ich will so bleiben, wie ich bin – weil ich es mir wert bin! "Chef, hätten Sie Zeit für ein Selfie?!" #bestlife #bestjob. Aber was ist, wenn ich heute gerade nicht das Milliardengeschäft abgeschlossen und nicht das Bundesverdienstkreuz gewonnen habe? Was ist, wenn ich nur Mails beantwortet und ein paar Dokumente gelesen und gefaxt habe? "Haben Sie schon gehört: ich hatte gestern einen Riesenerfolg am Cola-Automaten: Es kam ein Kaltgetränk heraus – ohne dass ich Geld eingeworfen hatte! Und mein Fax ging durch!" 

Vielleicht bin ich auch das Mädchen, das seinen guten Ruf verloren und nie vermisst hat.

Dates wie Bewerbungsgespräche

Aber auch auf Dates sollte man nicht über Probleme sprechen. Arbeitslos? Bitte nicht, dann lieber "selbständig". Schlecht im Bett? Dann lieber: freiheitsliebend und zu anspruchsvoll für feste Bindungen. Sprechen Sie nicht über Fußpilz, Scheidenpilz, Schimmelpilz an ihren Hauswänden –Pilze aller Art sollte man grundsätzlich meiden. Viren, Bakterien, Gerüche, Ausscheidungen, Geldsorgen, Abmahnungen, Verdauungsschwierigkeiten – es gibt so vieles zu umschiffen.

Aber soll man wirklich immer erzählen, wie absolut fantastisch, "awesome" das eigene Leben ist?

Die Geschäfte laufen rund, die Beförderung steht kurz bevor, man gewinnt, ohne sich anzustrengen, man nimmt ab, ohne Diät zu machen – jede Reise war ein "Traumurlaub" und jede Beziehung ging "freundschaftlich und einvernehmlich auseinander". Nein, wir haben keine Macken und wenn, dann nur liebenswerte, wir sind vielleicht manchmal ein wenig verwirrt oder einfach "zu leidenschaftlich", "überqualifiziert", "unentschlossen"; hach!

Die besten Erfolgsphrasen

"Ich kann essen, was ich will – ich nehme einfach nicht zu!" "Ich musste für Prüfungen nie lernen!" "Jeder Typ verliebt sich immer sofort in mich! Ach, jetzt schreibt DER schon wieder…" Was ein Stress! Ich bekomme einfach ZU VIELE Angebote. "In meiner Familie haben übrigens alle sehr gutes Bindegewebe!" "Die Hochzeit war die krasseste Feier überhaupt." Ja, dann wird für Junggesellenabschiede mal eben für ein Wochenende nach Las Vegas oder Bali oder in die Dom Rep geflogen. Dann werden Hochzeiten in Südfrankreich, Kapstadt oder auf Mauritius gefeiert. Alles muss immer krasser, höher, feuerwerkiger sein. Es gibt Brot aus Champagner und Zauberer, die gleichzeitig noch gemeinsam mit dem Cirque du Soleil Adele-Songs interpretieren. Das Brautpaar kommt auf Jet-Skis in die auf einem See errichtete Kirche, und der Papst spielt Harfe. 

"Bescheidenheit ist eine Tugend, die man vor allem an anderen schätzt." La Rochefoucauld 

Der Superlativ ist dem Authentilativ sein Tod. Pleiten, Pech und Pannen – bitte nur im Fernsehen zur Belustigung. Wir gehen nicht zum Lachen in den Keller – sondern zum Weinen. Nicht Geiz ist geil, sondern GEIL ist GEIL.

Der schmale Grad

Wo ist der Grat zwischen Angeberei und schlichtem Erfolgsbericht? Wann darf ich mich über mein eigenes Glück freuen und wann erzeuge ich Neid, Frust oder gar Hass? Wird unsere Gesellschaft zu missgünstig oder sollte der Erfolg Anderer uns nicht vielmehr inspirieren, motivieren, antreiben? Statt "warum der?" müsste es doch heißen "will ich auch, schaff ich auch". Aber was ist, wenn ich es nicht schaffe? 

Dabei denke ich: "Oh, da läuft meine Motivation nackig mit einem Sekt durch die Einkaufspassage." 

Und wo ist ein Problem noch ein echtes und darf auch so genannt werden? Oder hat man hierzulande ohnehin ausschließlich Luxusprobleme – und sollte daher einfach die Klappe halten.

"Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn," sagte Reich-Ranicki.

Recht auf Glück und Unglück

Schwermut hat nichts damit zu tun, wie viele Maracujas und Papayas ich in der Obstschale (oder wie viele Tassen ich im Schrank) habe und wie lange ich warm duschen kann. Ich kann traurig sein, ohne Hunger zu haben. Ich kann auch beim Sushi traurig sein. Auch ohne Fischvergiftung. Ich kann sogar in einem 5-Sterne-Hotel traurig sein. Ich kann einsam sein, auch wenn ich auf einer tollen Eröffnungsparty von irgendeinem neuen angesagten Club bin und alle singen und Konfetti versprühen.

"Es ist leichter, für andere weise zu sein als für sich selbst." La Rochefoucauld 

Ja und häufig fällt es Menschen leichter, am Unglück eines anderen Anteil zu nehmen als sich am Glück des anderen zu erfreuen. Aber ich kann und darf auch glücklich sein – einfach so! Ich muss mich nicht dafür schämen, muss es nicht klein machen, damit ich nicht verzogen, prahlerisch oder protzig daherkomme. Denn ich möchte weder zum Weinen noch zum Lachen in den Keller gehen.