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Mode-"Déjá-vu": Überlebt Jil Sander ohne Jil Sander?

Es ging wohl wieder ums leidige Geld: Die kargen Informationen, die zur Trennung von Jil Sander und der gleichnamigen Modefirma nach außen sickerten, deuten darauf hin. Die Auswirkung für die Marke sind unabsehbar.

Demnach soll Sander Schwierigkeiten mit dem Sparkurs gehabt haben, der vom italienischen Mehrheitseigner Prada geplant war. Schon beim ersten Abschied der Hamburgerin von ihrem einstigen Unternehmen im Januar 2000 hatte es Streit gegeben zwischen ihr und dem Prada-Chef Patrizio Bertelli über Sanders eiserne und teure Qualitätsstandards. Der nun offenkundig gewordene zweite Konflikt scheint ähnlich. Das US-Branchenblatt "Women's Wear Daily" sprach von einem "Déjá-vu"- Erlebnis. Die Frage allerdings, ob die Marke Jil Sander nun ohne die Gründerin lange weiter existieren kann, stellen viele Beobachter deutlich schärfer als vor vier Jahren.

Hat "nichts mit Kreativität" zu tun

Sander selbst äußerte sich in einem Gespräch mit der Zeitung "Die Welt" vorsichtig zu ihrem zweiten Abschied. "Es gibt Situationen im Leben, da entwickeln sich die Dinge anders als man will, und dann muss man Konsequenzen ziehen", sagte sie. Und: "Ich scheide nicht im Zorn." Dass sie viel Energie in die Wiederbelebung der seit ihrem ersten Weggang auf Talfahrt befindlichen Marke gesteckt hat, bezweifelt niemand. Auch Patrizio Bertelli scheint an der kreativen Leistung der Designerin, die er 2003 wieder ins Boot geholt hatte, nichts auszusetzen zu haben. "Es hat nichts mit Kreativität zu tun", hieß es in Mailand.

Dass Prada unter starkem finanziellen Druck steht, ist länger bekannt. Zumal die Luxusgruppe einen - wegen der schlechten Marktsituation schon zweimal verschobenen - Börsengang plant. Bis dahin will man gut dastehen. Vor wenigen Wochen hatte Prada die Anteile an der Modefirma Helmut Lang auf 100 Prozent erhöht. Dies deutet auf den Wunsch nach "geordneten Verhältnissen" und umfassender Entscheidungskompetenz hin. Bei Jil Sander hatte die Rückkehr der "Chefin" zu einem Umsatzanstieg von 4 Prozent geführt. Der Fehlbetrag der Firma belief sich dennoch auf 17 Millionen Euro.

Alle von Bertelli enttäuscht

Viele Händler und Moderedakteure zeigten sich noch am Donnerstag - zwei Tage nach Bekanntgabe der Trennung - von der Nachricht enttäuscht. Gerade die Anfang Oktober in Mailand gezeigte Kollektion für Frühjahr/Sommer 2005 hatte sie begeistert. Dass Bertelli einen Weggang der 60-jährigen Sander riskieren könnte, schien ausgeschlossen. Schließlich hatte sich sein früheres Statement "Es zählt nicht der Name (des Designers), sondern die Qualität des Produkts" als Fehleinschätzung erwiesen.

Erneut aufflammen wird nun die Diskussion in der Branche um die Kompetenzen eines Designers im Dienste einer Luxusgruppe überhaupt. Ordnet er sich zu wenig ins Glied - das zeigt der Fall Sander -, funktioniert die Firmenstrategie nicht. Wenn die Marke jedoch so auf eine Persönlichkeit zugeschnitten ist wie hier, funktioniert das Ganze ohne den prägenden Kopf noch weniger. Manchmal auch gar nicht.

Sanders Kollegen sollen weitermachen

Allerdings: Prada-Sprecher Jason Jacobs sagte am Donnerstag, dass die Prada-Gruppe nach wie vor fest an die Marke Jil Sander glaube. Man werde mit Sander-Vorstandschef Gian Giacomo Ferraris zusammen alles tun, um das einstige Vorzeigelabel wieder profitabel zu machen. Zunächst soll ein aus Sanders bisherigen Arbeitskollegen bestehendes Team den Kreativ-Bereich fortführen. Die Frage, ob später ein neuer Chefdesigner komme, könne er jedoch nicht beantworten. Ganz unabhängig davon gilt eines als so gut wie sicher: Jil Sander, die noch im November 61 wird, dürfte kaum ein zweites Comeback wagen.

Stefanie Schütte, dpa / DPA