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DaimlerChrysler: Die Liste der Grausamkeiten

Seitdem klar war, dass Chrysler die gesetzten Renditeziele nicht erreichen wird, hielt sich DaimlerChrysler-Konzernchef Dieter Zetsche alle Optionen offen. Nun stellt er seine Liste der Grausamkeiten vor: In den USA werden 13.000 Jobs gestrichen, ein Werk geschlossen - und das ist noch nicht alles.

DaimlerChrysler will die angeschlagene US- Tochter Chrysler mit weiteren harten Einschnitten sanieren und schließt neun Jahre nach der Fusion eine Trennung nicht aus. Nach einem Milliardenverlust bei Chrysler im vergangenen Jahr kündigte die Vorstandsriege des Konzerns am Mittwoch in Auburn Hills harte Einschnitte an, die den Autobauer bis 2008 wieder auf die Gewinnstraße führen sollen.

DaimlerChrysler prüfe darüber hinaus aber auch "weitere strategische Optionen", sagte Vorstandschef Dieter Zetsche. Obwohl er es vermied, das Wort "Trennung" in den Mund zu nehmen, wollte er auf Nachfrage ausdrücklich keine Option ausschließen. Presseberichte, wonach bereits mit General Motors (GM) über den Verkauf von Chrysler verhandelt wird, wollte Zetsche nicht kommentieren. US- Branchenbeobachter bezeichneten diese Variante aber als unwahrscheinlich.

Zunächst stehen bei Chrysler harte Einschnitte an. Bis 2009 sollen in den USA und Kanada 13.000 Stellen gestrichen werden. Ein Montagewerk von Chrysler in Newark (US-Bundesstaat Delaware) wird geschlossen. Unter dem früheren Chrysler-Chef Zetsche waren bereits zuvor 26.000 Stellen gestrichen worden. Mit dem neuen Sparprogramm dürfte die Zahl der Beschäftigten dann auf weniger als 70.000 sinken. Chrysler-Chef Tom LaSorda kündigte an, die internationale Präsenz von Chrysler stärken und durch Partnerschaften Kostenvorteile ausschöpfen zu wollen. So soll der drittgrößte Autobauer der USA von 2008 an wieder schwarze Zahlen schreiben. Angepeilt ist eine Umsatzrendite von 2,5 Prozent im Jahr 2009.

Position in Asien stärken

Die Restrukturierungskosten werden bis zu einer Milliarde Euro betragen. Die Kosten bei Chrysler sollen bis 2009 um 3,5 Milliarden Euro gedrückt werden. Eine engere Verzahnung von Chrysler und Mercedes-Benz sieht der Sanierungsplan nicht ausdrücklich vor. In Konzernkreisen hieß es aber, dass die verschiedenen bereits begonnenen und geplanten Projekte natürlich weitergingen. Zetsche hat mehrfach erklärt, dass die Zusammenarbeit der Konzernteile deutlich enger werden müsse.

Für den Automobilexperten Prof. Willi Diez ist diese Strategie überfällig: Mehr als 90 Prozent der Chrysler-Pkw würden in den USA verkauft. Chrysler müsse jetzt damit beginnen, sich eine starke Position in Asien aufzubauen, sagte Diez. Das allerwichtigste seien neue attraktive und verbrauchsarme Modelle. Die angekündigten Optionen des DaimlerChrysler-Vorstandes für Chrysler seien "die letzte Chance".

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratschef, Erich Klemm, warnte vor einem "finanziellen Abwärtsstrudel" wegen der Krise bei Chrysler. "Wir wollten sicherstellen, dass der Kern von Daimler vor einem möglichen finanziellen Abwärtsstrudel der Chrysler Corporation geschützt werden kann", verdeutlichte Klemm die Strategie der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Es sei deutlich geworden, dass die Synergiepotenziale zwischen Mercedes-Benz und Chrysler begrenzt seien.

Massaker am Valentinstag

Angesichts des "Valentinstag-Massakers", wie US-Journalisten die Rosskur zur Sanierung von Chrysler schnell tauften, gerieten die am Mittwoch vorgelegten Zahlen in den Hintergrund. 2006 erwirtschaftete der Konzern dank der lebhaften Nachfrage bei Mercedes und im Lastwagengeschäft zwar mehr Umsatz und Gewinn als angenommen, die Milliardenverluste bei Chrysler trübten aber die Bilanz "Es war ein schwieriges und enttäuschendes Jahr für die Chrysler Group", gab Zetsche zu. Auch für das laufende Geschäftsjahr gab sich der Konzernchef zurückhaltend. So soll der Absatz zwar wieder leicht ansteigen, beim Umsatz werden aber erst wieder ab 2008 Fortschritte erwartet. Allerdings werde die Ertragskraft des Konzerns in den kommenden drei Jahren deutlich steigen.

2006 stieg das operative Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr von 5,2 auf auf 5,5 Milliarden Euro. Unterm Strich verdienten die Stuttgarter ebenfalls mehr. Der Überschuss kletterte von 2,8 auf 3,2 Milliarden Euro. Der Umsatz verbesserte sich um ein Prozent auf 151,6 Milliarden Euro. Die Zuwächse verdankte der Konzern vor allem seiner Kernmarke Mercedes. Nach operativen Verlusten in Höhe von 505 Millionen Euro im Vorjahr schaffte die Mercedes Car Group einen Gewinn von 2,4 Milliarden Euro. Die Truck Group steigerte 2006 ihren Umsatz von 30,3 auf 31,9 Milliarden Euro. Der operative Gewinn verbesserte sich wie erwartet von 1,6 auf 2,02 Milliarden Euro. Chrysler hingegen fuhr entgegen der ursprünglichen Ankündigungen auch im vierten Quartal einen operativen Verlust ein und kam damit im Gesamtjahr auf einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro nach einem operativen Gewinn von 1,5 Milliarden Euro im Vorjahr.

Die Aktie schoss am Mittag binnen kurzer Zeit um bis zu 5,1 Prozent auf 51,75 Euro in die Höhe und erreichte damit den höchsten Stand seit Juni 2002. Ein Analyst sagte: "Die Aussage, dass für Chrysler alle Optionen geprüft werden, hat Fantasie in die Titel gebracht."

DPA / DPA