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Tragödie in Moskau: Katastrophale Notlandung: Funkverkehr zwischen Piloten und Fluglotsen offenbar durchgesickert

41 Menschen starben in einer Aeroflot-Maschine auf dem Rollfeld des Moskauer Flughafens Scheremetjewo. In den russischen Medien tauchte nun ein Mitschnitt des Funkverkehrs auf, der die letzten Minuten an Bord protokollieren soll.

Moskau: Das russische Passagierflugzeug vom Typ Suchoi Superjet-100 brennt bei seiner Notlandung auf dem Flughafen Scheremetjewo

Moskau: Das russische Passagierflugzeug vom Typ Suchoi Superjet-100 brennt bei seiner Notlandung auf dem Flughafen Scheremetjewo

DPA

Technische Störungen zwangen am Sonntag eine russische Aeroflot-Maschine zu einer Notlandung, die 41 Menschen das Leben kostete. Ersten Ermittlungsergebnissen zufolge kam es bei der Landung des Fliegers in den Treibstofftanks zu einer Explosion. Das Flugzeug ging auf dem Rollfeld in Flammen auf. Ob ein technischer Defekt oder ein Fehler des Piloten zu dem Brand geführt hat, müssen Ermittler nun klären. Was an Bord des Suchoi Superjets wenige Minuten vor der katastrophalen Landung geschah, offenbart jetzt wohl ein Mitschnitt des Funkverkehrs zwischen den Piloten und den Fluglotsen in Moskau. Der private Sender Ren TV veröffentliche eine Transkription des Gesprächs.

Der Inhalt enthüllt, dass der Kapitän des Fluges SU 1492, Denis Ewdokimow, den Schaden am Flugzeug nach einem Blitzeinschlag als ernst, aber nicht als kritisch eingestuft hat. Für die Meldung an die Fluglotsen benutzte er das Pan-Pan-Signal (vom französischen Wort la panne abgeleitet, zu deutsch Panne). Diese Dringlichkeitsmeldung bedeutet, dass das Flugzeug und die Passagiere einer besonderen Gefahr ausgesetzt sind, jedoch keine Bedrohung für das Leben besteht und keine sofortige Hilfe erforderlich ist. Wenn Lebensgefahr besteht, muss der Pilot Mayday funken. 

Da das vollständige Protokoll sehr umfangreich ist und Informationen und Kodierungen enthält, die nur Fachleuten verständlich sind, wird es an dieser Stelle verkürzt wiedergegeben.

Der Funkverkehr zwischen Pilot und Fluglotse

Mit "Pan-Pan, Pan-Pan, Pan-Pan!" meldete sich der Pilot bei den Fluglotsen rund 25 Minuten nach dem Start der Maschine um 18.02 Uhr. "Aeroflot 1492. Anflug Moskau. Bitten um Rückkehr. Verlust der Funkverbindung und Flugzeug im Direct Mode [Manuelle Steuerung, Anmerkung der Redaktion]."

Der Fluglotse funkt zurück: "Aeroflot 1492. Geht in den Sinkflug über."

Pilot: "Kurs 057. Wir gehen runter."

Fluglotse: "Bestätigt. Geht runter."

"Habt ihr die Möglichkeit, in Funkverbindung zu bleiben?", fragt wenig später der Fluglotse. Die Frage bleibt unbeantwortet. Die SU 1492 kämpft offenbar mit schlechter Funkverbindung. 

Das folgende Signal kommt aber durch. Der Fluglotse gibt eine neue Staffelung durch: "Aeroflot 1492. Sinkt in Staffelung 70."

Pilot: "Anflug Moskau. Sinken in Staffelung 70."

Pilot bricht ersten Landeversuch ab

Immer weiter führt der Fluglotse den Flieger an die Landebahn heran. "Kurs 160. Wird irgendeine Hilfe notwendig sein?", fragt er. "Nein, bislang alles gut. Ordnungsgemäß", antwortet der Pilot. 

Fluglotse: "Ihr habt nur Kommunikationsprobleme, habe ich das richtig verstanden?"

Pilot: Kommunikationsprobleme und der Verlust der automatischen Steuerung des Flugzeugs."

Fluglotse: "Verstanden."

Pilot: "Kurs 180. Gehen in 600 Metern in Landeanflug über."

Fluglotse: "[...] Landung erlaubt. Halten Sie den Kurs nach rechts."

Wenig später meldet jedoch der Pilot: "Bitte um eine Warteschleife. Wir sind für eine Landung nicht bereit."

Fluglotse: "Verstanden. Nehmen Sie Kurs 350 nach rechts."

"Flightradar" dokumentiert Schleife über Moskau 

Die Maschine dreht einen Kreis über Moskau. Satellitenbilder der Website "Flightradar24.com" belegen das Manöver. 

Die Funkverbindung reißt offenbar wieder ab. Drei Mal wiederholt der Fluglotse die Frage: "Können Sie mir sagen, wann Sie für die Landung bereit sind? Wir können Sie nicht hören." Erst nach dem dritten Versuch antwortet der Pilot: "Wir sagen Bescheid."

Einige Augenblicke später startet Ewdokimow einen erneuten Landeversuch. Der Fluglotse gibt den Kurs durch und erkundigt sich: "Werden sie selbst landen oder mit ILS [Das Instrumentenlandesystem ist ein bodenbasiertes System, das den Piloten in den Flugphasen vor der Landung unterstützt, Anmerkung der Redaktion]

Pilot: "Mit ILS."

Fluglotse: "Verstanden. Landung mit ILS. Spur 24, links. [...] Landung erlaubt."

Pilot: "Verstanden."

Fluglotse rechnet nicht mit Katastrophe 

Nun bittet der Fluglotse die Notfalldienste des Flughafens auf die Landebahn. "In einer halben Minute sind wir da", melden sich die Notfalldienste zurück. Sie fassen die Lage nochmals zusammen: "Kommunikationsfehler, Ausfall des automatischen Steuerungssystems. Ordnungsgemäßer Landeanflug." Der Pilot bestätigt: "Bereit für die Landung."

Fluglotse: "Das war's. Lasst ihn landen. Nach rechts, dort hat er seinen Parkplatz. Fragen Sie ihn nach der Landung, ob er selbst hinsteuern kann", weist er einen Kollegen an. Der Fluglotse glaubt offenbar, alles bereits in trockenen Tüchern zu haben. "Hier kommt er, passiert den Anfang der Landebahn. Fragt nochmal, ob er selbst steuern kann ... Schaut nur! Oh, *** ...", schreit der Lotse. Es folgen Kraftausdrücke. 

Experten kritisieren Verhalten des Piloten 

Nach nur wenigen Sekunden auf der Landebahn fängt die Maschine Feuer. Die Fluglotsen rufen sofort die Feuerwehr. Der Funkverkehr zeigt, dass weder der Pilot noch das Bodenpersonal mit der katastrophalen Entwicklung gerechnet haben. 

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Der veröffentlichte Mitschnitt bestätigt außerdem die bisherige Aussage des Piloten, wonach nach einem Blitzeinschlag die automatische Steuerung ausgefallen sei und es Probleme mit der Funkverbindung gegeben habe. Doch immer mehr Experten kritisieren das Verhalten des Piloten.

Der russische Flugsicherheitsexperte Alexander Romanow schätzt, dass ein Fehler der Besatzung zu der Tragödie geführt hat. "Einige Aspekte wurden bereits von anderen Experten angesprochen, zum Beispiel die Überschreitung des maximalen Landegewichts oder die zu hohe Landegeschwindigkeit. Aber es gab auch andere Fehlberechnungen", sagte Romanow, der selbst 20 Jahre als Pilot gedient hat, der Zeitung "Komsomolskaja Prawda".

"Als das Flugzeug zu landen versuchte, hüpfte es über die Landebahn. Nach allen Regeln hätte die Crew durchstarten und noch eine Schleife drehen müssen." Stattdessen habe sie eine Vollbremsung durchgeführt. "Infolgedessen sank die Nase nach unten. [...] Das Fahrwerk durchbrach die Flügel des Flugzeugs, in denen sich die Treibstofftanks befinden. Das Kerosin ergoss sich und fing an zu brennen."

Auch Thomas M. Friesacher, Luftfahrtexperte und selbständiger Gutachter für Flugzeugunfälle, sagte in einem Gespräch mit dem stern, dass ein Fehler des Piloten zum Brand nach der Landung geführt haben könnte. "Für mich sieht es so aus, als ob die Piloten sich da in irgendwas hineingesteigert haben und zu schnell wieder gelandet sind - aus einem Grund, den ich nicht beurteilen kann", sagte der aktive Pilot. "Da ist bei der Landung irgendwas schiefgelaufen."