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Peter Löscher: Gestatten S', Mister Siemens

Seit einem Jahr gibt ein Österreicher beim deutschen Weltkonzern Siemens den Takt vor. Peter Löscher will aufräumen, umbauen, modernisieren. Er will den Skandal um Schmiergeld und Korruption endlich mit guten Nachrichten übertönen. Ein Porträt.

Von Ulrike Posche

Große Veränderungen kündigen sich leise an. Sie tauchen aus dem Nichts auf, und keiner weiß, wohin sie wollen. Revolutionen kann man einschätzen, die sind ungestüm. Evolutionen dagegen drängeln nicht. Sie schreiten seelenruhig voran, entfernen das Schwache, vermehren das Starke. Sie schieben hier ein paar Geröllmassen zur Seite, graben dort eine Furche. Und noch ehe man begriffen hat, dass sie da sind, zack, geht man aufrecht und befindet sich in einer neuen Welt. Natürlich haben die 430.000 Siemens-Angestellten das vor einem Jahr so noch nicht durchschaut.

An einem Sonntag im Mai des vergangenen Jahres schob sich erst einmal bloß der Österreicher Peter Löscher quasi aus dem Nichts zwischen die stolzen Herren des Aufsichtsrates. Er sah aus wie Earl Grey persönlich, und er sprach auch so. Doch wie er dabei vor dem himbeerfarbenen Palais am Wittelsbacherplatz in der Sonne stand und alle überragte, da war es beinahe so, als hätte sich der Großglockner zielstrebig und leise ins Kleinwalsertal geschoben. Schon damals hätte man ahnen können, wie sehr sich die Welt mit diesem neuen Siemens-Chef verändern würde.

In jenem Palais im Herzen Münchens hat der Weltkonzern Siemens seine Zentrale. Von dort verkauft er Kraftwerke, Windparks, Eisenbahnen, Kühlschränke, Magnetresonanztomografen und Glühbirnen rings um die Erde. Löscher, der bis dahin für den US-Pharmakonzern Merck gearbeitet hatte, sollte den bisherigen Vorstandschef Klaus Kleinfeld, damals 49, ablösen, der beliebt gewesen war und erfolgreich und ein Hausgewächs. Genau diese Biografie aber war Kleinfeld zum Verhängnis geworden. Seit einem Jahr nämlich beutelte eine Schmiergeldaffäre das 160 Jahre alte Unternehmen. Bayerische Staatsanwälte ermittelten gegen Vorstände, Manager und Mitarbeiter, die versucht hatten, mit Bestechungsgeldern und Beraterhonoraren noch erfolgreicher beim Verkaufen von Telefonanlagen, Kraftwerken und anderen Ausweisen deutscher Ingenieurskunst zu sein, für die Siemens zu Recht berühmt ist.

Er ist jetzt ein "Siemensianer"

Und dann saß den Siemens-Oberen seit Monaten auch noch die amerikanische Börsenaufsicht SEC im Nacken und drohte mit Milliarden-Strafen. In dieser Situation trauten die Aufsichtsräte Kleinfeld nicht mehr zu, die Geschicke des Unternehmens weiter zum Guten zu lenken. Heute weiß man, dass der vorauseilende Gehorsam unnötig gewesen war. Kleinfeld ist inzwischen zum Vorstandschef des amerikanischen Aluminiumkonzerns Alcoa berufen worden. Er galt dort offenbar als unbelastet. Es heißt: "Des einen Leid, des anderen Freud." Und nun kommt Peter Löscher ins Spiel. Der Heilsbringer.

Es heißt nämlich auch: "Wer nie bei Siemens-Schuckert war, bei AEG und Borsig, der kennt des Lebens Jammer nicht, der hat ihn erst noch vor sich." Peter Löscher, damals ebenfalls 49, hatte keine Scheu vor dem Jammer, der ihn in München erwarten würde. Freudig trat er ihm entgegen. Der hoch gewachsene Mann erklärte der Belegschaft gleich zu Beginn, es sei ihm "eine große Ehre, ein Siemensianer" zu werden. Besser kann man nicht einsteigen. Denn "Siemensianer" - das ist eine Art Ehrentitel, ein Geheimzeichen, wie Sekten oder Logen es ihren Anhängern einbrennen. "Siemensianer" sein, das heißt, zur Familie zu gehören. Löscher aber gehörte nie zur Familie.

Der Sohn eines Waldbauern und Sägewerkbesitzers aus Villach hatte sich früh entschieden, das beschauliche Kärnten beizeiten zu verlassen. Er ging aufs Gymnasium, er trug die dunklen Haare schulterlang, er war Spielführer des Kärntener Volleyballverbands. Er jobbte als staatlich geprüfter Skilehrer. Ja, man kann ihn sich prima vorstellen in jener Zeit, am Nassfeld oder am Mölltaler Gletscher. Er war sicher keiner von den Pistenhelden mit Hansi-Hinterseer-Charme und Einkehrschwung. Er wirkte stets etwas feiner, trug die Nase ein wenig weiter oben, so erinnern sich Weggefährten, "ohne arrogant zu sein". Löscher war - wollte man ihn mit den beliebten Skimarken von damals vergleichen - wohl eher Kneissl "White Star" als Völkl "Renntiger".

"Der zog durch, was er ankündigte"

Seine Mutter hätte es natürlich lieber gesehen, wenn der Bub daheim geblieben wäre wie die Töchter. Doch Löscher junior zieht es in die Welt. Er studiert auf Karriere. Wirtschaftswissenschaften erst in Wien, dann mit einem Stipendium an der Chinese University of Hongkong, später Harvard. Ein Job bei der Tiroler Klunkermanufaktur Swarovski bleibt sein einziges Engagement im Heimatland. Im Sommer jedoch, da kehrt er an die klaren Kärntner Seen zurück, an deren Ufern in jenen 70er Jahren der Tourismus in Palatschinken und Marillenknödeln schwelgt. Mittags isst man Rahmschnitzel im "Schlosshotel", abends ist Tanz in der "Traumvilla".

Irgendwann bringt ihn eine Freundin mit dem deutschen Personalberater Gerhard Kienbaum zusammen, der in Velden am Wörthersee ein Ferienhaus besitzt. Nach vier Stunden Gespräch hat der Harvard-Absolvent seinen ersten Vertrag. Er sitzt nun in Gummersbach, was nicht unbedingt die große, weite Welt ist, und beschäftigt sich mit den Rationalisierungsplänen jener Unternehmen, die Kienbaum berät. Es ist kein Job mit Glamour, sondern einer zum Lernen. "Der zog durch, was er ankündigte", erinnert sich Jochen Kienbaum, der Junior, "und war dabei völlig angstfrei und unaufgeregt." Löscher bleibt drei Jahre. Für einen, der Englisch spricht wie ein Muttersprachler, der Italienisch, Französisch und Spanisch kann, für so einen ist Gummersbach auf Dauer wirklich kein passender Ort.

Der Mann mit dem Überflieger-Gen

1988 wechselt der Jungmanager in die Konzernplanung des Pharma-Riesen Hoechst. Der stille Herr Löscher scheint ein Überflieger-Gen zu besitzen, denn die Chefs reichen ihn von nun an einfach nach oben durch. Er ist nicht frech und immer da. Er verdrängt die Alten nicht beim Aufräumen und hält nichts Besonderes auf seine Jugend. Kaum ein Jahr nach dem Antritt schicken die Hoechst-Leute ihn in die USA, dann nach Barcelona, wo er zum ersten Mal ein Tochterunternehmen allein führen soll. Ein solches wird der Job dann auch in anderer Hinsicht.

Der Manager trifft in Barcelona die Ärztin Marta Montal wieder, die er, wie es heißt, viele Jahre zuvor in London bei einem Sprachkurs kennengelernt hatte. Montal - das ist ein Name, der in Spanien etwas gilt. Sowohl Martas Vater Augustí Montal jr. wie auch ihr Großvater Augustí Montal sen. waren Präsidenten des Fußballclubs Barcelona. Heilige also. Ein "Barcelonista", ein Anhänger des Katalanen-Klubs zu sein, das ist ungefähr so, wie "Siemensianer" zu sein. Man bleibt es ein Leben lang.

Nichts forderte ihn groß heraus

Peter und Marta heiraten. Dann beginnen die Wanderjahre: von Barcelona nach Princeton, von dort zurück nach Frankfurt, dann 1995 nach Boston, wo die erste Tochter geboren wird, wieder nach Frankfurt, dann London. In Tokio lernt er nebenbei Japanisch so, dass er eine Rede frei halten kann, in London freundet er sich mit der Gründer-Familie des Glyndebourne- Opernfestivals an. Doch noch bevor das Opernjahr abgefreut ist, müssen die Löschers schon wieder in die USA. Inzwischen ist eine zweite Tochter geboren, und vor vier Jahren schließlich kommt das dritte Kind zur Welt, der Sohn zum Fußballspielen. "Meine Familie ist multikulturell", sagt der Vater, wo immer er auf sie angesprochen wird. Es ist der eine von zwei privaten Sätzen, die er öffentlich sagt. Der andere gilt Marta: "Sie ist eine tolle Frau", erklärt er. Und da kommt sogar ein leichter Peter-Alexander-Ton in seine Stimme.

Löscher hat sich auf "Life Science", auf die Gesundheitssparte, spezialisiert. Es hat sich so ergeben. Vor dem Job als "President Global Human Health" bei Merck ist er Chairman bei Aventis und ein "CEO" beim Siemens-Konkurrenten General Electric. Auf einem Foto, das ihn 2005 mit der Führungsriege zeigt, steht Löscher in hinterster Reihe. Bescheiden und doch so präsent wie der Erste Oberbereiter Seiner Majestät. Wahrscheinlich war das immer sein Erfolgsgeheimnis, diese adrette Mischung aus "Meine Wenigkeit" und strenger Hofreitschule. Das Ganze garniert mit den üblichen Managerfloskeln wie "Am Ende des Tages" oder "Wir müssen die Grenzen in unseren Köpfen überwinden". Schon wuppt die Sache, und die Zuhörer sind begeistert. "Ein brillanter Mann", heißt es, wenn er nach jeder Phrase die Augenbrauen bedeutungsvoll hochreißt.

Doch so sehr es auch wuppt, Löscher scheint sich im amerikanischen Osten zu langweilen. Nichts fordert ihn groß heraus. Was er macht, kennt er schon lange. Dann kommt der Ruf aus München. Siemens brennt. Löscher lässt alles stehen und liegen. Er kündigt, so die Legende, noch bevor er den neuen Vertrag - der ihm anfangs 4,4 Millionen im Jahr garantiert - unterschrieben hat. Er verspricht seiner Frau, dies sei definitiv der letzte Umzug, zieht fürs Erste zu seinem Freund Paul Achleitner, einem Allianz-Vorstand. Wenig später übersiedelt dann auch die Familie nach München. Da hat der Herr Papa in der Firma längst den Spitznamen "Autist" weg - und sehr dunkle Schatten um die Augen.

Anfangs hat er viel gestaunt

Er hatte gedacht, dass er den Konzern schneller umkrempeln könnte. Aber das hier war nicht Amerika. Allein die Tatsache, dass er seine Mails selbst am Laptop tippte, dass er zum "CEO-Prinzip" übergewechselt war und die Herren des Vorstands wie des Betriebsrats manchmal noch um neun Uhr abends spontan in sein Büro lud - die Eingefleischten fanden ihn und alles, was er tat, seltsam! Löscher war in einen deutschen Apparat geraten.

Über die Jahre hatte sich bei Siemens nämlich eine Lehmschicht festgesetzt, ein lähmendes Sediment aus Gremien, Sparten und Abteilungen. Wenn er anfangs eine Vorstandssitzung leitete, kam er sich vor wie Karajan. Ein riesiges Orchester saß da vor ihm und wartete auf den Einsatz. Sitzungen liefen ab wie in einem Bundeskabinett. Man legte ihm 140-seitige Vorlagen vor. Und wenn er wissen wollte, wer denn eigentlich der Entscheider sei, blickte er in die toten Augen von München.

Und jeden Freitag kamen sie ihm mit dem alles bestimmenden Thema Compliance. "Compliance" ist das schier unübersetzbare Wort, das die Bemühung beschreibt, im Unternehmen nach Recht und Gesetz zu handeln. Jeden Freitag kommt ihm sein "Chief Compliance Officer" mit Katastrophenmeldungen der amerikanischen Kanzlei Debevoise & Plimpton. Die sucht auf Geheiß des Aufsichtsrates in Schubladen und Festplatten an vielen internationalen Standorten des Unternehmens nach möglichen Korruptionsvergehen und harten Beweisen. 650 Millionen Euro hat die Durchleuchtung von bisher 470 Fällen den Konzern bis heute gekostet. 123 Mitarbeiter stellten sich in einem Amnestieprogramm, 130 wurden gefeuert.

Als eine Auszubildende auf der Aktionärsversammlung im Januar 2008 anregt, Löscher möge sich zur Abwechslung doch auch einmal mit den Azubis unterhalten, ist Löscher begeistert: "Ja, selbstverständlich! Kommen S' doch gleich am Montag alle in mein Büro", ruft er. Aber dann musste er zum "World Economic Forum" nach Davos, weil Siemens-Boss in gewisser Weise ja auch ein politischer Job ist, bei dem man Präsidenten streicheln und Staatsminister begöschen muss. Und so war die Auszubildende Jäger mit ihrem Anliegen schließlich nur beim Personalvorstand Siegfried Russwurm gelandet. Das Gespräch mit Löscher werde "zeitnah" folgen, erklärte ein Pressemann im April.

Diejenigen, die dem Neuen wohlgesinnt sind, erzählen nun Geschichten, die ihn menschlich machen sollen. Sir Peter habe nicht in die üblichen Villenviertel ziehen wollen, heißt es etwa. Deshalb sei er am Wochenende mit dem Rennrad durch München gegurkt, bis er eine Gründerzeitvilla im Süden der Stadt gefunden habe. Die Bodyguards seien ganz schön ins Schwitzen gekommen. "So ein Quatsch", sagt Löscher. Er will nicht menschlich gemacht werden. Der Mann hat nichts von dem, was seine Vorgänger hatten. Er ist weder der joviale Siemens-Papa wie Heinrich von Pierer noch der kumpelige Aufsteiger wie Klaus Kleinfeld. Löscher verhält sich zu seinen Vorgängern wie Klinsmann zu Beckenbauer und Völler. Er ist klar in der Ansage, unsentimental beim Ausführen. Und dann und wann tritt er vor Wut in die Tonne.

Er ist klar in der Ansage

Als er kurz nach dem Amtsantritt im Tross der Kanzlerin nach Indien reiste, erlebten Dax-Kollegen den soignierten Mister L. für einen kurzen Moment entfesselt. Sie hatten sich auf die schattigen Ehrenplätze unter dem Baldachin verteilt, um die militärische Begrüßungszeremonie vor dem Präsidentenpalast von Delhi zu beobachten. Nur für Löscher war kein Platz, und in die Sonne wollte er nicht. Trotzig zog er in die hinterste Reihe und schmollte stehend, bis erst Hartmut Mehdorn ihm seinen Platz anbot, dann BDI-Präsident Jürgen Thumann: "Herr Löscher, ich bitte Sie, setzen Sie sich auf meinen." Nein, igelte der Vorstandschef, "jetzt will ich nicht mehr." Natürlich hat die Kanzlerin ihn dann doch dem indischen Präsidenten vorgestellt, und man konnte dabei die drollige Verwirbelung an seinem Hinterkopf sehen. Die hatte Löscher anfangs oft, als sich noch keiner traute, ihn darauf hinzuweisen, wenn er nicht gekämmt war. Im Regierungsgefolge der Kanzlerin raunte man sich anschließend jedenfalls zu: tüchtiger Mann, aber dem fehlt wohl noch der Präsentiermuskel.

Er hat das Unternehmen entbeint

"Wir brauchen keine Revolution, sondern eine Evolution", sagt Löscher in den Reden, die er seit einem Jahr hält. Es ist ein sonderbarer Satz. Im Affenzahn bereist der Chef vom ersten Tage an seine Kolonien. "Ich stehe für absolute Kompromisslosigkeit", bekennt Löscher im Ton eines Landeshauptmanns vor Kunden, vor Führungskräften, vor den Belegschaften, "ich stehe fürs saubere Geschäft." So geht das seit Monaten. Nach einem Jahr hat er einen ziemlich genauen Überblick über sein Reich. 430.000 Mitarbeiter - das sind immerhin mehr als die Einwohner von Kiel und Mainz zusammengenommen oder fast so viele wie die Angestellten von Allianz und Daimler. Löscher kann inzwischen vom "Bestückungsgeschäft für Leiterplatten in der Elektronikindustrie" sprechen, als hätte er in seinem Leben nie über etwas anderes gesprochen. Über Hausgeräte kann der eher nüchterne Erzähler sogar ins Schwärmen geraten. Und einen Scheitel trägt er jetzt auch.

Im Frühjahr hat er einmal lakonisch klargestellt, dass es "in der Verwaltung zum Personalabbau" kommen müsse, da fürchteten Gewerkschafter gleich um 10.000 Stellen. Er hat das Unternehmen kühl entbeint. Statt auf zehn steht es nun auf drei Säulen: Industrie, Energie und Gesundheit. Jetzt muss er nur noch die Führungspyramide entsprechend nach unten verschlanken.

"Peter Löscher hat den Baum erst mal ordentlich geschüttelt und die ganz großen Vögel aufgescheucht", sagt Betriebsrat Ralf Heckmann. Er ist ein bisschen stolz auf sein schönes Sprachbild. Anfangs sah es bei Heckmann nicht so aus, als würde er je zu einem Löscher-Fan. Viel zu schneidig war der ihm erschienen. Deshalb haben er und seine Kollegen ihn bei den Vorstellungstreffen in London und München ziemlich ordentlich gezwiebelt. "Wenn Sie Kahlschlag planen, dann reißen wir Ihnen…", soll ein Gewerkschafter sogar gedroht haben. Fein war das nicht gerade. Dennoch sei Löscher beherzt aufgestanden, habe dem Arbeiterführer die Hand gereicht und feierlich gesagt: Ich verspreche Ihnen, dass das nicht passiert! Seither hält Heckmann Löscher für einen Gentleman.

Er kann sehr stur sein

Und Kahlschlag hat es bisher ja wirklich noch nicht gegeben. Der Ober-Siemensianer ist nur gerade dabei, sich von Geschäften zu verabschieden, in denen andere schneller und besser sind. Er schrumpft Vorstand und Verwaltung, minimiert die Zahl der Gesellschaften, er stößt Firmen ab. Und Mitarbeiter. Löscher sagt: "Wir haben ein Projekt versaut", wenn Siemens tatsächlich ein Projekt versaut hat. Im März spricht er sogar eine Gewinnwarnung aus. Löschers Drang, Transparenz zu erzeugen, ehrlich zu sein und offen, geht inzwischen so weit, dass manche seiner Kollegen bereits fürchten, das Unternehmen könne sich noch angreifbarer machen. Inzwischen trauen sie ihm sogar zu, dass er eines Tages auch noch das altmodische Heliotürkis des Siemens-Labels ändert.

In einer gerade abgelaufenen Woche hat die Mutter aller deutschen Unternehmen für 1,4 Milliarden Euro Züge an die Belgische Staatsbahn verkauft, Stadtbahnen an Salt Lake City und Zugtechnik an Edinburgh, Kraftwerksteile an Südkorea und einen Auftrag der US-Post über 160 Millionen ergattert. Musste man es da so deutlich sagen, dass die Aktie in Löschers erstem Jahr 31,48 Prozent eingebüßt hatte? Dass sie von 108 auf 74 Euro heruntergeschnurrt war? Ja, musste man, findet Löscher. Er kann sehr stur sein.

Seit der Mann mit dem Evolutionstick den alten Siemens-Baum seelenruhig ausholzt, seit er Geröll entfernt und Furchen zieht, seither hört man die guten Nachrichten kaum. Das aufgeregte Vogelgeflatter in der Luft ist einfach zu laut. Auch der leidige Korruptionsskandal mit Prophezeiungen und Prozessen übertönt jede Erfolgsmeldung.

Es ist derzeit noch sehr kalt am Großglockner. Erst vor Kurzem sind die ersten Murmeltiere aus dem Winterschlaf erwacht. Und der Gipfel hält sich in grauen Wolken.

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