Streik Ärzte lassen Stethoskope fallen


Die Urabstimmung der Ärzte an den Universitätskliniken ist noch nicht beendet, da verkündet die Gewerkschaft Marburger Bund schon ein Ergebnis: Es wird wohl gestreikt. Arbeitgeber und Patientenvertreter kritisieren die Entscheidung.

Bei den rund 22.000 Ärzten an Unikliniken und Landeskrankenhäusern stehen die Zeichen auf Streik. Erste Hochrechnungen zu den Urabstimmungen zeigten eine überwältigende Mehrheit für einen unbefristeten Ausstand, sagte der Sprecher der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Athanasios Drougias, am Dienstag in Berlin. In einzelnen Kliniken hätten weit mehr als 90 Prozent der Mediziner für Streik gestimmt. Dies sei "ein deutliches Signal der Klinikärzte, für ihr gutes Recht auf anständige Arbeitsbedingungen und eine leistungsgerechte Vergütung zu kämpfen". Damit drohen ab Donnerstag an Unikliniken und Landeskrankenhäusern erstmals flächendeckende und unbefristete Arbeitsniederlegungen von Ärzten.

Der Verband der Krankenversicherten Deutschlands (VKVD) forderte, bei einem Ausstand müsse eine Rundumversorgung und nicht nur eine Notfallversorgung sichergestellt sein. "Der Patient darf nicht derjenige sein, der dabei auf der Strecke bleibt", sagte Präsident Heinz Windisch der Nachrichtenagentur Reuters. Allerdings habe er bis zu einem gewissen Punkt Verständnis für den Unmut der Ärzte, da die hohe Zahl von Überstunden zu Lasten der Patienten gingen.

Längere Wartezeiten bei Operationen

Patienten müssen dadurch bei planbaren Operationen und Untersuchungen längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) kritisierte den Streik als "nicht nachvollziehbar und nicht erforderlich", da die Verhandlungen einen guten Stand erreicht gehabt hätten. Versichertenvertreter mahnten die Ärzte, den Arbeitskampf nicht auf dem Rücken der Patienten auszutragen. Geplant ist nach Angaben der Gewerkschaft, dass der Ausstand zunächst in einzelnen Kliniken beginnt, die Intensität und die Anzahl der Einrichtungen sollen nach und nach ausgeweitet werden. Notfalls werde über mehrere Wochen gestreikt.

Die bundesweiten Urabstimmungen in den Universitätskliniken sollten am Dienstagabend zu Ende gehen. Am Mittwoch will der Marburger Bund die Ergebnisse präsentieren. Für einen Streik ist die Zustimmung von 75 Prozent der an der Abstimmung teilnehmenden Ärzte erforderlich. Der Marburger Bund ging nach ersten Rückläufen davon aus, dass das notwendige Quorum deutlich übertroffen wird. In Freiburg etwa hätten Hochrechnungen eine Zustimmung von 99 Prozent der Ärzte ergeben, sagte Drougias. Für Donnerstag sind zum Auftakt der Streiks eine Großkundgebung und ein Protestmarsch in Mainz geplant. Bundesweit hatte es bisher nur Warnstreiks gegeben; an einzelnen Standorten - wie der Berliner Charite - war aber auch mehrere Tage hintereinander die Arbeit niedergelegt worden.

Streik für 30 prozent mehr Gehalt

Die Mediziner gehören dem Geltungsbereich der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) an, mit der die Ärztevereinigung vergangene Woche die Tarifverhandlungen für gescheitert erklärt hatte. Der Marburger Bund hatte den Arbeitgebern "dogmatische Unflexibilität" vorgeworfen. Die Mediziner fordern ein um 30 Prozent höheres Grundgehalt, bessere Arbeitszeiten und einen arztspezifischen Tarifvertrag. Die Gewerkschaft bekräftigte, bei einem vernünftigen Angebot sei sie jederzeit verhandlungsbereit.

Der Geschäftsführer der Länder-Tarifgemeinschaft, Ulrich Konstantin Rieger, nannte den Ausstand "unnötig und ärgerlich". Die bisherigen Verhandlungen seien gut verlaufen, seine Organisation sei dem Ärzteverband etwa bei der Bezahlung nach Leistung und bei der Arbeitszeit weit entgegen gekommen. "Es gibt aber offenbar Kräfte im Marburger Bund, die die Zeit vor den Landtagswahlen nutzen wollen, um Druck zu machen", sagte er Reuters. Forderungen nach 30 Prozent mehr Gehalt seien nicht realistisch. Jeder zusätzliche Euro belaste die Krankenkassen und letztlich die Versicherten. "Wir appellieren an die Ärzte, auf dem Boden der Realität zu bleiben", sagte Rieger.

Reuters Reuters

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