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Allan Greenspan: Politische Sprengsätze und Anekdoten

Alan Greenspan war fast zwei Jahrzehnte lang Chef der US-Notenbank. Der Herr des US-Dollar konnte die Welt-Finanzmärkte zum Weinen oder Jubeln bringen. Oft sprach er in Rätseln. "Greenspeak" zu dechiffrieren galt an der Wall Street als Kunst. Nun hat der "Maestro", inzwischen 81 Jahre alt, seine Memoiren geschrieben.

Von Norbert Höfler

Fünf US-Präsidenten - von Richard Nixon bis George W. Bush - hat Greenspan aus der Nähe zunächst als Politik-Berater und ab 1987 als Chef der US-Notenbank erlebt. Der US-Verlag Penguin Press hütete den brisanten Stoff mit dem Titel "The Age of Turbulence: Adventures in an New World" dann auch wie ein Bankgeheimnis. Erst am Montag sollte das Werk enthüllt werden. Doch das Wall Street Journal wollte so lange nicht warten und erklärte in seiner Online-Ausgabe, man habe in einem Buchlanden im Raum New York das Greenspan-Buch ganz legal gekauft und fühle sich damit an keinerlei Verschwiegenheitsverpflichtung mehr gebunden. Der Stoff war damit auf dem Markt.

Das Buch erscheint am Montag auch in Deutschland. Der Titel "Mein Leben für die Wirtschaft" (Campus Verlag, 24,90 Euro) klingt dröge. Doch zwischen den Buckdeckeln stecken politische Sprengsätze und herrliche Anekdoten. stern.de hat gelesen und einige ausgewählt:

Greenspan über sich und Elvis Presley:

"Ich war 1966 gerade vierzig geworden, was bedeutet, dass ich in den 50er Jahren erwachsen geworden war, als man Anzug und Krawatte trug und Pfeife (mit Tabak) rauchte. Ich hörte Mozart und Brahms und war Benny Goodman und Glenn Miller treu geblieben. Die populäre Musik wurde mir fast völlig fremd, als Elvis Presley die Bühne betrat. In meinen Ohren war das an der Grenze zum Lärm. Die Beatles fand ich als Musiker gar nicht so übel: Sie konnten singen, hatten einnehmende Persönlichkeiten und verglichen mit dem, was folgte, klang ihre Musik beinahe klassisch. Die Kultur der 60er war mir fremd. Ich war zutiefst konservativ und glaubte an Anstand und Moral."

Greenspan über Richard Nixon, für den er als Wirtschaftsberater im Wahlkampf aktiv war: "Er (Nixon) war ein kein Antisemit. Er war antisemitisch, antiitalienisch, antigriechisch, antislowakisch. Er war pro gar nichts. Er hasste alle. Er konnte die hinterfotzigsten Dinge über Henry Kissinger sagen, aber er ernannte ihn zu seinem Außenminister."

Greenspan über den US-Präsidenten Gerald Ford

, den er in Wirtschaftsfragen beraten hat: "Er war vermutlich einer der ganz wenigen Menschen, der bei einem Psychotest ein normales Ergebnis erzielt hätte."

Greenspan über US-Präsident Ronald Reagan

, der ihn 1987 zum US-Notenbankchef machte: "Was mir an Reagan gefiel, war die Klarheit seines Konservatismus. Heute findet sich kaum ein Konservativer, der bei sozialen Themen nicht ausweicht. Doch Reagans Konservatismus bestand darin, zu erklären, harte Liebe sei gut für den Einzelnen und gut für die Gesellschaft."

Über seine Angst vor dem Amt des US-Notenbankchefs:

"Die Leitzinsen für eine ganze Volkswirtschaft festzulegen, schien meinen Horizont bei weitem zu übersteigen. Bei der Vorhersage für eine derart komplexe Volkswirtschat wie der unsrigen liegt man nicht zu 90 Prozent richtig, man kann von Glück reden, wenn man bei 60 Prozent landet."

Über die Nacht vor seiner ersten Sitzung als US-Notenbankchef: "Andrea (seine Frau) macht sich bis heute darüber lustig, dass ich zu ihr nach Hause kam und mich mit einem Leitfaden (über die Regeln der Notenbank) ins Bett kuschelte."

Über US-Präsident George Herbert Walker Bush

(Vater von George W. Bush): "In seine Amtszeit fielen große Ereignisse: das Ende des Kalten Krieges, der Fall der Berliner Mauer, ein Sieg im Golfkrieg. Doch die Wirtschaft bleibt seine Achillesferse, und aus diesem Grund hatten wir ein entsetzliches Verhältnis zueinander."

Über US-Präsident Bill Clinton:

"Was Intelligenz anging, war Clinton zweifelsohne Nixon ebenbürtig."

Über die Gründe für den

"Schwarzen Montag"

an den Weltbörsen im Oktober 1987: "Bis heute gibt es eine Menge Hypothesen darüber, was diesen Rekordsturz ausgelöst haben könnte. Die Erklärungen reichen von Spannungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis bis zu hohen Zinsen. Wir konnten damals zwar beobachten, dass es mehr Verkäufer als Käufer gab. Aber warum, das weiß bis heute niemand."

Über die Geburt des Dotcom-Booms:

"Der 9. August 1995 sollte als das Geburtsdatum des Dotcom-Booms in die Geschichtsbücher eingehen. Es war der Tag des Börsengangs von Netscape."

Über Clintons Sex-Affäre mit Monica Lewinsky:

"Als Details der angeblichen Treffen bekannt wurden, konnte ich es nicht glauben. Ich kenne den Raum zwischen dem Oval Office und dem privaten Esszimmer des Weißen Hauses. Die Mitarbeiter und Sicherheitsleute gehen dauernd ein und aus. Das geht gar nicht. Als später herauskam, dass die Geschichten tatsächlich stimmten, fragte ich mich, wie der Präsident ein derartiges Risiko (mit Lewinsky erwischt zu werden) eingehen konnte."

Über Ungleichheit:

"Die zunehmende Einkommenskonzentration stellt eine Bedrohung für den sozialen Frieden und die Stabilität demokratischer Gesellschaften dar. Diese Ungleichverteilung könnte eine zwar politisch nützliche, aber wirtschaftlich zerstörerische Gegenbewegung in Gang setzen."

Über die Schulden-Politik

von US-Präsident George W. Bush: "Der Satz 'Das Defizit spielt keine Rolle' wurde zu meinem Leidwesen das wirtschaftspolitische Schlagwort der Republikaner."

Greenspan über Polit-Karrieristen:

"Ich stellte fest, dass Menschen, die auf der politischen Karriereleiter ganz oben stehen, wirklich anders gepolt sind. Ich dränge seit Jahren erfolglos auf einen Verfassungszusatz, der lautet: 'Jeder, der bereit ist, all das zu tun, was nötig ist, um Präsident zu werden, wird genau aus diesem Grund von diesem Amt ausgeschlossen. Und das meine ich nur halb im Scherz.'"

Der stern druckt in seiner nächsten Ausgabe ein ausführliches Gespräch mit Alan Greenspan.