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GM und Chrysler: Fahrerwechsel in Detroit

Nach Wochen des Zauderns greift Barack Obama durch: Die angeschlagenen Autohersteller General Motors und Chrysler bekommen eine Gnadenfrist, GM-Chef Rick Wagoner muss gehen. Für den US-Präsidenten ist es ein Befreiungsschlag - für Amerika eine Zäsur.

Von Matthias Ruch und Sabine Muscat

Es ist der Morgen nach dem großen Paukenschlag, um 11.07 Uhr spricht der Präsident zu seinem Volk. Wie immer sagt Barack Obama nicht zuerst, was er tun will, sondern warum er es tut. Er spricht über die große US-Autoindustrie, über den Niedergang, die Probleme. "Wir sind am Ende der Straße", sagt er.

Der Schmerz aber, den nun alle spürten, sei "nicht die Schuld der Arbeiter, die unermüdlich schuften. Es ist nicht die Schuld der Familien und Gemeinden, die über Generationen die Fabriken unterstützt haben. Es ist ein Versagen der Führung - von Washington bis Detroit." Obama wirkt ruhig und entschieden, während er abrechnet. "Wir können, dürfen und werden unsere Autoindustrie nicht verschwinden lassen", sagt er. Doch er stellt Bedingungen: "Was wir verlangen, ist schwierig. Die Unternehmen müssen harte Entscheidungen treffen."

"Kein Interesse, GM zu führen"

Es ist ein Morgen, der als Wegmarke und politische Zäsur gesehen wird: Denn hart ist in diesen Stunden vor allem die US-Regierung gegenüber den Unternehmen. Sie stellt den Autobauern ein Ultimatum für ein neues Sanierungskonzept mit rigorosen Sparzielen: 60 Tage bleiben General Motors (GM), 30 Tage Chrysler. Chrysler soll unter das Dach von Fiat. GM-Chef Rick Wagoner muss sofort gehen - sonst droht die Insolvenz. Das "Wall Street Journal" spricht von der "dramatischsten Intervention in der Privatwirtschaft seit Beginn der Krise im vergangenen Jahr". Einen so tiefen staatlichen Eingriff habe es wahrscheinlich seit der Großen Depression nicht mehr gegeben, schreibt sogar die "New York Times".

Der Abgang von Wagoner war zwar eine Frage der Zeit - für Obama aber ist er ein Befreiungsschlag. Seit Wochen wird ihm mangelnde Führung vorgeworfen. Ein Hasenherz sei er, schimpften nicht nur linke Ökonomen wie Paul Krugman, dem das Konjunkturprogramm nicht groß genug ist. Nun greift Obama durch. Und zwar richtig. Wer hätte sich vor Jahren erträumt, dass das Weiße Haus einmal CEOs absetzen würde? Bereits seit Dezember hatten GM und Chrysler Kredite über insgesamt 17,4 Milliarden Dollar von der Regierung erhalten. Dieses Geld ist nun aufgebraucht. GM benötigt weitere 16,6 Milliarden Dollar, um durch das Jahr zu kommen, Chrysler fünf Milliarden Dollar. Diese Zahlungen knüpft Obama nun an weitreichende Forderungen - denn die Milliardenhilfen sind unpopulär. Man wolle die Autobauer nicht untergehen lassen, werde jedoch nicht endlos Steuergelder in den Sektor pumpen, verkündete Obama: "Um es klar zu sagen: Die US-Regierung hat kein Interesse, GM zu führen."

Rettung nur mit neuem Konzept

Politisch ist der radikale Schritt der US-Regierung gut abgesichert. Obama beruft sich auf die Ratschläge der Auto-Taskforce im Finanzministerium. Die Sondertruppe um den New Yorker Finanzier Steven Rattner soll der Regierung bei der Rettung der Autoindustrie helfen - und die Rolle des Staates dabei ausloten.

Seit Mitte Februar hatten die Spezialisten die Sanierungspläne durchleuchtet, sich in die Konzernstrukturen und Produktpläne eingearbeitet, Chancen abgewogen. Ihr Fazit ist drastisch: Mit den vorgelegten Rettungskonzepten seien GM und Chrysler nicht überlebensfähig. Chrysler könne es allein gar nicht mehr schaffen, sogar mit Fiat sei es fraglich. GM schaffe es nur mit neuem Konzept - und ohne den bisherigen Konzernchef Wagoner.

Jüngst zitiert Rattner den Manager des einst größten Autoherstellers der Welt ins Finanzministerium nach Washington. In seinem Büro eröffnet er ihm die Pläne der Regierung. Der Manager fügt sich, mit sofortiger Wirkung verlässt er die Spitze des Konzerns. "Ich habe mich am Freitag in Washington mit Regierungsbeamten getroffen", sagt Wagoner am Wochenende fast lapidar. "Im Zuge dieses Treffens forderten sie mich auf, als CEO von GM Platz zu machen. Das habe ich getan."

In einem Vieraugengespräch überzeugt Rattner daraufhin den bisherigen GM-Vize, Fritz Henderson, die Nachfolge zu übernehmen. Der kündigt an, er werde "rund um die Uhr" an der Erfüllung der Auflagen arbeiten.

Die Regierung werde "von allen beteiligten Parteien eine Reihe Opfer verlangen: Management, Arbeitnehmer, Aktionäre, Gläubiger, Zulieferer und Händler - alle müssen an den Verhandlungstisch kommen", hatte Obama bereits vor wenigen Tagen verkündet. Nur ein klares Bekenntnis zu einer tiefen Umstrukturierung könne die Zukunft der Konzerne garantieren. Und der Staat will dabei mehr mitreden als bisher.

Mehr Druck von der Regierung

In den kommenden Wochen wird der Einfluss der Regierung auf die angeschlagenen Unternehmen weiter wachsen. Nach Wagoner dürfte es auch andere Manager des Konzerns treffen, erwarten Beamte. Auf Druck der Auto-Taskforce soll GM auch das Direktorium neu besetzen. Die Regierung will für die kommenden 60 Tage ein Team nach Detroit schicken, das die Umstrukturierung begleiten soll.

"GM muss nun erst einmal den Weg einschlagen, den das Weiße Haus gefordert hat", sagt Heiko Möhringer, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. "Es wird nun auf jeden Fall sehr gravierende Einschnitte geben." Eine der Hauptaufgaben dürfte sein, die mächtige Autogewerkschaft United Auto Workers und die Gläubiger zu Zugeständnissen zu zwingen. Sie sollen einen Teil ihrer milliardenschweren Forderungen in Aktien tauschen. Bislang weigern sie sich jedoch gegen solche Pläne.

Mit dem Ultimatum Obamas könnte sich das ändern. "Der Druck soll auch auf die Gewerkschaft ausgeübt werden, Zugeständnissen zuzustimmen", sagt Jürgen Pieper, Analyst vom Bankhaus Metzler. Und Dave Zoia, Autoanalyst von Ward, sagt: "Das Signal ist eindeutig: Washington wird GM weiter helfen. Wenn Obama GM hätte fallen lassen wollen, hätte er das jetzt getan."

Immer wieder hatte der Staat zuletzt auch bei den anderen Akteuren, die mit Steuergeld am Leben gehalten werden, eine stärkere Rolle eingefordert. Etliche Banken mussten ihre Führungsgremien neu besetzen oder auf Druck Washingtons ihre Dividenden streichen. Beim Versicherungsriesen AIG, der nach der Rettung inzwischen zu fast 80 Prozent dem Staat gehört, redet die Regierung bei zahlreichen Entscheidungen mit. Doch so eindringlich wie bei den Autobauern hat die Regierung ihren Einfluss bislang nicht eingefordert.

Für Obama ist der Umgang mit der Autoindustrie eine Bewährungsprobe. Die Rettungsaktionen des Staates sind in den USA umstritten, die Stimmung ist aufgeheizt. Die Bonuszahlungen bei AIG lösten vergangene Woche heftige Proteste aus. Die Wut der Straße hat längst auch die Hauptstadt erreicht. Nun hat Obama reagiert. In einer Fragestunde des Weißen Hauses hatte der Präsident bereits das "gravierende Missmanagement der Autoindustrie in den vergangenen Jahren" gegeißelt und weitere Hilfen der Regierung an die "Bereitschaft für drastische Änderungen" gekoppelt. Der Präsident wird nicht zuschauen, war die Botschaft, sondern eingreifen, steuern.

Sündenbock Wagoner

Beobachter sehen die Eingriffe vor diesem Hintergrund: "Der Wechsel von Wagoner ist wohl eher ein politischer Schritt als eine Entscheidung in der Sache", sagt Zoia. Ähnlich argumentiert Jeremy Anwyl, Chef der Autoplattform Edmunds.com: "Dieser Schritt ist weniger eine Anklage gegen Wagoners Amtszeit als eine politische Notwendigkeit, einen Sündenbock zu haben, bevor man unpopuläre Kredite gewährt." Als politischer Sündenbock eignet sich Wagoner gut. Längst war er die Symbolfigur der Autokrise in den USA, fast zehn Jahre hatte er den einst größten Autohersteller der Welt geführt. Anfangs lief es gut für ihn, doch seit 2005 ging es abwärts. Der Marktanteil auf dem Heimatmarkt sank von einst 45 auf zuletzt 22 Prozent, in den vergangenen vier Jahren türmten sich Verluste in Höhe von 80 Milliarden Dollar auf.

"Ich habe mich immer gewundert, wie lange sich jemand halten kann, der den Unternehmenswert von GM um 90 Prozent gemindert hat", sagte der Betriebsratsvorsitzende der GM-Tochter Opel, Klaus Franz.

Spätestens seit November war das Ansehen des stolzen Automanagers endgültig ramponiert. Gemeinsam mit anderen CEOs der Autoindustrie musste er damals in Washington vorsprechen, um milliardenschwere Notkredite zu erbetteln. Der Auftritt geriet zu einem Desaster, die Chefs reisten im Firmenjet aus Detroit an und verströmten den alten Habitus, herablassend und arrogant. Wagoner wies damals alle Verantwortung von sich. Sein Abgang ist ein Signal. Er "spiegelt den Willen der Steuerzahler wider, denen die Zugeständnisse noch nicht weit genug gehen", sagt Kevin Tynan, Analyst bei Argus Research. Der Staat entmachtet einen der mächtigsten Unternehmensführer des Landes. Weil es das Volk so wollte.

Am Ende seiner Rede wendet sich Obama denn auch an die Arbeiter der Autoindustrie und wird pathetisch: "Ich werde nicht so tun, als seien die harten Zeiten vorbei. Ich kann nicht versprechen, dass es nicht weiter wehtun wird. Aber eines kann ich euch versprechen: Ich werde für euch kämpfen."

FTD

Von:

Sabine Muscat und Matthias Ruch