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Keine Angst vorm "Grexit": Kehrt die Drachme bald zurück?

Vor gut 100 Jahren flog Griechenland bereits aus einer Währungsunion. Das Szenario eines "Grexit" braucht heute niemanden zu ängstigen: Sowohl Hellas als auch Europa könnten davon profitieren.

Von Adriano B. Lucatelli

Ein Grexit, also der Austritt Griechenlands aus der Eurozone, wäre für Europa verkraftbar.

Ein Grexit, also der Austritt Griechenlands aus der Eurozone, wäre für Europa verkraftbar.

Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone, auch "Grexit" genannt, ist wieder in aller Munde. Das ist für viele ein undenkbares Schreckensszenario, das mit aller Gewalt verhindert werden muss. Ein "Grexit", verbunden mit der Einführung einer neuen Drachme, würde zu merklichen Verwerfungen an den Finanz- und Kapitalmärkten führen und tiefe Spuren in Europas Wirtschaft hinterlassen – sogar die Währungsunion wäre in Gefahr, so wird bereits argumentiert. Doch ist dem auch wirklich so? Die knappe Antwort lautet: Nein.

Syriza wäre weggeschwemmt

Natürlich dürfte die Lage in Griechenland vorübergehend sehr unübersichtlich werden. Athen würde den Staatsbankrott anmelden, und die Banken müssten vor einem "Bankensturm" geschützt werden. Kurzfristig müssten auch Kapitalverkehrskontrollen zur Verhinderung einer Geldflucht ins Ausland eingeführt werden. Dies alles würde den Lebensstandard in Hellas zumindest für die nächsten zwei, drei Jahren weiter reduzieren.

Politisch könnte sich das Wahlbündnis Syriza nicht halten und würde weggeschwemmt. Soziale und politische Wirren wären die Folgen.

Neue Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum

Doch längerfristig stünden die Chancen für Griechenland besser, aus der wirtschaftlichen Misere herauszukommen, wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Die Produkte griechischer Unternehmer wie Olivenöl, Käse und Urlaubsreisen wären auf dem globalen Markt billiger, und die schwache Drachme würde auf Griechenland wie Einfuhrzölle wirken. Durch die Abwertung würde die Wirtschaft wieder konkurrenzfähig, könnte wieder wachsen und wichtige Arbeitsplätze schaffen.

Auch Deutschland kann einem möglichen "Grexit" gelassen entgegenblicken. Insgesamt hat Hellas Schulden von rund 320 Milliarden Euro, wovon 250 Milliarden Euro auf öffentliche Gläubiger entfallen. Bei einem Anteil von gut 20 Prozent müssten die deutschen Steuerzahler also Forderungen in der Größenordnung von 50 Milliarden Euro ans Bein streichen.

Deutsche Firmen kaum betroffen

Das erscheint als ein großer Betrag, ist aber für eine Volkswirtschaft wie Deutschland gut verkraftbar. Als Vergleich: Die Schweizer Großbank UBS musste während der Finanzkrise knapp 60 Milliarden Schweizer Franken abschreiben, und JP Morgan hat allein 2013 mehr als 11 Milliarden US-Dollar für Rechtskosten ausgegeben.

Nicht anders sieht es für deutsche Firmen aus. Weniger als 0,5 Prozent der ausgeführten Produkte gehen nach Griechenland. Das dürfte die Arbeitnehmer bei der Auto- und Maschinenindustrie kaum beunruhigen.

Auch die Finanzmärkte würden sich nach einem kurzen Taucher wieder normalisieren. Der Euro dürfte sogar gestärkt aus dieser Geschichte heraus kommen, weil das Problemkind draussen wäre.

Nicht der erste Rauswurf

Schließlich sollte man die politischen Folgen für Europa nicht überbewerten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus einer Währungsunion nichts Neues wäre. Bereits 1908 wurde Hellas aus der Lateinischen Münzunion (1865–1914) rausgeworfen, weil es geschummelt hatte. Athen druckte fleißig ungedecktes Geld und zog dafür aus den anderen Mitgliedstaaten stammende Gold- und Silbermünzen ein.

Fazit: Europa ist heute durchaus in der Lage, die wirtschaftlichen und politischen Folgen eines "Grexit" wegzustecken. Der Euro würde wegen des Ausscheidens von Hellas nicht scheitern.

Dr. Adriano B. Lucatelli ist Schweizer Vermögensverwalter und Dozent an der Universität Zürich. Sie können dem Autor auf Twitter folgen.