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Meldungen: Freizeitpark in der Krise - Sind die Deutschen zu faul?

Die These, die Deutschen seien zu faul, hat in wirtschaftlich schlechten Zeiten Konjunktur. Dabei gelten Fleiß und Disziplin wieder als modern. Oft wirken Managementfehler demotivierend auf die Mitarbeiter.

Drei Mal im Jahr Fernurlaub und nach 35 Stunden Arbeit ins Wochenende starten - auch zehn Jahre nach Alt- Bundeskanzler Helmut Kohls Metapher vom "kollektiven Freizeitpark" von 1993 sehen viele einen Grund für die deutsche Wirtschaftsmisere in mangelnder Arbeitsmoral. Zuletzt kritisierte Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) die Deutschen, trotz der Konjunkturkrise noch auf zahlreichen Feiertagen zu bestehen. Fleiß als Tugend scheint out. Haben die Menschen in Deutschland es verlernt, die Ärmel hochzukrempeln und gegen die Krise anzuarbeiten?

Sind die Deutschen zu faul?

Seit den 60ern hat sich die Zahl der Urlaubstage in Deutschland immerhin fast verdoppelt, der Anteil der Freizeit übersteigt inzwischen den der Arbeitszeit. Nur 15 Prozent aller Deutschen sind engagiert am Arbeitsplatz und empfinden ihr Tun als befriedigend, stellte die Unternehmensberatungsgesellschaft Gallup (Potsdam) fest. Hat sich in Deutschland tatsächlich eine Faulenzer-Mentalität breitgemacht? Arbeits- und Sozialforscher haben daran deutliche Zweifel.

Faulenzer-These hat lange Tradition

"Es hat eine lange Tradition, bei Wirtschaftsflauten von einer sinkenden Arbeitsmoral deutscher Arbeitnehmer zu sprechen. Auch derzeit ist diese These wieder sehr beliebt", sagt Bernd Jürgen Warneken, Professor am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Untersuchungen bestätigten diese These aber nicht.

"Fleiß nach wie vor hoch im Kurs"

Auch die Wissenschaftler von Gallup interpretieren das mangelnde Engagement am Arbeitsplatz nicht als Faulheit, sondern als Frust der Mitarbeiter über schlechtes Management: Die Chefs seien zu autoritär, das Arbeitsklima nicht fördernd genug und die Erwartungen an den Einzelnen nicht klar definiert. «Fleiß und Pflichterfüllung stehen in Deutschland nach wie vor hoch im Kurs», sagt Warneken. Allerdings stehe auch «Spaß an der Arbeit» im Mittelpunkt.

Jugend nach Studie realistisch und pragmatisch

Bei der Jugend ist angesichts der Schwierigkeiten, einen Platz im Berufsleben zu finden, die "Null Bock"- Mentalität der 70er und 80er Jahre längst vorbei. "Faulheit und Sich-Hängen-Lassen sind nicht gefragt", sagt der Projektleiter der 14. Shell Jugendstudie, Klaus Hurrelmann. Für 75 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren waren bei der Befragung 2002 Werte wie Fleiß und Ehrgeiz wichtig; in den 80ern nannten nur 62 Prozent diese Werte. "Sie sehen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt realistisch und pragmatisch, erklären aber mit einer hohen Leistungsmotivation 'Jetzt erst recht'", sagt der Bielefelder Professor.

Umfragen zeigen: 62 Prozent der Berufstätigen in Deutschland würden auf Urlaubstage verzichten, wenn dadurch Arbeitsplätze gesichert werden könnten (Emnid-Institut). Fast 80 Prozent der deutschen Beschäftigten, aber nur knapp 60 Prozent der europäischen Arbeitnehmer, machen nie blau (Karriere-Netzwerk «Monster»). Und die krankheitsbedingten Fehlzeiten in Betrieben sind im ersten Halbjahr dieses Jahres auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen. "Geht die Konjunktur herunter, sinken die betrieblichen Krankenstände", erklärt die Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, Jutta Allmendinger.

Fleiß und Disziplin wieder im Trend

Unternehmensberater und Forscher bescheinigen den Deutschen nicht nur angesichts der Konjunkturkrise einen Wertewandel. Postmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung durch die Arbeit seien in den 80ern sehr stark gewesen. Nun würden sie wieder ergänzt durch traditionelle Arbeitstugenden wie Disziplin und Fleiß und das Bedürfnis nach materieller Sicherheit.

Probleme bei der Motivation

"Die Deutschen sind eher fleißige Arbeiter», bestätigt Walter Ganz vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Deutschland habe sich durch eine hohe Produktivität und durch den Fleiß der Mitarbeiter die 35-Stunden-Woche überhaupt leisten können. «Vielleicht haben wir in Deutschland aber ein Problem, Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern."

Führungskräfte sind gefragt

Das Scheitern des IG Metall-Streiks zur Einführung der 35-Stunden- Woche im Osten setzt für Experten deutliche Signale: "Die Leute haben erkannt, dass sie über eine Rückführung der alten Arbeitszeiten oder eine 42-Stunden-Woche eine ernsthafte Diskussion führen müssen", sagt der geschäftsführende Gesellschafter des Instituts für Innovation und Management in Stuttgart, Roland Springer: Er sei überzeugt, die Deutschen würden mehr arbeiten und leisten, um ihren Lebensstandard zu halten. Es sei an den Führungskräften aus Politik und Wirtschaft, dies zu erkennen und die Leute «mitzunehmen». "Die Passagiere auf dem Dampfer sind nicht das Problem, sondern die Menschen auf der Kommandobrücke."

Christiane Löll / DPA