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Interview

Bienensterben: Warum ein Start-up jetzt Bienen vermietet - und was das für die Umwelt bedeutet

Wildbienen bestäuben Obstbäume viel besser als Honigbienen. Ein Schweizer Start-up macht daraus ein Geschäft. Die Idee entstand während einer langen Partynacht.

Tom Strobl, Unternehmer und Biologe aus Zürich, auf einer Obstplantage am Bodensee. Die Kirschen blühen. Die Bestäubung muss schnell und sicher sein, denn schon nach zwei Wochen sind die Kirschen verblüht.

Tom Strobl, Unternehmer und Biologe aus Zürich, auf einer Obstplantage am Bodensee. Die Kirschen blühen. Die Bestäubung muss schnell und sicher sein, denn schon nach zwei Wochen sind die Kirschen verblüht.

Herr Strobl, Sie dirigieren ein Millionenheer von fleißigen Bestäuberinnen. Wie kamen Sie auf die Idee, Mauerbienen an zu verleihen?

Mein Freund Claudio Sedivy schrieb an der ETH Zürich seine Doktorarbeit über Wildbienen. Da fiel ihm auf, dass die extrem effektiven Mauerbienen als Bestäuber in kaum eingesetzt werden.

Und wie wurde daraus eine Geschäftsidee? Abends beim ?

Ja, es passierte in der Tat bei einem kleinen Fest mit Studentenfreunden. Wir haben eine Nacht lang durchgequatscht und am nächsten Tag war klar: Das muss ich machen. Wir nannten unsere Firma "Wildbiene und Partner".

Viele gute Ideen enden nach solchen Nächten dann doch im Nirgendwo.

Bei uns nicht. Wir schrieben schon einen Monat später einen Businessplan. Wir beteiligten uns an einem Start-up-Wettbewerb, der vom gesponsert wurde. Wir haben gewonnen und bekamen für ein Jahr einen Arbeitsplatz, Coaching und etwas Startgeld. Das war im März 2013.

Heute heißt ihre Firma Pollinature. Warum der neue Name?

Wir wuchsen schnell über den deutschsprachigen Markt hinaus. Wir arbeiten heute bereits mit Mauerbienen in , Spanien und  Frankreich. Das sind in Zukunft wichtige Märkte für uns.

Wie viele Kunden haben Sie?

Etwa 400.

Wo sind sie mit Ihren Wildbienen am stärksten vertreten?

Zurzeit noch in der Schweiz und in Deutschland. In Deutschland haben wir 150 Abnehmer.

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Nektarsammler im Anflug auf die Blüten eines Mehlsalbeis: Hätten Sie gedacht, dass es sich bei diesem schwarzen Insekt um eine Biene handelt? Eine Wildbiene, um genau zu sein?


Für unser Ökosystem sind sie unverzichtbar: Wie die bekannte Honigbiene bestäuben sie die Blüten von Bäumen, Pflanzen und tragen so zu unserer Ernährung bei. Allerdings: Die wilden Verwandten der Honigbiene sind bedroht. "Bei den Wildbienen stehen in Deutschland bereits über 50 Prozent auf der Roten Liste", erklärt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Und im Gegensatz zu der bekannten Honigbiene brauchen Wildbienen besonderen Schutz und Hilfe. Unsere Fotostrecke benennt die wichtigsten Unterschiede zwischen den Bienenarten - und wie sich die wilden Verwandten der Honigbiene am besten schützen lassen.

DPA

Wie kommen Sie an so viele Mauerbienen?

Am Anfang haben wir an 200 Freunde und Bekannte kleine Nistständen mit ein paar Bienen darin geschickt und darum gebeten, die Kästen im Herbst wieder an uns zurück zu geben. Die Mauerbienen legten fleißig Eier in die Niströhren und die Vermehrung ging rasant. Aber auch die Produzenten senden uns die nächste Generation Mauerbienen zurück. Mit unserer Pflege können wir sicherstellen, dass sich die Tiere optimal vermehren.

Wie viele Leute arbeiten heute in ihrer Firma?

Wir sind zur Zeit 15 Festangestellte. Und im Herbst, wenn die Nistständen mit den Bienenlarven darin zurück kommen, arbeiten mit zusätzlichen Sozialen Werkstätten zusammen.

Was passiert mit den Heimkehrern?

Wir müssen jedes Schilfröhrchen der Länge nach öffnen und die Kokons herausnehmen. Die werden begutachtet.

Überwintern im Kühlschrank

Eine Art Gesundheitscheck für noch nicht geschlüpfte Mauerbienen?

Ja, so etwa. Wir schauen zum Beispiel, ob Parasiten eingezogen sind und entfernen diese. Die Kokons werden gewaschen, ausgelegt, ausgesiebt und auf großen Leintüchern getrocknet.

Wie überwintern die Mauerbienen?

In großen Kühlschränken

Das heißt im Kälteschlaf?

Ja, sie schlafen in den Kokons bis ins Frühjahr.

Und wo steht der große Kühlschrank?

Es sind viele Kühlschränke an verschiedenen Standorten. Die müssen gut mit Alarmsystemen überwacht werden. Wenn der Strom ausfällt, dann könnten die Bienen schlüpfen, und uns Mitten im Winter um die Ohren fliegen.

Wie viele Bienen überwintern so bei Ihnen?

Uuh, das kann ich nicht genau sagen. Auf jeden Fall mehrere Millionen.

Sie haben zehn Sekunden für den Pitch: Warum sind Mauerbienen besser als Honigbienen?

Sie bestäuben bis 300 mal effektiver. Sie fliegen schon bei Temperaturen ab fünf Grad Celsius. Die Honigbienen stehen erst bei 10 bis 12 Grad auf. Die Mauerbienen gehen nicht fremd, sie bevorzugen Obstbäume und lassen sich nicht vom Löwenzahn oder vom Rapsfeld nebenan locken. Sie bestäuben in einem Radius von 100 Metern um ihren Niststand. Die fliegen nicht weg und machen ihren Job. Außerdem sind Mauerbienen mit ihrem orangenroten Hinterteil und dem schwarzen Körper die schönsten Bienen, die ich kenne.

Muss eine Blüte nur einmal oder öfter bestäubt werden?

Das kommt auf die Kultur und den Bestäuber an. Für einen schönen symmetrischen Apfel aber müssen alle Samenanlagen bestäubt werden. Dies schafft eine Mauerbiene mit einem Anflug, Honigbienen brauchen dafür mehrere Anläufe.

Warum?

Honigbienen übertragen nur etwa bei jeder fünften Berührung den Pollen, weil sie die Pollen feucht an den Beinchen tragen. Bei der Mauerbiene sitzt der Pollen trocken in der Bauchbürste am Körper und sie setzt sich voll und ganz auf die Blüte. Das ist optimal für die Bestäubung.

15-20 Prozent mehr Ertrag 

Was kosten Ihre Leihbienen?

Eine Kiste mit 500 Arbeiterinnen kosten im Schnitt 140 Euro. Wenn Apfelbäume zu bestäuben sind, empfehlen wir ein bis drei Kisten pro Hektar. Bei Kirschen sollten es vier bis sechs pro Hektar sein. Also 2000 bis 3000 Mauerbienen.

Zahlt sich die Investition für den Obstbauern aus?

Ja. Im Schnitt kann der Produzent mit 15-20 Prozent mehr Ertrag rechnen. In machen Jahren und an manchen Standorten sogar bis 50%.

Warum sind die Mauerbienen so fleißig?

Sie haben nur vier Wochen Zeit, um sich zu vermehren und ihre Brut zu versorgen. Danach sterben sie. Das ist der normale Zyklus. Mauerbienen sind Einzelgänger. Sie legen ihre Eier in Hohlräume im Holz. Bei unseren Nistständen verwenden wir die Röhren aus Riesenschilf. Für jedes Ei baut die Biene eine eigene kleine Zelle, in die sie Pollen als Fressvorrat für den Nachwuchs legt. Dann wir die Zelle mit Lehm verschlossen. So baut sie eine Kinderstube an die andere. Die erste Kammer ganz vorn lässt sie leer. Der Specht, der gern Bienenlarven frisst, soll so ausgetrickst werden. Das klappt ganz gut.

Und die Brut schlummert bis zum nächsten Frühjahr?

Ja. Die Mauerbienen sind im Herbst in ihrem Kokon schon vollständig entwickelt. So warten sie auf die ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr, damit sie gleich starten und sich vermehren können.

Und Sie können mit den Kühlschränken bestimmen, wann sie aufwachen?

Ja, wir simulieren den Winter und können mit der Temperatur den Schlupfzeitpunkt bestimmen. Wenn dann die Kirschen bei unseren Kunden kurz vor der Blüte stehen, holen wir die Mauerbienen aus dem Kälteschlaf, schicken die per Post los und drei Tage später summen die los.

Es gibt viel weniger bestäubende Insekten als früher. Ist das ein Vorteil für ihr Geschäft?

Viele Landwirte merken, dass sich etwas verändert in Feld und Flur. Und sie versuchen, dagegen zu steuern. Da kommt Ihnen unser Angebot sicher entgegen. Außerdem steigt der ökonomische Druck auf die Obstbauern enorm. Sie sollen noch schönere Früchte noch kostengünstiger produzieren. Das heißt die Anlagen werden größer. Statt auf zehn Hektar wird auf 50 Hektar Obst produziert. Aber große Anlagen sind aufwändiger zu bestäuben. Dabei können unsere Bienen helfen.

Giftiges Geschäft

Obstbauern sind für ihren rabiaten Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden bekannt. Manche fahren mit der Giftspritze von der Blüte bis zur Ernte dreißig Mal durch die Plantagen. Wie halten Ihre Bienen das bloß aus?

Ein Vorteil der Mauerbiene ist, dass sie durch Ihren kurzen Lebenszyklus nur während der Blühte in der Plantage aktiv ist. Zu diesem Zeitpunkt sind bienenschädliche Pestizide verboten. Aber meine Erfahrung ist: Viele Obstbauern nehmen gute Ratschläge an, wie sie weniger spritzen können. Die Mittel kosten schließlich Geld. Aber richtig ist auch, man kann da noch eine Menge verbessern. Oft wird aus Angst vor Schädlingen präventiv gespritzt, damit man ruhig schlafen kann. Aber mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die Umwelt wächst. Ich kenne auch sehr innovative Produzenten, die konventionell, also nicht biologisch, wirtschaften, aber dabei sehr auf die Natur achten.

Haben Sie mehr konventionelle Kunden als Biobauern?

Wir haben zahlenmäßig mehr mit Produzenten zu tun, die konventionell wirtschaften. Davon gibt es einfach viel mehr als Biobauern. Aber anteilig haben wir wohl mehr Biobauern.

Dürfen Ihre Bienen überall in Europa arbeiten. Haben Bienen, die am Bodensee gezeugt wurden, auch eine Arbeitserlaubnis für Italien oder Spanien?

Bei uns nicht. Wir achten, dass die Populationen nicht beliebig gemischt werden. Denn wir wollen einerseits an die Regionen angepasste Bienen und anderseits auch verhindern, dass Krankheitserreger über die natürlichen, geographischen Grenzen hinaus getragen werden. Deshalb haben wir zum Beispiel für die Regionen südlich der Alpen andere Bienen.

Sie leben in Zürich. Kann man Mauerbienen im Garten oder auf dem Balkon halten?

Natürlich! Meine Wildbienenhäuschen habe ich auf dem Balkon.

Rufen die Nachbarn panisch an, weil sie fürchten gestochen zu werden?

Nein, sie wissen dass meine Mauerbienen friedlich sind und nicht stechen. Sie produzieren ja keinen Honig, den sie vor gefrässigen Schleckmäulern verteidigen müssen.


Strobl, 37, lebt mit seiner Familie mitten in Zürich. Aber auf dem Balkon summen einige hundert Mauerbienen. Die Insekten stechen fast nie, nur im äußersten Notfall, denn anders als Honigbienen müssen sie weder Staat noch Königin verteidigen.

Von Nachbarn wird Strobl manchmal gefragt, wie sie Bienen helfen können. Er gibt dann den Tipp: Den Garten ruhig mal etwas verwildern lassen, und vor allem einheimische Wildstauden und Blumen pflanzen. Denn so kann man jeden noch so kleinen Balkon in eine wertvolle "Bienen-Tankstelle" verwandeln. 

   

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