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Pendeln mit der Deutschen Bahn "Heute war mal wieder das Klo kaputt"


Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, kann so einiges erleben: kaputte Toiletten, Verspätungen, schlechten Kaffee - und bald mal wieder höhere Preise. Erfahrungsbericht einer Bahncard-100-Besitzerin.
Von Dorit Kowitz

Als neulich das Radio lief und ich nebenbei so was hörte wie "Bahn erhöht zum Winterfahrplan erneut die Preise", dachte ich: Diesmal trifft es mich auf keinen Fall, kann nicht sein, hamm'se gerade erst. Ist doch schon schweineteuer. War ja schon dreimal erhöht in drei Jahren.

Aber, na, klar: hamm'se aber doch. Meinen Preis erhöht. Und wie!

Meine Bahncard 100 wird teurer, das heißt: schon wieder viel, viel teurer. Die Kommentatoren in den guten Zeitungen sagen, dass wir Pendler den danieder liegenden Güterverkehr der Bahn sanieren sollen. Dass wir der Bahn aus der Krise helfen. Dass man sich an uns gesundstößt.

Bahncard 100: das waren mal 7600 Mark

Das glaube ich sofort. Ich will aber niemandem aus der Krise helfen. Ich kriege eine Krise, mit meiner Bank! Vor allem: Ich bekomme für meine Bahncard 100 ja nicht mehr. Es sei denn, man findet Erkältungen, Zeitverlust, Beengung, Verspätungen, Streiks, verschwundene S-Bahnen, Störungen im Betriebsablauf, nicht auffindbare Schaffner, Geschubse in kochend heißen Regionalzügen als Mehrwert. Ich tue das nicht.

Die Züge sind voller als vor drei Jahren, schlechter und langsamer; die Bahncard 100 haben mehr Bahnfahrer denn je. Überall zückt ein Fahrgast die "Schwarze Mamba" wie Harald Schmidt sie nannte. Statt die Treue zu goutieren, will die Bahn uns schröpfen. Sie kann das, weil wir ihr ausgeliefert sind, denn sie ist ein Monopolist.

Als ich meine erste 100er Card bestellte, Ende 2006, hat sie 3300 Euro gekostet, dann 3400, das nächste Mal 3500, vor zehn Monaten stieg der Preis auf 3650 Euro. Und jetzt, ab Dezember: Drei-tausend-acht-hundert Euro, 3800. Das waren mal rund 7600 Deutsche Mark. Das ist eine Preissteigerung von 15 Prozent. Weiß noch jemand bei der Bahn AG, wie viel Geld das ist, 3800 Euro? Das sind mehr als zwei Durchschnitts-Nettoeinkommen. Oder auch drei Schaffner-Netto-Gehälter. Ein Mensch muss bis zu drei Monate nur für die Bahn AG schuften, wenn er fern der Heimat arbeiten muss!

Zu heiß, zu kalt - und die Glastüren

Man bekommt dafür, zum Beispiel, den ICE von Leipzig nach Berlin und zurück. "Meine" Strecke. Die ICE-Züge von Leipzig sind nicht mehr gut in Schuss und nicht so schick, wie die von Frankfurt nach Köln oder die von Berlin nach Hamburg (falls die nicht gerade durch einen Ersatz-IC mit stinkenden Bremsen ersetzt werden).

Der Zug von Leipzig nach Berlin ist stets ramponiert und oft muffig. Es ist entweder zu heiß oder zu kalt, immer. Im Hochsommer friert man, trotz Strickjacke, die man auch bei 30 Grad Außentemperatur dringend mit sich schleppen sollte. Im Winter schwitzt man und kommt zerschlagen am Ziel an. Es riecht nach Rauch, weil manche auf dem Klo heimlich rauchen und die Lüftung das schön in den Waggons verteilt. Es gibt durch Bewegungsmelder gesteuerte Glastüren, die bei jedem Zeitungumblättern auf- und zugehen, so dass man vom dauernden Tscht-tscht eine Meise bekommt. Die Gänge sind enger als in den besseren ICE von Frankfurt. Es gibt praktisch kein Netz fürs Handy und noch schlechteres Netz fürs Surfen am Laptop.

Die Notversorgung im Bistro

Im aktuellen Sommerfahrplan hatte man, über Monate hinweg, für die Strecke Leipzig-Berlin großzügig eine Viertelstunde mehr eingeplant - um Verspätungen wegzumogeln, die man wegen der Bauarbeiten auf der Strecke Nürnberg-Leipzig befürchtete. Zu Recht, wie sich erwies. Der Trick war genial frech. Denn so fielen die Verspätungen aus der Bummel-Statistik.

Heute morgen war wieder mal das Klo kaputt, genau wie gestern abend, was man stets anhand eines grauen Papierhandtuches erkennt, das der Schaffner eingeklemmt und auf das er zuvor mit blauem Kuli "defekt" gekritzelt hat. Im Bistro ging auch irgendetwas nicht, darum bot die Bahn AG eine "Notversorgung" an, was nicht nur nach Nachkriegszeit klingt, sondern auch so ähnlich schmeckt. Der Kaffee kostet mittlerweile 2,70 Euro. Dafür schmeckt er nie. Fahrscheine im Zug kann man immer noch nicht mit EC-Karte kaufen, so viel nur für Leute, die fast nie Bahn fahren und dann glauben, sie könnten bezahlen wie überall. Nicht bei der Bahn, neihein! Außerdem kann man als Bahncard-100-Kunde keine Reservierungen am Kartenautomaten kaufen, weil sie das in der Programmierung nicht vorgesehen haben. Man müsste also eine halbe Stunde lang anstehen, was man nicht tut und sich stattdessen mit rüstigen Rentnern um die, eigentlich für uns Pendler gedachten, "BahnComfort"-Plätze kloppt.

Aussteigen? Mission impossible

Einer meiner Kollegen hatte kürzlich noch mehr Freude an der Bahn: Die Fahrt von Berlin nach Hamburg dauerte am Dienstag fünf Stunden. Statt 1 Stunde 40 Minuten. Denn sie führte über Hannover, Niemandsland und Steh-irgendwo-rum. Dass es so kommen würde, wusste die Bahn schon kurz nach dem Hauptbahnhof Berlin, verriet es aber den Kunden erst hinter Berlin-Spandau, auf dass ja keiner mehr fliehen konnte. Das war Nötigung mit angeschlossenem Speisewagen, der Kunde wurde zum Insassen ohne rechtmäßige Verurteilung. Im Dezember 2008 hatte ich mal etwas probiert. Ich wollte von der Bahn einen Rabatt auf meine neue Bahncard 100 (damals erhöht auf 3650 Euro). Denn mit der alten war ich furchtbar schlecht gefahren: Elende Streiks, die die Bahn aufgrund ihrer dümmlichen Verhandlungsführung extrem in die Länge gezogen hatte, sowie kaputte Achsen bescherten mir in sieben von zwölf Monaten, die meine Karte galt, nichts als Ärger, Zeitverlust und keinerlei Entgegenkommen seitens des Dienstleisters Bahn AG.

Einen Rabatt bekam ich natürlich nicht. Stattdessen 2000 "Bonuspunkte". Ich habe jetzt zum ersten Mal in das "Bonusprogramm" der Bahn geschaut. Dabei wurden mir drei Sachen klar. Erstens erklären sich die hohen Personalkosten, die die Bahn für die neuen Preiserhöhungen als Begründung angibt. Denn allein das Bonusprogramm zu erstellen, zu pflegen und all die schönen und sinnleeren Dinge und Gutscheine dort zu besorgen, muss ernorm aufwendig sein. Ich stelle mir zum Beispiel lebhaft vor, wie ein Bahn-Mitarbeiter juchzte, als er den "Holzkohlepicknickgrill" (2500 Bonuspunkte) gefunden hat oder den USB-Stick in Form eines - ICE!

Bonuspunkte und Tchibo-Produkte

Zweitens verstehe ich nun, dass die bei der Bahn wirklich arglistig sind. Ich habe 12.686 Punkte. Für 12.000 Punkte könnte ich mir einen tragbaren DVD-Player oder einen Ipod Nano 8 Gigabyte geben lassen. Der DVD-Player kostet im Internet 84,89 - der Ipod 146 Euro. Für gleichviel Punkte drehen die uns also Produkte an, von denen das eine im freien Handel doppelt so viel wert ist wie das andere.

Drittens scheint die Bahn AG also so etwas wie der Tchibo-Laden auf Rädern sein zu wollen. Das kann nicht gut gehen. Ich will von der Bahn keine Ipods und keine Gutscheine für Stromanbieter und keine Hotelnächte haben. Ich will mit der Bahn fahren und mir das vor allem leisten können. Das ist ihr Kerngeschäft und mein einziges Bedürfnis. Und wenn das Klo noch ginge, wäre es das natürlich auch ganz schön.


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