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Fondsmanager auf der Flucht: Ermittler jagen Spekulanten Homm

Florian Homm hat Anleger um Millionen geprellt. Seit 2007 ist der Spekulant auf der Flucht, verfolgt von der US-Börsenaufsicht und einem Privatermittler. Die Jagd ist auch ein Wettrennen der Jäger.

Von Jens Brambusch

Die Welt ist aufgeteilt in zwei Schattierungen. Dunkel sind die Länder, in denen Florian Homm nach seinem Verschwinden gesichtet worden ist. Hell sind die, in denen er sich vermutlich nicht versteckt. Daneben eine Legende, wie viele Hinweise es pro Land gibt. Auffallend dunkel ist Südamerika: Panama, Venezuela, Brasilien. Aber auch in Afrika hat der flüchtige Hedge-Fonds-Manager Spuren hinterlassen, etwa in Marokko oder in Äthiopien. Ebenso in Asien und selbst in Europa. Nur kurz gewährt Josef Resch einen Blick auf die Karte in seinem Smartphone, dann steckt er es wieder in seine Jackentasche. Betriebsgeheimnis.

Resch ist Privatermittler. Manch einer würde sagen: Kopfgeldjäger. Der 62-Jährige sitzt in der schicken Lobby irgendeines Hotels irgendwo an der Ostsee. In seinem weißen Segelpullover sieht der Oberbayer aus wie ein Urlauber. Braun gebrannt, relaxt, unauffällig. Abwechselnd nippt er an Cappuccino und Wasser.

Viele Mosaiksteinchen der Flucht von Florian Homm hat Resch schon zusammengefügt. Nur noch wenige Teile fehlen, dann, glaubt Resch, weiß er, wo Homm sich aufhält. Reisedokumente des Flüchtigen hat er vorliegen, Kontakte geknüpft in dessen Umfeld - Mitarbeiter und Helfer vor und nach der Flucht, Bekannte und Banker, die ihm bei seinen Deals halfen.

1,1 Millionen Euro Kopfgeld

Den letzten, alles entscheidenden Hinweis will Resch jetzt gut bezahlen: mit sagenhaften 1,1 Millionen Euro. Das hohe Kopfgeld stammt von Reschs Auftraggebern, die selbst anonym bleiben wollen. Denn die Suche nach dem Flüchtigen ist auch ein Wettrennen der Jäger.

Seit viereinhalb Jahren ist Florian Homm verschwunden. Der Großneffe des verstorbenen Versandhauskönigs Josef Neckermann war einst das Enfant terrible der Finanzbranche, die Verkörperung der skrupellosen Heuschrecke. Arroganz machte er zu seinem Markenzeichen. Er tingelte von Talkshow zu Talkshow, paffte dicke Zigarren und erklärte immer wieder, was für ein toller Typ er sei. "Ich war eine wichtige Figur bei 60 Börsengängen." Frühere Mitarbeiter beschreiben ihn als aufbrausend und vulgär.

Mit Leerverkäufen scheffelte er Millionen, vergoldete fallende Kurse. Doch dabei ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. Die Kursverluste redete er herbei, streute Gerüchte und negative Analysen, etwa beim Autovermieter Sixt oder beim Immobilienkonzern WCM. Die Börsenaufsicht BaFin schritt ein, maßregelte Homm und verhängte Bußgelder. "Inkompetente Regulierer", schimpfte der und lächelte die Strafe weg.

Über Nacht wurde er bekannt, als er 2004 beim Bundesligisten Borussia Dortmund einstieg. Mit 25 Prozent Aktienanteil fühlte er sich als Mr Borussia. "Ohne mein Investment wäre der Verein reif für die Regionalliga", tönte er damals. Den Verein sah er als sein Eigentum, mischte sich immer wieder in das Tagesgeschäft ein.

Von der Tanzfläche in die Flucht

So sehr Homm den lauten Auftritt liebte, so leise war sein Abgang. Erst verschwand er von der Tanzfläche im Zürcher In-Klub Kaufleuten, dann ganz von der Bildfläche. "Ich gehe schlafen, damit ich morgen frisch bin", soll Homm zum Abschied gesagt haben. Doch von Schlafen konnte keine Rede sein. Deutschlands lautester Hedge-Fonds-Manager, der "Plattmacher", wie er genannt wurde, der "Krieger", wie er sich selbst nannte, machte sich aus dem Staub. Das war in der Nacht zum 18. September 2007. Seitdem ist Florian Homm auf der Flucht.

Seine Geschäftspartner warteten am nächsten Morgen vergeblich. Homm sollte Rede und Antwort stehen, erklären, wieso sich "illiquide Positionen" in Höhe von rund 500 Millionen Dollar unter dem Dach seiner Absolute Capital Management (ACM) angehäuft hatten. Zu Topzeiten hatte ACM mit acht Fonds mehr als 3 Milliarden Dollar Kundenvermögen verwaltet. Als ACM im April 2009 von der Börse genommen wurde, war das Vermögen um rund 3 Milliarden Dollar auf 2,3 Millionen geschrumpft. Das schafft Feinde.

Sie sind heute Reschs Auftraggeber. Sie fühlen sich geprellt, sagen, Homm habe sich mit ihrem Geld davongemacht. Und sie verstehen keinen Spaß. Einen hohen zweistelligen Millionenbetrag soll der Privatermittler für sie zurückholen, bevor es andere tun und kein Geld mehr da ist. Es sei keine Frage, ob Homm gefunden werde, sagt Resch. Sondern nur, wann und von wem.

Klageflut geprellter Anleger

Vor einem Jahr hat die US-Börsenaufsicht Sec Homm angeklagt. Seitdem ist er zur Fahndung ausgeschrieben, die US-Justiz ist ihm auf den Fersen. Bereits zuvor hatte es eine Klageflut geprellter Anleger an US-Gerichten gegeben, darunter eine vom Öltycoon Jack Grynberg. 16 Millionen Dollar soll er durch Homm verloren haben. Sein Anwalt sagte über Homms Firma: "Sie war nicht mehr als eine Lizenz zum Betrügen und Stehlen." Doch die Klageschriften konnten nicht zugestellt werden. Homm war untergetaucht.

Die Sec wirft Homm einen gigantischen Börsenschwindel vor. 63 Millionen Dollar soll er zusammen mit zwei Partnern allein von September 2005 bis zu seinem Verschwinden ergaunert haben, indem er die Performance seiner Fonds um rund 500 Millionen Dollar übertrieben habe. Im Falle einer Verurteilung erwartet ihn eine jahrzehntelange Haft. Sitzt Homm aber erst einmal hinter Gittern, dürften die Millionen von Reschs Auftraggebern verloren sein. Solche Typen verraten in der Regel nicht, wo die Beute steckt. Sie müssen ihn vorher kriegen, ihm das Geld abjagen, bevor sie für lange Zeit nicht mehr an ihn rankommen.

Ein Vermögen für gefälschte Identitäten

Um Homm zu finden, muss Resch die Flucht rekonstruieren. Und die beginnt an jenem 18. September 2007 in Zürich. Während seine Geschäftspartner noch über den Verbleib von Homm rätseln, sitzt der Zwei-Meter-Mann im Flieger nach Panama - eingecheckt unter dem Namen Colin Trainor. Sein irischer Reisepass trägt die Nummer PT0063427. Die Stempel verraten: Erst wenige Tage zuvor war Trainor schon einmal auf dem Internationalen Flughafen Tocumen eingereist. Das Bild in dem Ausweis verrät: Colin Trainor ist Florian Homm.

Es sind die ersten Stunden einer jahrelangen Odyssee. 500.000 Dollar soll den ehemaligen Jugendbasketballnationalspieler und Harvard-Absolventen Homm der Pass gekostet haben, berichtet einer, der ihm nach der Flucht zur Seite stand.

Resch liegt eine Kopie des Passes vor. Sie ist nur eine der Spuren, die Homm auf dem gesamten Erdball hinterlassen hat. Inzwischen muss Homm ein Vermögen für gefälschte Identitäten ausgegeben haben. "Mal ist er der Israeli Chaim Friedmann, mal ein Saudi mit französischem Namen", sagt Resch. Mindestens fünf verschiedene Pässe soll er haben.

Homm sucht den Kick noch heute

Homm zahlt einen hohen Preis für seine Freiheit. Er muss sich wie ein angeschossenes Wild fühlen, wie ein Getriebener. Immer auf der Flucht, immer neue Orte, immer in der Angst aufzufliegen. Einerseits.

Andererseits braucht Homm den Kick, sagt Reschs Mitarbeiter Mossi, der in Wirklichkeit anders heißt. Nur so sei es zu erklären, dass Homm auf seiner Flucht mehrmals in Europa war. Sogar in Deutschland und Zürich soll er sich unter falscher Identität aufgehalten haben. "Der liegt nicht seelenruhig an irgendeinem Pool und genießt sein Geld." Homm sei ein Zocker. Immer gewesen und auch heute noch. "Er braucht das Adrenalin", sagt Mossi. Da nehme er es auch in Kauf, dass er Spuren hinterlässt.

Homm sei nach wie vor im Finanzbusiness, sagt Resch. Aber nicht in der ersten Reihe. Dafür braucht er Verbündete. Und die verprellt er oft, schafft sich neue Feinde. Gut für Resch, denn das sind seine Quellen, Leute, die mit Homm abgeschlossen haben. Einige von denen ticken ähnlich wie der, wollen das schnelle Geld, lassen sich verleiten, sind anfällig für das Versprechen riesiger Renditen. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn Homm sie über den Tisch zieht - selbst jetzt, auf der Flucht.

Bei seiner Familie ist er schon lange untendurch. Seine Frau, die Schwester seines einstigen Geschäftspartners Kevin Devine, trennte sich Monate vor der Flucht von ihm, lebt mit den beiden Kindern in Naples in Florida, abgeschottet in einer noblen Wohngegend, die man nur durch ein Tor betreten kann. Seine Familie schämt sich für ihn. Der Sohn von Josef Neckermann, Homms Onkel Johannes, sagte einmal: "Die Ethik der Familie Neckermann unterscheidet sich so von Florian Homms Tun, dass es beschämend wäre, seinen Namen in einem Atemzug mit dem meines Vaters zu nennen."

Mit nur 23 Jahren bei Merrill Lynch

Dabei legt Homm anfangs eine Bilderbuchkarriere hin. Als Sohn eines Installateurs wächst er im hessischen Oberursel auf, besucht später das College in Harvard. Mit nur 23 Jahren hat er sein erstes Engagement bei der Investmentbank Merrill Lynch. Doch er will mehr. Er geht zurück nach Harvard, macht seinen Master. Anschließend kommt er bei renommierten Adressen unter. Dem hoch gewachsenen, sportlichen Mann stehen alle Türen offen. Beim Fondsanbieter Fidelity, bei der Schweizer Privatbank Julius Bär und dem US-Vermögensverwalter Tweedy Browne. 1993, mit 34 Jahren, macht er sich selbstständig, gründet die Value Management & Research AG (VMR). Nach dem Platzen der Dotcom-Blase verlässt er VMR, wütende Anleger bleiben zurück. Wenig später zieht er ACM hoch. Der Rest ist Geschichte, Homm irgendwo auf der Welt versteckt. Erstaunlich lange schon. Niemand hätte gedacht, dass ein so bekannter Mann sich so lange der Öffentlichkeit entziehen kann.

Wie Homm ist auch sein Jäger Resch ein Phantom. Publicity ist seinem Geschäft abträglich. Nur ein einziges Mal hat es ein Foto von ihm in einer Zeitung gegeben. Ein kleines Bild mit großer Sonnenbrille. Das ist mehr als zehn Jahre her, aber es ärgert ihn immer noch. Seitdem achtet er darauf, dass keine Bilder von ihm existieren - nicht mal im Internet. Es lasse sich eben besser jagen, wenn der Gejagte den Jäger nicht kennt.

Team aus Marinetauchern und SEK-Leuten

Reschs Plan: Homm finden und festsetzen. Ein kleines Team aus ehemaligen Marinetauchern und SEK-Leuten steht bereit, um in den Flieger zu steigen. Wohin auch immer. "Wenn wir Homm haben, stellen wir ihn vor die Wahl: das veruntreute Geld rausrücken, oder wir liefern ihn den amerikanischen Behörden aus. Er hat die freie Wahl."

Wie genau das ablaufen kann, schildert Resch an einem ähnlichen Fall, der schon Jahre zurückliegt. Damals hatte sich ein Millionenbetrüger nach Panama abgesetzt. Resch spürte ihn auf, bandelte mit ihm an. Zwei Deutsche in der Fremde, man verstand sich. Dann lud er ihn zu einer Angeltour ein, die Jacht hatte er gechartert. Außerhalb der Hoheitsgewässer stoppten die Maschinen. Der Mann hatte die Wahl: seine Rechnungen begleichen - oder das Boot hätte Kurs auf Miami genommen. Wie Homm wurde auch der Mann in den USA gesucht, Jahre hinter Gittern hätten ihn dort erwartet.

Der Mann wollte zahlen. Resch hatte im Vorfeld Konten eingerichtet, auf die das Geld überwiesen werden konnte, an Bord befand sich alles, um die Transaktion durchzuführen. Als das Geld auf den Konten eingegangen war, fuhr die Jacht zurück nach Panama. Der Mann konnte gehen, Resch hatte seinen Auftrag erledigt.

Kopfgeldjäger jagen um die Wette

Es sind rabiate Methoden. Juristisch bewegt sich Resch in einer Grauzone, je nach Rechtsprechung in den jeweiligen Ländern. Doch er überschreite das Gesetz nicht, sagt er. Körperliche Gewalt sei ein Tabu.

Die Bezeichnung Kopfgeldjäger hört er nicht gern, schon gar nicht Detektiv. Informationsbeschaffung nennt er seinen Job, "logische Aufklärung" seine Methode. Sein Netzwerk ist sein Kapital.

Für LKA und BKA war er verdeckt im Einsatz, hat Drogendeals mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell eingefädelt, um einen deutschen Mittelsmann zu entlarven, hat bei einem spektakulären Bankraub in Irland die Beute aufgespürt, ermittelte bei Oetker und Reemtsma, sammelte Informationen in der Hartz-Affäre und über den untergetauchten ehemaligen Staatssekretär Ludwig-Holger Pfahls, bekam heikle Aufträge von Siemens und der Telekom. Mossi, sein Kollege, ist dabei nur knapp einem Mordanschlag entgangen, als eine Handgranate beim Öffnen seines Autos explodierte. Angst? Mossi wiegelt ab. Nein, da sei er ähnlich wie Homm. Auch er sei ein Adrenalinjunkie.

Resch sammelt, gleicht ab, nähert sich dem Umfeld, nicht räumlich, gedanklich. Und er sucht das Gespräch. Im Visier hat er auch Homms ehemalige rechte Hand, Andreas Schaer, der in Kambodscha ein Hotel mit seiner einheimischen Frau betreibt. Auf seiner Website www.wifka.de zeigt Resch ein Foto von Schaer, wie er friedlich auf einer Liege schlummert. "Vermutlich stehen er und Homm noch in Kontakt", sagt er. Immerhin lebte Schaer einige Zeit in Homms Villa auf Mallorca. Hinweise hat er, dass Schaer mehrmals nach Äthiopien reiste. Homm ebenso. An einen Zufall glaubt Resch nicht. Ob Homm sich dort aufhält?

Geld macht gesprächig

Bei seiner Suche hat Resch Konkurrenz, in den USA, das weiß er. Auch US-Privatermittler suchen Homm, zum Teil mit anderen Methoden. Sie beschatten Homms Ex-Frau und dessen Kinder in Florida, oder sie versuchen, Gespräche zwischen Homm und seinem Sohn oder seiner Tochter abzufangen. "Das ist eine Art, aber nicht meine", sagt Resch. So eine Suche ist aufwendig. Und teuer.

Resch arbeitet anders - auf Provisionsbasis. Findet er Homm, bekommt er 20 Prozent der sichergestellten Summe. So arbeitet er immer, seit Jahrzehnten. Keine mühsamen Abrechnungen nach Stundensatz, keine Rechtfertigung für bislang geleistete Arbeit. Nur das Ergebnis zählt.

In den vergangenen Wochen hat er viele Informationen erhalten. Mal gute, mal weniger gute. Einige decken sich, doch die entscheidende fehlt noch. Resch weiß: Einige Wegbegleiter haben Angst vor dem skrupellosen Manager, besonders die Mitwisser. Doch die hätten nichts zu befürchten. Seine Auftraggeber wollen ausschließlich Homm.

Resch sichert 100-prozentige Vertraulichkeit zu, empfiehlt, zur Wahrung der Anonymität einen Anwalt zur Kontaktaufnahme einzuschalten. So hofft er, den letzten Hinweis zu bekommen. Er weiß aus seiner Erfahrung: Geld macht gesprächig.

Von Jens Brambusch / FTD