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Deutsche Bahn: Grubes Kampf gegen das System Mehdorn

Im Eiltempo pflanzt Rüdiger Grube - 100 Tage im Amt - dem letzten Großkonzern in Staatsbesitz seine Kultur ein. Nach außen konziliant und bei den Mitarbeitern beliebt, fegt der neue Chef die Führungsetage aus. Angst macht sich breit - vor allem bei den Mehdornianern.

Von Leo Klimm und Nikos Späth

Rüdiger Grube fährt gern ganz vorn mit. Bei seinem Amtsantritt hat sich der neue Chef der Deutschen Bahn einen Ausweis ausstellen lassen, der ihm offiziell den Zutritt zur Lokomotive genehmigt. Wenn er den Führerstand besteigt, zeigt er die grüne, eingeschweißte Plastikkarte mit dem roten Streifen und seinem Namen vor.

Dabei würden seine Leute ihren obersten Lokführer sicher auch ohne Berechtigungsschein mitnehmen. Doch der im Mai inthronisierte Nachfolger von Hartmut Mehdorn legt Wert auf solche Gesten. "Seht her, ich bin einer von euch", will er mit dem Ausweis sagen. Mit ihm verschafft er sich Zugang zur Welt seiner Mitarbeiter.

Grube versucht, sich das Unternehmen Deutsche Bahn von unten zu erschließen. Und anders als der autoritäre und knorrige Mehdorn (Spitzname: Napoleon) gibt sich der 57-jährige Manager als Mann des Volkes. Wo sein Vorgänger nach dem Prinzip von Überwachen und Strafen regierte, möchte Grube seine 240.000 Beschäftigten durch Kommunikation überzeugen.

Wo geht die Reise hin?

"Hygiene und Kultur" sind Schlagworte, die der Neue gern bemüht. Seine Moralvorstellungen hängt er so hoch, dass er aufpassen muss, den Konzern nicht zu überfordern. Gerade auf das obere und mittlere Management ist Grube angewiesen. Denn es ist nicht allein entscheidend, ob ihn das Bodenpersonal liebt, sondern vor allem, ob und wie viele der Hundertschaften von Führungskräften er hinter sich schart, die mit ihm den Konzern gestalten sollen. Doch der Steuerungsapparat der Bahn hat Mühe, die 180-Grad-Wende zu vollziehen, die der neue Chef in Führungsfragen verlangt.

Die meisten wissen nach zwölf Wochen unter Grubes Führung noch nicht genau, wo die Reise hingeht. Einige sind geflogen, manche geflohen. Nicht wenige fragen sich, wann für sie das Ende einer Dienstfahrt kommen könnte. Zumal sich die wirtschaftliche Lage bei der Bahn von Monat zu Monat eintrübt.

Nur so viel ist jetzt schon klar: Den Bauernsohn Grube sollte keiner unterschätzen. Sein steiniger Aufstieg in die Chefetage führte ihn über den zweiten Bildungsweg. "Ich habe mich durch alle Ebenen durcharbeiten müssen, angefangen als Facharbeiter", sagt er. "Dabei habe ich gelernt: Die Treppe wird von oben gekehrt, der Fisch fängt immer vom Kopf her an zu stinken."

"Die Hütte brennt"

Er hat viele solcher Leitsprüche. Die vermeintlichen Plattitüden bekommen eine andere Bedeutung, schaut man sein Wirken in den ersten Amtswochen an. Schon nach wenigen Tagen warf Grube im ersten Schwung Vorstände und Manager raus, die nicht in sein Kulturkonzept passten - größtenteils weil sie belastet waren durch die Affäre um den massenhaften Missbrauch von Mitarbeiterdaten und heimlich kontrollierte E-Mails. Die Geschassten erkannten: Der kleine, grauhaarige Mann, immer freundlich und verbindlich, ist nicht so harmlos, wie er aussieht.

100 Tage Zeit hatte Grube erbeten, um sich mit dem Geschäft vertraut zu machen und die Selbstreinigung des Unternehmens einzuleiten. Am 8. August ist diese Frist vorbei. Grube hatte es eiliger. Schon am 59. Tag zog er erstmals öffentlich Bilanz. "Die Hütte brennt", bekannte er offen: Datenaffäre, Wirtschaftskrise, scharfer Wettbewerb und technische Probleme machten der Bahn zu schaffen, so Grube Ende Juni in Stuttgart.

18 Stunden Arbeit pro Tag

Noch als Daimler-Vorstand hatte er dem befreundeten Dekra-Präsidenten Gerhard Zeidler versprochen, an jenem Tag einen Vortrag zu halten. Das tat er nun als Bahn-Chef, und es bereitete Grube sichtlich Freude, als Nummer eins ins Schwabenland zurückzukehren, nachdem er bei Daimler immer im Schatten der Konzernchefs Jürgen Schrempp und Dieter Zetsche gestanden hatte. Wegbegleiter bemerkten, Grube sei in der neuen Rolle regelrecht "aufgeblüht".

In den wenigen Wochen zuvor hatte sich der bekennende Workaholic bis ins Detail in die komplexen Strukturen des bundeseigenen Unternehmens eingegraben. Grube kokettiert gern damit, dass er bis zu 18 Stunden am Tag arbeitet, dass er meist erst weit nach Mitternacht in sein Bett in Berlin-Mitte fällt. Er lädt sich viel auf. Sogar um vermeintliche Kleinigkeiten wie die Musik in der Telefonhotline oder den Rollstuhlzugang am unterfränkischen Bahnhof Hassfurt kümmert er sich persönlich, wenn Mitarbeiter und Kunden solche Themen an ihn herantragen. Selbst den Redefluss hat er beschleunigt, so ungeduldig ist er.

Grube zieht das Tempo an. Und stößt dabei auf Widerstand. Vor allem jene, die seinem Vorgänger nahestanden, sträuben sich gegen Veränderung. Für sie ist der gescheiterte Chef eine tragische Figur, der Ungerechtigkeit widerfahren ist. "Bei uns herrscht Trauer, dass Mehdorn gehen musste", sagt eine Managerin.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie rigoros Bahn-Chef Grube unmoralisches Verhalten bestraft.

"System Mehdorn" ist noch nicht zerschlagen

Obwohl die Vorstandsmitglieder Margret Suckale, Norbert Bensel, Otto Wiesheu und Norbert Hansen weg sind, ist das "System Mehdorn" nicht zerschlagen. Es beruhte auch auf Stützen in der zweiten und dritten Reihe; die Beharrungskräfte wirken fort. "Man befiehlt keine Kultur", sagt ein Anhänger des alten Chefs zu Grubes Kurs.

Nun fragen sich im Bahn-Tower nicht wenige, ob sie selbst systemrelevant für Mehdorns Herrschaft waren. Wenn ja, leben sie gefährlich. Zwei Dutzend Führungskräfte will der neue Chef nach eigenem Bekunden allein wegen der Datenaffäre austauschen. "Grube hat mehr aufgeräumt, als alle erwartet hatten", sagt Alexander Kirchner, Chef der Bahngewerkschaft Transnet und Vizevorsitzender des Aufsichtsrats. Er glaubt, "dass das Ende noch gar nicht gekommen ist".

Am sichtbarsten wird der Kulturwandel auf höchster Ebene in der Schaffung eines Vorstands für die Einhaltung von Recht und Ethikregeln (Compliance). Für diesen Job holt Grube seinen Vertrauten Gerd Becht, der bisher Antikorruptionsbeauftragter bei Daimler war.

Bei Fehlverhalten rollen Köpfe

Grube beschränkt sich nicht auf die Aufarbeitung der Datenaffäre. Jedes Mal, wenn Fehlverhalten von Verantwortlichen ruchbar wird, rollen Köpfe. Die Beurlaubung aller vier Geschäftsführer der Berliner S-Bahn Anfang Juli stößt dabei noch auf Verständnis: Die Leitung der DB-Tochter soll die Überprüfung von Zugachsen verschleppt und damit die Sicherheit der Fahrgäste gefährdet haben.

Die Entlassung des Marketingchefs Ralf Klein-Bölting dagegen hat einen regelrechten Schock bei den Führungskräften ausgelöst. Klein-Bölting musste gehen, weil der Konzern unter Mehdorn für viel Geld fingierte Gastbeiträge in den Medien platziert hatte. Während Grube das zu Recht als unethisch ansieht, können viele in den Berliner und Frankfurter Bahn-Zentralen den Rauswurf nicht verstehen. "Da muss einer ohne Vorwarnung gehen, obwohl er nichts Schlimmes gemacht hat", sagt ein Manager. "Grube verrutschen die Maßstäbe."

Ein anderer Mitarbeiter der Zentrale wurde von Grube gefeuert, weil er ohne Genehmigung seinen Dienstwagen privat fuhr und der Bahn die Kosten in Rechnung stellte. Außerdem nutzte er unerlaubt den Chauffeurdienst. So eine Mitnahmementalität empört Grube - was wiederum manche in den Führungszirkeln der Bahn befremdet. Sie halten die Verfehlungen für lässliche Sünden.

Moral und Management schließen sich nicht aus

Immerhin beteuert der Konzernchef, es falle ihm nicht leicht, Leute hinauszuwerfen. "Solche Entscheidungen", sagt er, "trifft man nicht mal eben zwischen Aufstehen und Frühstück." Viel länger braucht er aber zumeist nicht.

Grubes Strenge kann problematisch werden: "Er spricht zu viel über Moral", sagt einer, der regelmäßig zu ihm Kontakt hat und das Unternehmen bestens kennt. "So kann man keinen Konzern führen, das hält er nicht durch."

Der Bahn-Chef will beweisen, dass Moral und Management sich nicht ausschließen. Gier und Unehrlichkeit kann er nicht leiden. Das ist tief in ihm drin und wird dokumentiert durch seinen Lebenslauf. Den Weg zeigt das Zugschild "ICE 1951 Rüdiger Grube", das in seinem Büro im 25. Stock des Bahn-Towers hängt - über Hamburg, München und Stuttgart gelangte Grube nach Berlin.

Aufrichtiger Respekt

Ein beschwerlicher Weg: Haupt- und Realschule, Lehre im Metallflugzeugbau, Fachhochschule, Universität, Posten als Berufsschullehrer, Promotion. Dann über verschiedene Stationen Aufstieg bis in den Daimler-Vorstand. Neben seiner Zähigkeit und Fähigkeit zum Netzwerken halfen Grube Mentoren wie Werner Blohm und Hartmut Mehdorn, als dessen Assistent er Anfang der 90er-Jahre bei Airbus arbeitete. Anders als die meisten seiner Kollegen in den Chefetagen muss Grube sich nicht verstellen, wenn er von Respekt für die einfachen Angestellten spricht. Er zeigt diese Achtung auch ohne Publikum: Vor einer Aufsichtsratssitzung Ende Juni, erzählt ein Teilnehmer, habe Grube zuerst eine Servicemitarbeiterin mit DB-Schild am Kostüm namentlich begrüßt - und danach zwei verdutzte, direkt neben ihr stehende Bahn-Kontrolleure. Der Frau soll vor Überraschung fast das Tablett aus der Hand gefallen sein.

Die Episode zeigt: Grube hat das Zeug zum Menschenfänger. Wie groß seine Fähigkeit ist, andere für sich einzunehmen, wurde erkennbar, als er von der Bundesregierung als Mehdorn-Nachfolger vorgeschlagen wurde. Die Lokführergewerkschaft GDL reagierte mit einer Pressemitteilung, in der Grube als nicht vertrauenswürdig abgelehnt wurde. Das war am 1. April. Am 2. April stellte sich Grube bei der GDL vor. Im Anschluss verschickte die Gewerkschaft noch eine Mitteilung: Rüdiger Grube, hieß es darin, sei eine Chance für den Neubeginn

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Untiefen Grube umschiffen muss, wenn er erflogreich sein will.

Neuer Anlauf für die Börse

Neben den absehbaren Konflikten um Löhne und Arbeitsplätze dürfte auch das Projekt Börsengang das Verhältnis zu den Gewerkschaften auf die Probe stellen. Mehdorn musste sein großes Ziel Teilprivatisierung vergangenen Oktober wegen der Finanzkrise aufgeben. Lässt es die Lage an den Kapitalmärkten zu, will Grube 2011, vielleicht sogar 2010 einen neuen Anlauf wagen.

Davon wollen die Arbeitnehmervertreter nichts mehr wissen. Zu offensichtlich ist der Zusammenhang zwischen Kapitalmarktfähigkeit und Einsparungen. "Es ist völlig überflüssig, jetzt schon wieder über den Börsengang zu reden", schimpft Transnet-Chef Kirchner. Zu Beginn sei die Zusammenarbeit mit Grube gut gewesen, weil man mit der Aufklärung der Datenaffäre das gleiche Interesse gehabt habe. "Ob es eine neue Kultur gibt", sagt Kirchner, "zeigt sich erst im Konflikt."

Zum neuen Umgang gehört überdies, das Verhältnis zur Politik zu kitten. "Ich habe das Misstrauen der Parlamentarier hautnah zu spüren bekommen", sagt Grube zum Erbe Mehdorns. Für "die sogenannten Verkehrsexperten" im Bundestag hatte sein Vorgänger meist nur Verachtung übrig. Mehdorn war allein wichtig, dass die Kanzlerin hinter ihm stand. Erst als sie ihn fallen ließ, gab er auf.

Nicht als Mehdorn-Nachfolger im Blick

Grubes Arbeit wird quer durch die Fraktionen unterstützt. Anders als unter dem alten Konzernchef betrachten die Parlamentarier die Bahn nicht mehr als Gegner. Selbst fundamentalistische Kritiker wie den Grünen Toni Hofreiter hat Grube mit seiner schnörkellosen Art für sich eingenommen. Und auch SPD-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee - der ihn als Mehdorn-Nachfolger nicht auf dem Zettel hatte - wollte schnell zu Grubes Freunden zählen. Als die beiden Anfang April erstmals zusammentrafen, soll es nicht mal eine Stunde gedauert haben, bis Tiefensee Grube das Du anbot.

Der Bahn-Chef, der früher einmal Wahlkampf für die Sozialdemokraten machte, kann sowohl mit der SPD als auch mit der Union. Das ist praktisch, denn so ist ihm unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl der Rückhalt der neuen Regierung für die künftige Konzernstrategie sicher. Vor allem geht es dabei um die Frage, ob die Bahn weiter über die Landesgrenzen expandiert und damit das Geschäft im deutschen Heimatmarkt an Bedeutung verliert.

Grube selbst hält sich dazu noch bedeckt. Erste DB-Manager vermissen klare Aussagen des Chefs. Sie zweifeln an seinem strategischen Geschick. Immer wieder taucht der Verweis auf die krachend gescheiterte Allianz von Daimler und Chrysler auf, die der damalige Konzernstratege des Autobauers miteinfädelte. Zudem leitete Grube nie das operative Geschäft eines großen Unternehmens.

Am Ende zählen die Zahlen

Einige vordringliche Ziele hat Grube immerhin schon definiert. Sie lassen eine zurückhaltende Grundhaltung erkennen: In der Logistiksparte sollen "die Kostenstrukturen an die Krise angepasst" werden. Im Fernverkehr, fordert Grube, soll sich der Konzern besser für die EU-weite Liberalisierung der Märkte am 1. Januar 2010 rüsten. Im bereits geöffneten Regionalverkehr will Grube mehr Ausschreibungen gewinnen, nachdem die Bahn vergangenes Jahr nur noch ein Drittel aller Aufträge für sich entscheiden konnte.

Private Konkurrenten wie Arriva, Benex und Veolia verlangen von Grube, ihnen gegenüber künftig ebenfalls einen neuen Stil zu pflegen. Unter Mehdorn sei es zu "Diffamierungen" gekommen, stichelt Benex-Geschäftsführer Wolfgang Dirksen. "Der neue Bahn-Chef wäre gut beraten, im Wettbewerb mehr auf Kundenzufriedenheit als auf Leistungen der DB-Juristen zu setzen."

Möglich, dass sich die Atmosphäre dank Grube wieder reparieren lässt. Das Gefühl, bei der Nutzung des DB-Schienennetzes diskriminiert zu werden, wird er den Privatbahnen aber nicht nehmen. Grube lässt keinen Zweifel daran, dass er den Zugriff auf das Netz behalten will.

Gegenentwurf zu Vorgänger Mehdorn

Nach 100 Tagen im Amt weiß der leidenschaftliche Ausdauerläufer, dass sein Job ein Marathon ist. Gemessen an der Gesamtstrecke von 42,2 Kilometern hat er gerade einen hinter sich. Vielleicht wird ihm unterwegs klar, wie ehrgeizig sein Vorhaben ist, Ethikmaßstäbe zur obersten Maxime zu erklären.

Egal zu welcher Erkenntnis er gelangt: Am Ende wird Grube nicht an der Unternehmenskultur gemessen, sondern am Geschäftserfolg. Bei Mehdorn war es genau umgekehrt.

Mitarbeit: Ulf Brychcy / FTD