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Hartmut Mehdorn: "Stoppt die Volksverdummung"

Auch Hartmut Mehdorn hat die stern-Polemik gegen die Privatisierung der Bahn gelesen. Und sich mächtig geärgert. Hier schreibt der Bahnchef über seine wahren Pläne auf der Schiene.

Stoppt Mehdorn - titelt stern-Autor Arno Luik. Schon die Schlagzeile belegt: Der Mann weiß nicht, wovon er schreibt. Die Teilprivatisierung der Deutsche Bahn AG hat mit meiner Person nichts zu tun. Das ist wirklich zu viel der Ehre. Sie ist vielmehr logische Folge der Bahnreform von 1994. Damals wurde nahezu einstimmig entschieden: Die Politik ist für die öffentliche Daseinsvorsorge zuständig, die DB AG wird nach unternehmerischen Prinzipien geführt. Übrigens mit großem Erfolg: Aus den bankrotten Behördenbahnen Bundes- und Reichsbahn wurde eine wettbewerbsfähige Aktiengesellschaft.

Ende Juli hat die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD - mit Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze - ein entsprechendes Privatisierungsgesetz auf den parlamentarischen Weg gebracht. Ein Meilenstein, nach jahrelangen intensiven Beratungen. Hier geschieht also nichts Überraschendes oder gar Heimliches, wie der Redakteur suggeriert. Nein, hiermit wird die Zukunft von Europas größtem - ja bestem - Verkehrsunternehmen gesichert. 190.000 Beschäftigte in Deutschland haben bei uns sichere Arbeitsplätze. Als einer der größten Arbeitgeber und Ausbilder im Land sind wir stolz auf unsere Jobgarantien, die es hierzulande fast nirgendwo gibt. Statt dieser unbestreitbaren Fakten werden Horrorszenarien über gefräßige Heuschrecken an die Wand gemalt - garniert mit unterschwelligen Ressentiments. Getreu dem Motto: Finstre Fremdlinge aus Russland und Arabien reißen sich unser Volksvermögen unter den Nagel.

"Wir wären doch verrückt, unsere eigene Lebensader zu kappen"

Welch ein Unsinn - und so etwas ausgerechnet aus dem Land des Exportweltmeisters. Mit der Realität und dem kleinen Einmaleins hat all dies nichts, gar nichts zu tun. Fakt ist: Der Bund behält mindestens 51 Prozent der Bahnanteile. Mithin, niemand kann gegen den Willen des Mehrheitsaktionärs, also gegen das Volk, über die DB entscheiden. Schon gar nicht können Investoren Gleise herausreißen, die Bahn verschlanken und somit Geld rieseln lassen. Strecken stilllegen kann nur der Staat - und das nach einem scharfen, schwierigen und transparenten Genehmigungsverfahren. Aber eine Recherche hätte ja Luiks unhaltbare These zusammenbrechen lassen, dass der bisherige Privatisierungsprozess schlecht für die Deutschen und ihre Bahn gewesen ist. Das Gegenteil stimmt. Seit 1996 ist die Zahl der Fahrgäste im Nahverkehr um 30 Prozent gestiegen. Nirgendwo auf der Welt gibt es einen derart vertakteten und engmaschigen Nah- und Regionalverkehr wie in Deutschland, gerade auch in ländlichen Gegenden.

Der Nah- und Regionalverkehr ist das Rückgrat des DB-Geschäftes. Wir wären doch verrückt, unsere eigene Lebensader zu kappen. Der prognostizierte Rückzug aus der Fläche ist daher ein Hirngespinst. Und: In den vergangenen Jahren haben wir so viele Menschen und Güter transportiert wie niemals zuvor. Gerade der Güterverkehr erlebt den größten Boom seit langer Zeit. Es gelingt sogar wieder, Güter und Passagiere von der Straße zurückzugewinnen und somit den Anteil der Schiene am Verkehrsaufkommen zu erhöhen. Erreicht wurde diese klimafreundliche Trendwende durch Investitionen: Die gigantische Summe von rund zwölf Milliarden Euro hat die DB allein in die Eisenbahninfrastruktur gesteckt. Plus zusätzliche Milliarden Euro in neue Züge. Dafür mussten wir natürlich Schulden machen. Die bezahlen wir - streng nach Plan - Stück für Stück zurück. Das ist der fundamentale Unterschied zu Bundesund Reichsbahn: Dort wurden jeden Tag Millionen von Mark schlichtweg verbrannt und eben nicht in die Zukunft investiert.

Stoppt die Volksverdummung - gerade im Interesse von Bahnkunden

Kein vernünftiger Mensch und schon gar kein Steuerzahler, der rechnen kann, mag sich nach diesen tiefroten Zahlen zurücksehnen. Autor Luik verklärt dennoch die angeblich guten alten Zeiten, so als ob die Welt nach dem Fall der Mauer und im Zuge der Globalisierung stehen geblieben wäre. Unsere Kunden sehen das völlig anders: Sie wollen, ja brauchen Angebote - weit über die Ländergrenzen hinaus. Auch deshalb engagieren wir uns in der Logistik, eine der weltweit größten Wachstumsbranchen. Der Vorwurf, die Geschäfte in China seien uns wichtiger als die Bahnhöfe in Westerland, Leipzig oder Obersdorf, ist absurd. Über 80 Prozent der DB-Investitionen fließen in die Eisenbahn. In Deutschland. Bleibt zum Schluss die populistische Behauptung, mit der Teilprivatisierung werde Volksvermögen riesigen Ausmaßes verschleudert. Mit Verlaub, aber jeder Student der Betriebswirtschaftslehre lernt schon in den ersten Semestern den Unterschied zwischen Bilanz- und Ertragswerten. Da werden frech Äpfel mit Kürbissen verglichen. Wo Argumente fehlen, werden eben Ängste geschürt. Daher meine Bitte: Stoppt die Volksverdummung - gerade im Interesse von Bahnkunden, Steuerzahlern und Mitarbeitern."

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