HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Außenseiter und Männerträume – manchmal ist man innerlich zerrissen

Es fängt bereits früh an, die innere Zerissenheit. stern-Autorin Laura Karasek kann davon ein Lied singen. Auch in ihrem Erwachsenenleben fühlt sie sich oft zurückversetzt in die Schulzeit.

Von Laura Karasek

Man sieht es nicht sofort, aber ich bin ein Außenseiter. Ich wollte schon als Kind lieber mit dem Cello-Jungen aus der Klasse spielen als mit den coolen Teenies Joints rauchen. Ich habe trotzdem die Joints geraucht. Und oft sehnsüchtig dem Cello-Jungen hinterhergeschaut. Ich war bei den "Flinken Federn" einer Schreibe-AG anstatt bei den "Mode Mädchen", einer Gruppe von Trendsetterinnen. Ich hatte nicht den ersten Zungenkuss, aber ich zwang mich, nicht den letzten zu haben – und nahm irgendwen, bloß um es hinter mich zu bringen. Alle trugen schon Nagellack – ich sehnte mich nach Kakao. Aber ich trank "Kleiner Feigling" mit, um keiner zu sein. Ich dachte an das Cello. Und an Rilke. Aber ich lästerte mit über die Streber. (Die -AG war damals übrigens auch eher für die "Spätzünder" – wie schlau diese IT-Jungs damals waren. Inzwischen brauchen wir sie alle.)

Ich wollte zum Fasching als Meerjungfrau gehen, als hübsche Arielle mit roten Wangen und welligem Haar. Und gleichzeitig wollte ich mich in einen riesigen Pappkarton stellen und als Waschpulver verkleiden. Ariel statt Arielle. Welche Seite war nun echt? Das uneitle Pappkistenmädchen oder die, die sich gern schminkte? Die mit den Gedichten oder die mit der BRAVO GIRL?

Meine Problemzone war nicht mein Po. Meine Problemzone war mein Herz.

Ja, diese Unsicherheit hatte ich von meinem Vater gewissermaßen übernommen. Man schaute immer auf den Blick der Anderen, man suchte der Menschen Bewunderung und hatte Angst, zu missfallen. Er, weil er ein eher armer Junge gewesen war, der sich von seinem Elternhaus emanzipieren musste und stets das Gefühl hatte, nicht richtig dazu zu gehören. Ich, weil ich mich auch nirgends zugehörig fühlte, vielleicht durch ihn, vielleicht seinetwegen. Ich wollte Plastikwimpern tragen und falsche Fingernägel – und gleichzeitig Brecht lesen und zum Tschaikovsky Konzert gehen. Ich war den Mädchen zu unangepasst, zu frech und den Jungs zu nachdenklich und zu sensibel.

Aber bei meinem Vater fühlte ich mich verstanden. Dort lag diese uneingeschränkte Erwiderungsgewissheit. Ich brauchte keine Angst zu haben, nicht zurückgeliebt zu werden. Ich musste nicht an meinem Wesen zweifeln. Das allumfassende Bekenntnis war mir gewiss.

Stille Wasser sind tief, heißt es. Aber auch die Schrillen wollen geliebt werden. Selbst der stille Cello-Junge hat irgendwann Sex. Und kifft dabei.

Und heute? Heute bin ich immer noch zerrissen. Ich bin tollpatschig und trage gleichzeitig gern hohe Schuhe.

Ich mache Dinge kaputt und verschicke die falschen Nachrichten an die falschen Menschen. Ich rutsche aus. Jede Pfütze findet mich.

Ich bin mein eigener chronischer Versicherungsfall.

Ein Frauenleben heutzutage

Und dabei sollen Frauen doch heute so perfekt sein, so Mutter und Mädchen und . Hot am Herd, Turnen mit den Kindern, beim Joggen noch Selfies machen, vegan essen und trotzdem bei Kerlen die Fleischeslust hervorrufen. Das alles soll in ein kleines (am besten size zero) Persönchen hineinpassen, meetings und charity, drei Kinder, ein Instrument, zwei Sportarten (Minimum; am besten eine Waghalsige: Kitesurfen oder so und eine "Gesunde", wie bikram yoga oder Pilates), drei Sprachen, zwei Auslandsaufenthalte, zwei Therapeuten, einen Osteopathen, unzählige Outfits, einen Topjob, mindestens zwei Praktikanten oder drei Angestellte, zwei Allergien oder Lebensmittel-Unverträglichkeiten, drei soziale Netzwerke, einen Apfel am Tag, ein Hybrid-Auto, eine Umweltorganisation, ein Patenkind, zwei Trauzeuginnen, einen schwulen besten Freund, zwei große Reisen pro Jahr, drei Wochenendtrips, die Welt sehen und verstehen, die Kinder fahren und abholen, die Männer lieben und geliebt werden, der Sekretärin ein Geschenk basteln, an die Blumen für die Schwiegermutter denken, sich beim Nachhilfelehrer der Tochter bedanken, zum Elternabend nicht zu übermüdet, aber auch nicht zu gestriegelt aussehen, zum Tag der offenen Tür für die Grundschule, zum Geschäftsessen, zur Geschäftsreise, bloß kein großes Geschäft machen, für die KiTA einen Kuchen backen, an Glühbirnen denken, die Schuhe zum Schuster, den Schein nicht verlieren, das Paket zur Post, an Briefmarken denken, mit der Krankenversicherung telefonieren, Rechnungen einreichen, auf den Spielplatz zum Buddeln – nicht vergessen zu Knuddeln, zum Friseur für die Hochzeit der besten Freundin, der Fahrradreifen aufpumpen, die Pumpe suchen, die Pumpe nicht finden, eine Pumpe kaufen gehen, alle gesammelt, ein Frauenleben heutzutage. Ja, das Bessere ist des guten Feind.

Da vermisse ich dann meine Sehnsucht nach dem Cello-Jungen und die Zeit der Meerjungfrauen und Waschpulver-verkleidungen. Damals wollte ich gar nicht so sehr dazugehören. Ich wollte auch nicht waschen und einkaufen und erledigen. Lieber ein Außenseiter als nach außen perfekt.

Ich kanns sowieso immer noch nicht besser. Ich lebe doch auch zum ersten Mal!


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren