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Korruption: Geben und nehmen

Ob bei VW, Infineon, der ARD oder in Ministerien: In allen Teilen der Gesellschaft verheddern sich Topleute in einem Geflecht aus nützlichen Beziehungen.

Betroffen sind Gewerkschafter und Manager, Journalisten und Politiker. Die Korruption reicht von der kleinen Gefälligkeit bis zur schweren Kriminalität. Nie wurde so deutlich wie in diesen Wochen, wie fest sie Deutschland im Griff hat.

Es wird gesungen, getanzt, getrunken. Teure Geschenke wechseln den Besitzer. Einer zahlt für alle. Eine Szene unter VW-Gewaltigen in einem Prager Bordell? Der Abend nach einem Autorennen, bei dem motorsportbegeisterte Infineon-Bosse und ihre Sponsoren Spaß haben? Nichts von allem. Es ist das 19. Jahrhundert, an der Westküste Nordamerikas feiern Indianer ihr Potlach-Fest. Soziale Wesen, die gern geben und gern nehmen. Sie wissen, wie nützlich kleine Aufmerksamkeiten sein können. Vielleicht wird der nächste Winter kalt, die Not groß. Da muss man zusammenhalten.

So geht es zu unter Menschen. Nicht nur bei Indianern vom Stamme der Tlingit und Haida. Zu Weihnachten gibt es für die Geschäftsfreunde eine Flasche Wein. Oder zwei. Oder eine ganze Kiste vom Feinsten. Ist doch normal. Oder doch schon Korruption? Die Grenzen sind so fließend wie ungewiss. Je komplexer die Welt wird, desto riskanter erscheint es, sich auf das natürliche Gespür für Recht und Unrecht zu verlassen. Und desto vielfältiger werden die Möglichkeiten zum ganz privaten Potlach.

Wie erschreckend

das Ausmaß der Betrügereien in Deutschland inzwischen ist, wird in diesen Wochen so deutlich wie nie zuvor. Betroffen sind alle Berufsgruppen, jeder Teil der Gesellschaft:
- Gewerkschafter wie bei Volkswagen, die sich vom Arbeitgeber Lustreisen ausgeben lassen und sich so dem Verdacht aussetzen, ihre Dienste seien käuflich;
- Topmanager wie Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz, der Lieferanten gedrängt haben soll, den Motorsport zu sponsern, und einen Teil des Geldes dann in die eigene Tasche umlenkte;
- Politiker wie der ehemalige Verteidigungsstaatssekretär Ludwig-Holger Pfahls, der sich für die wohlwollende Begleitung von Rüstungsgeschäften schmieren ließ und nun vorm Landgericht Augsburg um eine milde Strafe kämpft;
- Journalisten wie die öffentlich-rechtlichen Sportreporter Jürgen Emig und Wilfried Mohren, die im Verdacht stehen, Sendezeit regelrecht verkauft zu haben;
- Fernsehmacher, die für die Platzierung von Produkten in gebührenfinanzierten Sendungen wie dem ARD-"Marienhof" kassierten.

Willkommen in der Bakschischrepublik Deutschland. Auf 50 Milliarden Euro veranschlagt der Passauer Wirtschaftswissenschaftler Johann Graf Lambsdorff den Schaden pro Jahr. "Die Bereitschaft zum Betrug hat zugenommen", beobachtet auch der Friedrichshafener Wirtschaftsprofessor Birger Priddat. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner klagt: "Ganze Herden grauer und schwarzer Schafe bevölkern die Amtsstuben."

Sie sind unauffällig und gut getarnt. Denn da bei der Korruption die Täter unter sich bleiben und die Opfer oft nichts ahnen, werden auch kaum Delikte angezeigt. Jedenfalls nicht, solange die Männerfreundschaften halten, gut informierte Ex-Frauen nicht verärgert werden und jeder seinen Teil abbekommt.

Bei einer Umfrage unter Mittelständlern förderte das Meinungsforschungsinstitut Forsa zutage, dass jede siebte der kleinen und mittleren Firmen schon einmal geschmiert hat, um an einen Auftrag zu kommen - hochgerechnet sind das etwa 150000 deutsche Unternehmen. Wie verbreitet Korruption ist, belegt eine andere Forsa-Zahl: 54 Prozent der befragten Inhaber hatten bereits "den Eindruck, einen Auftrag verloren zu haben, weil jemandem kein Gefallen oder keine Gefälligkeit erwiesen wurde". Anders ausgedrückt: Wer keine bestechenden Argumente vor(bei)bringt, geht leer aus.

Korruption kommt vom lateinischen "corrumpere" und bedeutet neben "bestechen" auch "verderben, vernichten". Sie verdirbt die Sitten und vernichtet Werte, materielle und vor allem ideelle. Denn wo das Vertrauen schwindet, dass es mit rechten Dingen zugeht, sinkt die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten.

Längst ist die Moral geteilt und die Heuchelei allgegenwärtig. 55 Prozent der Deutschen sagten bei einer Umfrage vor zwei Jahren, sie könnten sich vorstellen, dem Finanzamt Einkünfte zu verschweigen. Priddat hält den Umgang mit Steuersünden für einen guten Hinweis auf das Ausmaß der Korruption: "Da diskutieren die Leute offen an der Bar, wie viel Steuern sie hinterzogen haben. Sie finden sich toll, wenn sie merken: Ich bin besser als du." Betrug also als eine Art sportlicher Wettbewerb nach dem Motto "Ich bin doch nicht blöd".

Es wächst aber nicht nur das individuelle Bedürfnis zur Vorteilsannahme, sondern auch die kollektive Erkenntnis, dass etwas dagegen geschehen muss. Im Bemühen, Vorteilsnahme hart zu bekämpfen, ließ Finanzminister Hans Eichel seinen Zöllnern jetzt verbieten, bei Firmenüberprüfungen auch nur eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne anzunehmen. In der Vergangenheit von Korruption schwer gebeutelte Firmen wie die Deutsche Bahn engagieren Ombudsleute, bei denen Mitarbeiter und Geschäftspartner anonym melden können, was ihnen verdächtig vorkommt. Immer mehr Unternehmen schreiben Verhaltensregeln fest.

Sie tun es aus gutem Grund. Denn das Geben und Nehmen geschieht meist auf Kosten der anderen. Geschädigt werden die Aktionäre der Firma, für die man arbeitet. Oder die Handwerksbetriebe, die bei der fingierten Ausschreibung nicht zum Zuge kommen. Oder wir alle, die für Mauscheleien bei der Steuer oder im Gesundheitswesen aufkommen müssen.

Bei aller echten oder vorgetäuschten Erregung über die ertappten Sünder schwingt immer mit, dass nur bestehen kann, wer sich im globalisierten Raubtierkapitalismus den Sitten des Dschungels anpasst. Lange wurde das sozusagen amtlich gefördert. Bis vor einigen Jahren waren Schmiergelder, die im Ausland gezahlt wurden, ganz legal von der Steuer absetzbar. Deutsche Beamte duldeten selbst absurdeste Zahlungen. So etwa beim legendären Panzerdeal mit Saudi-Arabien, der nun im Prozess gegen Pfahls wieder eine wichtige Rolle spielt. Für die Lieferung von 36 Fuchs-Spürpanzern nach Saudi-Arabien im Jahr 1991 flossen 446,3 Millionen Mark - davon 217,3 Millionen als Schmiergeld, das die Steuerschuld ebenso minderte wie eine Spende an das Rote Kreuz.

Später wollte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf den am Geschäft beteiligten Thyssen-Managern doch noch wegen Steuerhinterziehung an den Kragen. Zeitweise ging es auch um den inzwischen entkräfteten Verdacht, die Thyssen-Leute hätten schwarze Kassen angelegt. Wie erst jetzt aus den Ermittlungsakten herauszulesen ist, ließen die Schweizer Behörden die Bitte der Düsseldorfer Kollegen um Amtshilfe mit einer spektakulären Begründung abblitzen: Die deutschen Finanzbehörden seien "bestens über den Grund der erwähnten Zahlungen und über deren ungewöhnliche Höhe informiert" gewesen. Das "schließt das Vorliegen von Arglist aus". Im Klartext: Wenn der Staat der Verlotterung der Sitten so skrupellos Vorschub leistet, darf er sich hinterher nicht beschweren. Vergangenen Monat wurde das Verfahren eingestellt.

Wie die Demoskopen herausgefunden haben, gilt der Wunsch, "mithalten zu können", als eines der Hauptmotive der Korruption. Dieser Wunsch ist nicht nur auf Hartz-IV-Empfänger beschränkt, sondern auch unter Einkommensmillionären verbreitet.

Jüngstes Beispiel ist - wenn die Vorwürfe stimmen - der zurückgetretene Infineon-Manager von Zitzewitz. Er soll 259000 Euro genommen haben. Viel Geld. Aber für einen wie ihn eigentlich zu wenig, um die Karriere aufs Spiel zu setzen. Oder doch nicht? Zitzewitz wollte, wie Insider berichten, seinem langjährigen Chef und Freund Ulrich Schumacher nacheifern. Mit ihm fuhr er Autorennen; ein Vergnügen, das leicht 50000 Euro am Rennwochenende verschlingt. "Anfällig sind diejenigen, die durch ihre Eitelkeit und Intelligenz zum Spieler werden", sagt Wirtschaftsprofessor Priddat. Und: "Wer Spieler ist, sieht nur die Gewinne."

Die Luxusprobleme des Infineon-Mannes unterscheiden sich von denen des Normaldeutschen vor allem durch die Summen, um die es geht. Das Gefühl, dass das Geld nicht reicht, kennen Millionen. Sie fragen sich: Wie kann ich meinen Lebensstandard verteidigen? Sinkende Einkommen bei steigenden Preisen - das wird als unfair empfunden. "Die biegen sich das zurecht", sagt der Kölner Arbeitspsychologe Peter Groß über das Heer der Trickser. Oft dächten die Täter, ihr wahrer Wert werde in ihrer Firma nicht erkannt. Da sei es legitim, anderswo Belohnungen abzugreifen. Gerade in Bedrängnis steigt der Bedarf an nützlichen Beziehungen. Das kann gefährlich werden.

Im Korruptionsindex

der Anti-Korruptionsliga Transparency International liegt Deutschland auf einem wenig schmeichelhaften 15. Platz, in der Nähe von Belgien und Barbados. Am besten schneiden die skandinavischen Länder ab, in denen auch keine besseren Menschen leben - aber die sich von Deutschland in einem wichtigen Punkt unterscheiden: Während hierzulande das Treiben in Staat und Wirtschaft oft undurchschaubar bleibt, sind dort fast alle Informationen jedermann zugänglich. Im Umgang mit Behörden hat statt des Amtsgeheimnisses das Recht des Bürgers auf Information Vorrang. In Finnland kann jeder Bürger sogar das versteuerte Einkommen seiner Landsleute erfahren. Das schafft auch Neid und Missgunst, vor allem aber Transparenz. Und die ist die schärfste Waffe gegen die Korruption. Noch schärfer als die Moral der Tugendwächter.

Bei den Indianern im Westen Kanadas führte das Geben und Nehmen in die Katastrophe. Als die Stämme durch das Vordringen der weißen Siedler unter Druck gerieten, mussten immer häufiger getötete Häuptlinge ersetzt werden. Die Rivalen um die Nachfolge versuchten, sich mit Geschenken an die Gäste ihrer Potlach-Feste zu übertreffen - bis sie ruiniert waren. Am Anfang hatte das Potlach eine soziale Funktion, am Ende zerstörte es das Leben der handelnden Personen. So ähnlich muss es auch bei VW gewesen sein. Und vielleicht bei Infineon.

Andreas Hoidn-Borchers, Joachim Reuter, Stefan Schmitz, Kerstin Schneider
Mitarbeiter: Catrin Boldebuck, Rudolf Lambrecht, Rolf-Herbert Peters

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