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Luftverkehr: Aeroflot holt langsam auf

In den russischen Luftverkehrsmarkt kommt Bewegung: Die Branche wächst zwar jedes Jahr bis zu acht Prozent, doch zugleich siechen regionale Fluggesellschaften dahin. Jetzt sammelt der einstige Sowjet-Monopolist Aeroflot seine Kräfte.

"In 10 bis 15 Jahren wird es nur noch 5 starke Fluggesellschaften geben", prognostizierte der Repräsentant der Delta Airlines in Moskau, Hans Wicks, vor kurzem auf einer Luftverkehrskonferenz in der russischen Hauptstadt. Der einstige Sowjet-Monopolist Aeroflot will auch im Inlandsverkehr wieder zur Nummer eins aufsteigen.

Einst größter Carrier der Welt

Einst war die 1923 gegründete Aeroflot die mit Abstand größte Fluggesellschaft der Welt. Unter dem Zeichen von Hammer und Sichel wurden über 100 Millionen Passagiere im Jahr befördert. Aeroflot regierte uneingeschränkt zwischen Brest und Wladiwostok. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfiel der einstige Gigant zunächst in rund 400 kleine und kleinste Airlines, von denen die meisten nicht überlebensfähig waren.

Die Spreu hat sich in den vergangenen Jahren weitgehend vom Weizen getrennt. Die Aeroflot ist dazu übergegangen, immer mehr abgespaltene Airlines in den Regionen aufzukaufen. Kleinen Fluggesellschaften fehlt das Geld für moderne Technik. Seit 1991 wurden in Russland mehr als 1.000 Flughäfen geschlossen, die meisten davon in den sterbenden Städten nördlich des Polarkreises und in Sibirien.

Teils veraltete Flotte

In den Metropolen brummt dagegen das Geschäft: Die Ticketpreise haben Westniveau erreicht, das Flugbenzin ist vergleichsweise billig. Bereits im kommenden Jahr will Aeroflot zum gleichberechtigten Mitglied des Sky-Teams neben Air France und Delta aufsteigen.

Große Sorgen bereiten den russischen Fluglinien jedoch ihre veralteten Flotten aus Tupolew- und Iljuschin-Maschinen, denen immer mehr Flughäfen im Westen die Landeerlaubnis verweigern. "Der Mangel an effizienten, international einsetzbaren Flugzeugen sowie modernen Flughäfen wird das Wachstum auf dem russischen Luftverkehrsmarkt bremsen", warnt der Aeroflot-Manager Sergej Koltowitsch. Mit Strafzöllen versucht der Staat vergeblich, die kollabierte heimische Flugzeugindustrie vor westlicher Konkurrenz zu schützen.

Derzeit 96 Airlines

Was heute in den Weiten Russlands und in den selbstständig gewordenen neuen Staaten herumfliegt, ist immer noch verblüffend: Nicht weniger als 96 Airlines gibt es derzeit allein in Russland. In den übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken sind es 79. Allein in der Ukraine sind 28 Fluggesellschaften registriert. Acht gibt es in Kasachstan, je vier in Aserbaidschan und in Armenien. Dabei sind nur Airlines mit Flugzeugen erfasst, die mehr als 20 Passagiere transportieren können.

Viele Fluggesellschaften leben von der Hand in den Mund und schlachten ältere Flugzeuge aus, um sich mit Ersatzteilen versorgen zu können. Entsprechend ist es bei ihnen um die Sicherheit bestellt. Andererseits gibt es zwischen Brest im Westen, Wladiwostok im Fernen Osten, Murmansk im Norden und Eriwan im Süden auch zahlreiche Airlines, die in punkto Sicherheit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit internationalen Maßstäben gerecht werden.

Wenige entsprechen internationalen Normen

In Russland entsprechen Aeroflot, Pulkovo Aviation, East Line, Transaero sowie der Inlandsmarktführer Siberian Airlines bereits weitgehend international üblichen Normen. Während die Auslandsziele seit langem mit Airbus oder Boeing angeflogen werden, kommen im Inland noch häufig die alten Tupolews oder Iljuschins zum Einsatz. Auch in der Ukraine und Armenien haben sich einige moderne Airlines etabliert. Vielfach lassen die Unternehmen ihre Flugzeuge in Westeuropa beispielsweise in Hamburg und Toulouse warten; oft kooperieren sie auch mit renommierten europäischen Airlines. Schließlich fliegen solche Gesellschaften international und müssen mit gestandenen Airlines konkurrieren.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch wunderliche Dinge. Da existiert in der Stadt Jekaterinenburg östlich des Ural die Firma Aviaprad mit einem einzigen Iljuschin-76-Frachter. Fast ein historisches Unikum ist Orenburg Airlines: Die bereits 1932 in der einstigen Kosakenhauptstadt gegründete Fluggesellschaft fliegt heute sogar regelmäßig Charter nach Frankfurt und Nürnberg. Selbst Kaliningrad, das einstige Königsberg, hat eine eigene Fluggesellschaft: Kaliningrad Avia verbindet mit neun Tupolew-134 die russische Exklave mit Russland.

Karl Morgenstern und Stefan Voß, dpa / DPA