Tarifverhandlungen Uns geht's zu gut


Die Auftragsbücher sind voll, die Konjunktur brummt. Deswegen graut es den Arbeitgebern vor den Tarifverhandlungen: Es immer schwieriger, Argumente zu finden, weshalb die Löhne nicht kräftig steigen sollten.
Von Maike Rademaker, Lorenz Wagner und Oliver Wihofszki

Dass dieser rundliche Herr so leise sein kann, dieser Meister der Dramatik, der so gerne das große Wort führte, bevor er in den Kampf zog. Von eisigen Flüssen hat er mal gesprochen, von hohen Bäumen, heißen Sommern und Dürren, die bevorstünden. Und man glaubte schon, hier spräche kein Arbeitgeber, sondern Hiob, der Verkünder des Unheils. Doch in diesem Jahr ist Martin Kannegiesser, der Chef von Gesamtmetall, erstaunlich ruhig. "Lasst die Kirche im Dorf", bettelt er fast. "Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, da, wo eine Wurst hängt, hingen deren Fünfe."

Aber er bittet vergebens. Deutschlands Arbeitnehmer wollen ran an die Würste, und zwar jetzt. Kannegiessers gar nicht mal knickriges Angebot, drei Prozent mehr Gehalt, empfinden sie als Witz. Die IG Metall ist auf Krawall gebürstet, fordert 6,5 Prozent. Sie hat gute Argumente: Die Branche boomt, und der Rückhalt für die Gewerkschafter ist groß. Erstmals seit Langem findet die IG Metall für ihre Forderungen den Zuspruch der Öffentlichkeit, sogar von vielen Politikern und Ökonomen. Und den Arbeitgebern - ob nun Metaller oder Bauunternehmer, deren entscheidende Tarifrunde am Freitag startet - graut es vor den Verhandlungen. "So schwer wie diesmal war es noch nie", sagt der Personalchef eines deutschen Konzerns.

Niemand will die IG-Metall reizen

Er möchte anonym bleiben. Kaum einer will zurzeit offen über das Thema reden. Niemand möchte als Geizhals dastehen oder gar die IG Metall reizen.

Deutschlands wichtigste Gewerkschaft ist wild genug. Zu viele Niederlagen musste sie in den vergangenen Jahren einstecken. Lohnerhöhungen wurden bitter erkauft, etwa mit dem Pforzheimer Abkommen. Nun dürfen Arbeitgeber, die investieren wollen, vom Tarifvertrag abweichen, was rund 1000 der 7000 Metallunternehmen auch gleich getan haben. Sie erhöhten die Arbeitszeit, diese heiligen 35 Stunden, sie strichen Weihnachts- und Urlaubsgeld. Das hat die Mitglieder ganz schön sauer gemacht, auch wenn es die Kosten gedrückt hat und Deutschlands Wachstum nährt.

Kannegiesser ist sauer

Jetzt ist Schluss mit lustig. Das Volk will Geld sehen. So groß ist der Wunsch, dass Politiker anfangen, ihnen nach dem Mund zu reden: "Bei den gegenwärtigen Gewinnen der Unternehmen müssen die Arbeitnehmer ihren gerechten Anteil davon abbekommen", fordert Vizekanzler Franz Müntefering. Ähnliches kommt - zur Freude der Gewerkschaften - von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber. "Wo die Wirtschaft spürbar wächst", tönt er, "sollte es spürbare Lohnerhöhungen geben."

Solche Sprüche machen Kannegiesser wütend. Er sieht die Arbeitgeber als Opfer, als "Blitzableiter": Nur weil Deutschland gerade über Abzocker und Mindestlöhne debattiert, über Wachstum und Gerechtigkeit, da müssten die Unternehmer herhalten und die Taschen öffnen.

"Uns gehen die Ausreden aus"

Doch Kannegiessers Lamenti nützen nichts. Er kann mahnen, dass es noch lange nicht jedem in der Branche gut gehe, dass man für den Aufschwung "drei, vier Jahre gearbeitet" habe und dass jede Gier jetzt schade: "Es darf hier nicht wie bei Fischers Frau sein, die nicht genug kriegt." All das verfängt nicht. Gewerkschafter und Öffentlichkeit haben ihr Urteil gefällt. Zeitungen drucken Karikaturen, in denen dicke Bosse ihre Hände vors Gesicht schlagen und sich fragen: "Wie konnten wir nur in eine so furchtbare Situation kommen? Die Konjunktur boomt, wir fahren hohe Gewinne ein - uns gehen die Standardausreden aus."

Tatsächlich läuft es in der Autoindustrie viel besser als vor einem Jahr. Volkswagen hat sich saniert, neue Modelle gebracht und lieferte 2006 fast zehn Prozent mehr Autos aus. Nie zuvor hat der Konzern mehr Fahrzeuge in einem Jahr verkauft.

FTD

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