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Preisverfall in der Landwirtschaft: Warum die Rekordernte Bauern in den Ruin treibt

Deutschlands Obstbauern machen sich Sorgen, denn in diesem Jahr war ihre Ernte gut, sogar zu gut. Nun purzeln die Preise für ihre Waren. Doch Kunden merken vom Preisrutsch ziemlich wenig.

Von Lisa Rokahr

Die Lager von Obstbauer Thomas Heilig sind voll, das drückt auf den Apfelpreis. Doch beim Verbraucher kommt dieser Preisverfall nicht an.

Die Lager von Obstbauer Thomas Heilig sind voll, das drückt auf den Apfelpreis. Doch beim Verbraucher kommt dieser Preisverfall nicht an.

Gut gekühlt liegen die Äpfel im Lager. Kiste um Kiste türmen sich auf, meterhoch, bis zur Hallendecke. Jeden Tag fährt Obstbauer Thomas Heilig einige Kilos zum Bauernmarkt im angrenzenden Ort. Und auch zu Großabnehmern schafft er Fuhre um Fuhre. Trotzdem ahnt er: In dieser Saison werden viele der Äpfel im Lager bleiben. "Die Situation bei einigen Obstbauern ist dramatisch", sagt Thomas Heilig, Obstbauer am Bodensee. "Wer jetzt keine Rücklagen hat, auf den kommt ein hartes Jahr zu."

Obstbauern leiden unter fallenden Preisen

Seit Russland als Reaktion auf die EU-Sanktionen ein Embargo gegen Lebensmittel aus der Europäischen Union verhängte, spitzt sich die Lage für deutsche Erzeuger zu. Denn die wirtschaftlichen Umstände sind in diesem Jahr ohnehin schwierig: Die Obstbauern leiden unter fallenden Preisen, ihre Waren sind kaum noch etwas wert. Im vergangenen Jahr bekamen Obstbauern noch etwa 40 Cent für ein Kilo Äpfel, in diesem Jahr sind es nur 15 bis 20 Cent, so Heilig. "Das ist für uns nicht kostendeckend, allein die Produktionskosten betragen 20 bis 30 Cent."

Der Grund für die niedrigen Preise: Ein Überangebot, es sind zu viele Äpfel auf dem Markt. Das liegt einerseits daran, dass die Obstbauern nicht alle Äpfel aus der letzten Saison rechtzeitig verkaufen konnten, und andererseits daran, dass sie in diesem Jahr eine Rekordernte einbringen. "Ein warmer, langer Frühling, keine Unwetter – perfekte Bedingungen für viele, große Früchte", sagt Heilig. Perfekte Bedingungen auch, um eine Deflation zu begünstigen.

Das Deflationsgespenst geht um

Steigern Unternehmen ihre Effizienz oder produzieren Landwirte mehr Waren, rutscht das Preisniveau. Das freut zunächst die Verbraucher, denn sie können günstiger einkaufen. Von Deflation spricht man, wenn fehlende Nachfrage die Preise purzeln lässt. Denn die Konsequenz für Firmen und Farmer: Investitionen zurückfahren - und gleichzeitig die eigenen Ausgaben drosseln. Das führt meist zu Entlassungen. Am Ende droht eine weitreichende Wirtschaftskrise, denn wenn viele Menschen aufgrund von Einsparungen ihren Job verlieren, können sie auch nicht mehr großartig konsumieren - und das lässt die Nachfrage nach Produkten weiter sinken.

Schwache Nachfrage

Dass Preise stabil bleiben, ist eine wirtschaftliche Idealvorstellung, die aber in der Realität kaum zu finden ist. Preisveränderungen in einem bestimmten Rahmen sind jedoch normal. Bei den Obstbauern führt jedoch ein Überangebot an Waren zum Preisverfall. Der russische Einfuhrstopp ist daher nicht der Hauptgrund für die Krise der Bodenseebauern, denn schon vor dem Embargo sei nur ein kleiner Teil der Waren nach Russland geliefert worden. "Weniger als fünf Prozent haben wir im vergangenen Jahr nach Russland exportiert."

Viel größere Probleme bekommt Polen durch das Embargo, ebenfalls ein Land des Obstanbaus. Es liefert normalerweise ein Vielfaches der deutschen Menge an Russland. Diese polnischen Lebensmittel landen nun ebenfalls aus dem deutschen Markt, genau wie griechische Pfirsiche, die vom russischen Verbot ebenfalls betroffen sind. "Wir haben also zusätzlich zu unserem eigenen Überschuss an Waren noch Konkurrenz aus der EU", sagt Heilig. "Trotzdem: Putin ist nicht Schuld an dieser Misere."

Zu wenig deutsche Produkte

Viel mehr sei auch der deutsche Einzelhandel zu kritisieren. Während die Erzeuger die Preise minderten, um mehr Ware loszuwerden, blieben die Preise im Verkauf weitgehend gleich. Schilder für Sonderangebote, um die Verbraucher zu mehr Apfelkonsum zu bewegen, hat Heilig seit Monaten nicht im Supermarkt gesehen. "Natürlich möchten die Läden eine möglichst große Rendite erzielen, aber mir fehlt bei allem Gewinndenken auch die Wertschätzung für deutsche Produkte." So seien generell zwei Fünftel der Äpfel im Verkauf aus deutscher Herkunft, drei Fünftel aus dem Ausland. "Warum ist das Verhältnis nicht andersrum? Es müssen mehr Produkte aus der Region in die Regale!", fordert Heilig.

Unternehmerisches Risiko liegt bei den Bauern

Auch beim Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee in Bavendorf denken die Experten darüber nach, wie sie den Vertrieb deutscher Waren ankurbeln können. Bei aller Angst vor der Deflation mahnt der Geschäftsführer Manfred Büchele aber auch dazu, sich an die guten Jahre zu erinnern: "Wir hatten jetzt drei vorzügliche Jahre, mit teilweise sechsstelligen Ergebnissen, jetzt kommt eben mal ein hartes Jahr", sagt Büchele. "Das muss ein guter Bauer aushalten."

Und auch Heilig weiß, dass ein Bauer immer ein unternehmerisches Risiko trägt. "Wir haben die vergangenen Jahre gutes Geld verdient", sagt er. "Dennoch ist es manchmal nur schwer mitanzusehen, wie wir das ganze Jahr harte Arbeit in unseren Anbau stecken, die aber kaum entlohnt wird."

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