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Jeremy Rifkin: "Sauberer Strom für alle"

Während sich bei der Weltklimakonferenz auf Bali Regierungsvertreter die Köpfe heiß reden, hat US-Ökonom Jeremy Rifkin schon eine Lösung zur Rettung des Weltklimas parat: Jeder Haushalt soll sein eigener Stromproduzent sein. Doch die Anfangskosten wären gewaltig.

stern.de: Mr. Rifkin, die Vertreter von 190 Ländern treffen sich derzeit auf Bali zum Weltklimagipfel. Was erwarten Sie?

Jeremy Rifkin: Nichts. Ich bin pessimistisch, dass dabei etwas herauskommt. Bali wird zu einem Ort für billige Ausreden.

Inwiefern?

Wir steuern auf eine Klima-Katastrophe zu; es gibt kaum jemanden, der daran zweifelt. Aber die Staaten drücken sich vor der Verantwortung. In Bali feilschen sie nun um Grenzwerte zur Reduzierung der Treibhausgase. Und jeder versteckt sich hinter dem anderen und pokert, dabei möglichst wenig Lasten tragen zu müssen. So wird der Kollaps nicht aufzuhalten sein. Wenn es auf Bali ganz schlecht läuft, dann rudern Länder wie Russland, die bislang zumindest die Ziele von Kyoto von vor zehn Jahren akzeptiert haben, nun wieder zurück und schlagen sich auf die Seite der Blockierer.

Die Europäische Union propagiert, Vorreiter beim Klimaschutz zu sein. Spanien allerdings produziert von Jahr zu Jahr mehr CO2. Die Begründung: Nur so ließe sich die Wirtschaft anzukurbeln. Italien ist auch nicht viel besser. Wie will man von aufstrebenden Schwellenländern wie China und Indien mehr abverlangen, als die Industrienationen zu geben bereit sind?

Darin steckt tatsächlich ein großes Problem der Glaubwürdigkeit. Aber ich weiß aus Gesprächen mit dem spanischen Ministerpräsident José Luis Zapatero, dass in der Regierung nun ein Umdenken stattfindet. In der EU setzt sich generell die Einsicht durch, dass die Welt am Ende einer Industriephase steht, die auf Kohle, Gas und Erdöl basiert. Die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen wird in den nächsten Jahren das Angebot weit übersteigen; bald werden Öl und Gas nicht mehr bezahlbar sein. Nun blicken wir auf den Sonnenuntergang einer Ära. Doch den meisten fehlt noch die Vorstellungskraft, wie der nächste Sonnenaufgang aussehen kann. Die Industrienationen müssen vorangehen und ihre Wirtschaft radikal auf umweltschonenden Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasserstoff umstellen. Eine erneute industrielle Revolution ist nötig.

Sie haben der EU-Kommission eine Vision vorgestellt, nach der jeder Haushalt seine eigene Energie erzeugt. Wie soll das gehen?

Mir schwebt ein europaweites Energienetz vor, das nicht mehr zentral von wenigen Stromkonzernen gespeist und kontrolliert wird, sondern von den Nutzern. Das muss man sich so vorstellen: Jedes Haus versorgt sich selbst mit Energie und ist doch mit allen anderen vernetzt. Strom und Wärme werden durch die Nutzung von Biomasse, Solar oder durch Brennstoffzellen erzeugt. Wenn in einem Gebäude mehr Energie gewonnen als verbraucht wird, so wird sie gespeichert oder in das neuartige Stromnetz eingespeist. Wer zu wenig selbst produziert, bezieht den Strom von dort. So wie heute zehntausende Computer über ein Netzwerk mehr Leistung entwickeln als ein Großrechner, entstehen in meinem Energiemodell Millionen kleine Kraftwerke. Im Internet steuern heute die Nutzer doch auch einen Großteil der Inhalte bei. Warum soll das nicht mit der Energieverteilung möglich sein?

Sie wollen die Stromkonzerne enteignen und ihnen die Netze nehmen.

Die Trennung von Netz und Stromerzeugung ist natürlich eine Grundvoraussetzung für ein alternatives Versorgungssystem. Aber das liegt ohnehin ganz im Sinne der Europäischen Union. Die Wettbewerbskommissarin hat die Abkoppelung der Netze schon vorgeschlagen. Das ist der erste Schritt. Eine solche Liberalisierung wird allerdings bislang noch von Frankreich und Deutschland blockiert.

Ihr Entwurf ist utopisch. Wie soll das funktionieren? Strom müsste sich beliebig speichern lassen. Wie wird die Industrie versorgt? Was ist mit dem Verkehr? Wissenschaftler, die sich mit Ihrem Konzept befasst haben, kritisieren: Selbst wenn das alles technisch möglich wäre - es wäre unbezahlbar.

Anfänge davon sind doch bereits realisiert. In einigen Städten fahren die Busse mit Brennstoffzellen. Der US-Staat Kalifornien treibt die gesamte Energiewirtschaft zum Wasserstoff. Technisch ist der Umstieg für alle Bereiche machbar.

Das sind Pilotprojekte ...

... und was heißt schon unbezahlbar? Wenn die EU-Staaten die Fahrzeug-Flotten ihrer Behörden sowie den öffentlichen Nahverkehr auf Wasserstoff-Antrieb umstellen würden, kommen schnell Stückzahlen zusammen, bei denen sich die Investitionen für die Autokonzerne rechnen. Voraussetzung ist der politische Wille dazu. Aber ich gebe zu: Die Finanzierung von umweltfreundlichen Energien bleibt eine Herausforderung. Schätzungen zufolge würde der Aufbau eines neuen Stromnetzes für Europa über 30 Jahre gerechnet wohl 750 Milliarden Euro kosten. Das ist natürlich eine Menge Geld. Aber wir haben gar keine andere Wahl. Der Umwelt-Kollaps wird uns viel teurer zu stehen kommen.

Sie spielen mit den Ängsten der Menschen.

Wir sehen doch täglich im Fernsehen, was der Klimawandel anrichtet: Dürren und Brände, Hurricans und Flut; die Gletscher schmelzen ab. Politiker dürfen den Menschen keine billigen Lösungen mehr versprechen. Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam einen Masterplan entwickeln, wie sie das nächste Industriezeitalter gestalten wollen. Für die Europäische Union kann das ein zentrales Projekt werden: Sauberer Strom für alle - "Power to the People". Das leuchtet den Menschen ein, und dafür ist zumindest die jüngere Generation bereit Opfer zu bringen.

Das klingt nach Planwirtschaft aus Brüssel.

Nein. Aber große Umbrüche verlangen Kooperationen zwischen Staaten und Privatwirtschaft. Das war immer so. Wo stände die Autoindustrie, wenn es keine Highways gäbe?

In Deutschland hat der Klimaschutz die Diskussion um Kernkraft wiederbelebt. Warum spielt die in Ihrem Konzept keine Rolle?

Weil auch Kernenergie keine Lösung bietet. Der Bau von Kernkraftwerke kostet Milliarden; und die meisten der 408 weltweit bestehenden Meiler sind veraltet. Man bräuchte aber Tausende Kraftwerke, um die Stromversorgung sicher zu stellen. Wird man die bauen? Ich glaube nicht daran. Außerdem zeigt sich an Frankreich ein weiteres Problem: Rund 40 Prozent des Trinkwassers wird dort zur Kühlung von Atommeilern gebraucht. So viel Wasser steht in vielen Regionen gar nicht zur Verfügung. Und schließlich bleiben Sicherheitsbedenken: Wollen wir wirklich, dass alle Staaten mit Uran und Plutonium beliefert werden? Ich kann mir eine schönere Welt vorstellen.

Interview: Michael Reichmann und Johannes Röhrig