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Deutschland: Atomausstieg - Chance oder Risiko?

Der Klimawandel hat die Kernenergie in Deutschland wieder attraktiv gemacht. Die Politik debattiert heftig über eine Verlängerung der Laufzeiten. Doch ist Atomstrom wirklich ökologischer und billiger? Wie wahrscheinlich ist der Ausstieg aus dem Ausstieg? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Lenz Jacobsen

Selten stand Deutschland so auf verlorenem Posten: Weltweit erlebt die Kernenergie zurzeit eine Renaissance. Doch hierzulande hält die SPD an dem Ausstieg auf Raten fest, den sie einst zusammen mit den Grünen beschlossen hat. Auf dem G8-Gipfel geriet Kanzlerin Angela Merkel deshalb unter heftigen Druck.

Auch in Deutschland ist angesichts steigender Energiekosten und des Klimawandels eine Diskussion um den Ausstieg vom Ausstieg entbrannt. Die Union will die Laufzeiten für Kernkraftwerke in jedem Fall verlängern, aber auf den Bau neuer Kraftwerke verzichten. Zugleich bekräftigte die CDU-Führung die Absage an eine Festlegung des Atomausstiegs im Grundgesetz, wie dies in der SPD gefordert wird.

"In der Verfassung gehe es um grundlegende Dinge. Wir regeln dort nicht, wie wir den Strom erzeugen", sagt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Die Sozialdemokraten wollen indes in jeden Fall am beschlossenen Zeitplan für den Ausstieg festhalten.

Die Atomenergie ist also mehr als strittig - bei kaum einem Thema sind die Wissenschaftler so deutlich in Befürworter und Gegner geteilt.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um die neue Ausstiegsdebatte und erklären, was für und was gegen die Atomkraft spricht.

Wie wichtig ist Atomstrom für die Energieversorgung in Deutschland?

In den letzten Jahren machte die Kernenergie rund 12 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland aus. Betrachtet man nur den Strommarkt, dann kommt die Kernenergie auf einen Anteil um die 25 Prozent.

Kernkraftwerke sind recht unflexibel, sie produzieren durchgehend die gleiche Menge Strom. In der Energiewirtschaft spricht man hier von "Grundlast" im Unterschied zu "Spitzenlast". Als Grundlast wird die Menge an Strom bezeichnet, die durchgehend nachgefragt wird. Der Sockel-Strombedarf, sozusagen.

Kernkraftwerke, aber auch Braunkohlekraftwerke, werden vor allem zur Bereitstellung der Grundlast eingesetzt, da sie den Strom relativ billig produzieren können. Auf Nachfrageausschläge nach oben, die Spitzenlast, können sie aber schlecht reagieren, da ihr Betrieb nicht von einem Moment auf den nächsten umgestellt werden kann. Für diese Spitzen in der Stromnachfrage sind Pumpspeicherkraftwerke und Gasturbinenkraftwerke zuständig, die innerhalb von Sekunden oder Minuten mehr Strom produzieren können - dafür im Betrieb aber teurer sind.


Wie lange dürfen die Kraftwerke nach der aktuellen Regelung noch laufen?

An welchem Tag die einzelnen Atomkraftwerke jeweils abgeschaltet werden, ist nicht festgelegt. Das Atomgesetz, wie es die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 verabschiedet hat, regelt diese Frage über Reststrommengen. Für jedes der 19 Atomkraftwerke in Deutschland ist dort festgelegt, wie viel Strom es noch produzieren darf. Insgesamt geht es dabei um rund 2600 Terawattstunden. Mit dieser Menge könnte man den gesamten Strombedarf Deutschlands vier bis fünf Jahre lang decken.

Im Detail gilt im Atomgesetz die Regel: Je älter das Kraftwerk, desto geringer die Reststrommenge. Durchschnittlich, so der Grundgedanke des Atomgesetzes, soll jedes Atomkraftwerk insgesamt 32 Jahre in Betrieb sein dürfen. Die ältesten Meiler Obrigheim und Stade sind deshalb schon abgeschaltet worden. Das jüngste Kraftwerk, Neckarwestheim 2, wird nach den aktuellen Berechnungen 2021 vom Netz gehen.


Welche Möglichkeiten hat die Industrie, um ihre Kraftwerke doch länger zu betreiben?

Die Betreiber können die Reststrommengen zwischen ihren einzelnen Kraftwerken transferieren - und so mitbestimmen, wann welche Meiler vom Netz gehen. Allerdings hat das Bundesumweltministerium dabei ein Wörtchen mitzureden. Gegen den Transfer von alten auf neue Kraftwerke hat die Politik nichts, anders sieht es im umgekehrten Fall aus: So wollte RWE Strommengen vom recht neuen Meiler Emsland auf den älteren Meiler Biblis A übertragen, der sein Kontingent fast aufgebraucht hat und wohl Ende 2009 vom Netz gehen müsste. Doch das Bundesumweltministerium genehmigte diesen Transfer nicht - aus Sicherheitsgründen.

Dass RWE seinen Kraftwerks-Oldie unbedingt noch weiter betreiben wollte, hat politische Gründe, wie Wolfgang Irrek, Energieexperte am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie, erklärt: "Die Unternehmen wollen die älteren Kraftwerke natürlich so lange wie möglich am Netz lassen, weil sie darauf hoffen, dass sich ihre Chancen auf Laufzeitverlängerungen nach der nächsten Bundestagswahl verbessern." In dieser Hinsicht hat der Umweltminister ihnen jetzt erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ist Atomstrom billiger als Strom aus anderen Quellen?

Betrachtet man nur die sogenannten Stromgestehungskosten, also die Kosten für die Erzeugung des Stroms in den Kraftwerken, ist Atomenergie verhältnismäßig billig. "Die Erzeugungskosten für Atomstrom sind ungefähr genauso hoch wie bei Kohle und halb so hoch wie bei Windkraft", weiß Alfred Voß, Professor für Energiewirtschaft in Stuttgart. "Wenn die Preise für den CO2-Ausstoß wie geplant erhöht werden, wird der Atomstrom relativ gesehen noch günstiger."

Kritiker geben allerdings zu bedenken, dass der Staat die Kernkraft über Umwege subventioniere. Dabei geht es um die Versicherung der Kraftwerke. Im Atomgesetz ist ein sogenannter Deckungsbetrag von 2,5 Milliarden Euro vorgeschrieben, den die Betreiber bereithalten müssen, falls es in einem ihrer Kraftwerke wirklich zu einem Unfall kommen sollte. Viel zu wenig, findet Wolfgang Irrek vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie. "Ein GAU würde Schäden in einer Höhe von bis zu 5,5 Billionen Euro anrichten", sagt Irrek. Doch dafür müssen die Betreiber nicht vorsorgen. Für Irrek ein nicht zu unterschätzender Vorteil. "Ohne diese Regelung wäre die Kilowattstunde Atomstrom fünf Cent teurer", das habe das Freiburger Öko-Institut für ein typisches französisches Kernkraftwerk errechnet.

Sind die deutschen Atomkraftwerke sicher genug?

Die deutschen Kraftwerke gelten als die sichersten der Welt. Doch hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, wie auch Alfred Voß, Professor für Energiewirtschaft in Stuttgart und Atomkraftbefürworter, zugibt. Aber er hält die Risiken für "kalkulierbar". "Selbst wenn man mögliche Katastrophen wie in Tschernobyl in die Modelle mit einrechnet, sind die externen Kosten, also die Schäden, die Erzeugung von Atomstrom verursacht, verhältnismäßig gering", so Voß. Zu diesem Ergebnis kommt er, indem er den riesigen Schaden, den ein GAU anrichten würde, mit der Wahrscheinlichkeit multipliziert, dass so ein Vorfall tatsächlich eintritt - und die ist Gott sei Dank sehr gering.

Eine Denkweise, die Kritiker nicht gelten lassen wollen. Ihr Argument: Die Zerstörung durch eine Katastrophe wie Tschernobyl sei so gigantisch, das könne man nicht in nüchternen Risikorechnungen erfassen. Solange sich ein solcher GAU mit Tausenden Toten nicht hundertprozentig ausschließen lasse, sei die Kernkraft zu gefährlich. Wolfgang Irrek, Atomkraft-Kritiker vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie, bringt die Position der Gegner auf den Punkt, wenn er sagt: "Allein aus Risikogründen sollten wir möglichst schnell aus der Kernenergie aussteigen."

Wie ökologisch ist Atomkraft?

Kernkraftwerke - zumindest das ist unumstritten - stoßen vergleichsweise wenig CO2 in die Atmosphäre aus und sind deshalb klimaschonender. Vor allem im Vergleich zu den fossilen Energieträgern wie Kohle oder Gas. Wolfgang Irrek, der sich am Wuppertaler Institut mit Energie- und Klimapolitik beschäftigt, sagt: "Für eine Kilowattstunde Kernenergiestrom werden lediglich 32 Gramm CO2 emittiert, bei der Braunkohle kann es je nach Kraftwerk mehr als ein Kilo sein." Irreks Kollege Alfred Voß, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft in Stuttgart, geht noch weiter: Er hat die gesamten Klimakosten der Stromerzeugung aus den unterschiedlichen Quellen errechnet, die "ökologischen Rucksäcke", wie er es nennt, und kommt zu dem Ergebnis, dass die Kernenergie dabei ganz weit vorne liegt - auf einem Niveau mit der Windkraft und sogar noch vor der Solarenergie.

Eher langfristiger Natur sind die Gegenargumente der Kritiker: Sie fürchten, dass ein Festhalten an der Atomkraft den Blick auf die eigentlichen Probleme verstellt. "An der Kernenergie festzuhalten hemmt den Umbau der gesamten Energieversorgung", warnt Experte Irrek. Es gehe darum, wegzukommen "von den risikoreichen Großtechnologien und hin zu 'Effizienzkraftwerken' in 'Smart Grids', das heißt zu einer intelligenten Kombination aus zentralen und dezentralen Elementen der Energiebereitstellung und -nutzung." Damit meint der Experte vor allem den verstärkten Einsatz von Kraft-Wärme- Kopplungs-Technologien, energieeffizientere Gebäude und sparsameren Verbrauch. Aus seiner Sicht ist es möglich, "gleichzeitig aus der Kernenergie auszusteigen und die Klimaschutzziele zu erreichen, ohne dass dadurch der Volkswirtschaft nennenswerte Mehrkosten entstehen".

Bisher allerdings sind erneuerbare Energieträger noch nicht in der Lage, die Atomkraft zu ersetzen. "Nach unseren Berechnungen wachsen regenerative Energien in Deutschland noch nicht mal so schnell, wie der Energiebedarf wächst, da kann von einem Ersetzen keine Rede sein", meint Alfred Voß.

Zudem würde ein Ausstieg aus der Kernenergie die Abhängigkeit Deutschlands von Strom aus dem Ausland noch erhöhen. Was die Atomkraftwerke nicht mehr liefern können, müsste dann aus Russland oder anderen Ländern eingekauft werden. "Nur ein Ausbau der Kernenergie und längere Laufzeiten könnten die Energieabhängigkeit reduzieren", so Voß.

Wie steht es in anderen Ländern um die Nutzung der Atomkraft?

International steht Deutschland mit seiner strikten Ablehnung der Atomkraft immer einsamer da. Beim G8-Gipfel in St. Petersburg 2006 haben sich alle Staaten bis auf Deutschland für die Kernenergie ausgesprochen. China plant gleich 32 neue Meiler, um den explodierenden Energiebedarf im Land befriedigen zu können. Neubaupläne gibt es auch in Frankreich, Italien und Großbritannien, Polen will in die zivile Nutzung der Kernenergie einsteigen, sogar im Tschernobyl-Land Ukraine sollen neue Kraftwerke errichtet werden.

Lediglich Schweden und Österreich lehnen Atomkraft ebenso strikt ab wie Deutschland, Länder wie die Schweiz oder Belgien haben den Ausstieg mittlerweile rückgängig gemacht.

Auf dem gerade erst zu Ende gegangenen G8-Gipfel im japanischen Toyako geriet Deutschland in Sachen Atomkraft unter massiven Druck: Der engste Umweltberater des US-Präsidenten, Jim Connaughton, sagte, Atomkraftwerke seien "der Lackmustest für die Ernsthaftigkeit" der Staaten, gegen die Klimaerwärmung zu kämpfen. Wer die Fähigkeit habe, die Kernenergie sicher anzuwenden, habe auch die Verpflichtung, dies zu tun. Nur mit Mühe konnte Deutschland auf dem Gipfel eine Kompromissformel durchsetzen, mit der Kanzlerin Merkel in der Atomfrage ihr Gesicht wahren konnte.


Wie wahrscheinlich ist es, dass die Regierung den Ausstieg rückgängig macht?

Unwahrscheinlich. Zumindest bis zur Bundestagswahl 2009. Die Fronten in der Koalition in der Atomfrage sind verhärtet. Während sich die Union für die Atomkraft stark macht, hält die SPD am Ausstieg fest. Ein Kompromissvorschlag des SPD-Politikers Erhard Eppler fand auf beiden Seiten wenig Anklang. Er hatte angeregt, die Laufzeiten der Kraftwerke zu verlängern, dafür aber im Gegenzug den Ausstieg aus der Kernenergie in das Grundgesetz zu schreiben.

Nun rückt die Union von ihrer Maximalforderung, dem Bau neuer Kraftwerke, langsam ab. Für den Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust ist die Atomkraft nur noch eine "Übergangslösung". Trotzdem ist eine Einigung innerhalb der Koalition mehr als unwahrscheinlich. Zu kategorisch lehnt die SPD eine Rücknahme ihrer einstigen Beschlüsse ab. Auch wenn Kanzlerin Angela Merkel sich persönlich für den Ausstieg aus dem Ausstieg stark macht: "Für die nächsten Jahre können wir weder auf Kohle noch auf Kernkraft verzichten", verkündete sie. Sie sagte aber auch: Die Frage der Laufzeitverlängerung wird sich deshalb spätestens in der nächsten Wahlperiode stellen." Und darauf wird es wohl hinauslaufen - die Atomkraft wird wieder zum Wahlkampfthema.