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Porsche-Chef Wiedeking: Gestern ein König

Wendelin Wiedeking ist gescheitert: Die geplante Übernahme des Autokonzerns Volkswagen hätte sein Meisterstück werden sollen. Doch der Porsche-Chef hat die Politik unterschätzt. Jetzt bereitet sich der Topmanager auf ein Leben nach Porsche vor.

Von Kristina Spiller, Jens Brambusch und Heimo Fischer

Die schwarze Fliege sitzt stramm am Hals, der an diesem Abend dicker sein dürfte als üblich. Das weiße Hemd unter dem Smoking strahlt mit dem Kavalierstuch auf der Brust um die Wette. Nur dem festlich dekorierten Wendelin Wiedeking selbst fällt das Strahlen schwer bei dieser Feier zum 100. Geburtstag des Autobauers Audi am vergangenen Donnerstag - auch wenn er es versucht.

Hinter ihm liegen die schwersten Wochen seines Lebens. Aber er blickt nicht zurück. "Angst behindert das Denken", hat er mal gesagt. "Ich habe keine Angst. Nie!" Also auch nicht vor der Zukunft. Darauf angesprochen sagt der angezählte Porsche-Chef: "Ich bin doch Unternehmer." Der Kartoffelanbau? Wiedeking grinst. Nein, darauf will sich der Hobbybauer nicht beschränken, wenn er vom Thron des Sportwagenbauers gestoßen wird.

"Ich habe schon jetzt viele Beteiligungen. Da lässt sich was draus machen", legt er nach. Ein Anteil am Online-Kreuzfahrtvermittler E-Hoi, einer am Web-Reisebüro E-Kolumbus fallen Wiedeking gleich ein. Selbst in eine kleine Schuhmanufaktur hat der Manager vor Jahren schon investiert. Für die Zukunft hat der 56-Jährige gesorgt. Und doch wirkt der so erfolgsverwöhnte, stets auftrumpfende Manager an diesem Abend gedämpft. Immer wieder hält er inne, zieht an seiner Zigarre, als denke er in sich hinein. Auch wenn es noch nicht bestätigt ist, aber der Auftritt in Ingolstadt wird einer seiner letzten sein als Porsche-Chef.

Maximal ein Aufsichtsratposten

Wiedeking ist nicht mehr zu halten. Er bereite seinen Abgang vor, heißt es aus seinem Umfeld. Dort tobt ein Machtkampf um die Zukunft seines Unternehmens. Porsche soll unter das Dach des Autokonzerns Volkswagen gezogen werden. So will es Piëch, will es VW, darauf habe sich die Familie nun geeinigt, heißt es. Viele Fragen sind offen. Nur eine scheint beantwortet. Wie immer die Zukunft von Porsche und VW auch aussieht - Wiedeking wird sie nicht gestalten.

Maximal ein Aufsichtsratsposten könnte noch drin sein, mehr nicht. Selbst Wiedeking scheint das bewusst. Bei Audis Geburtstag verzettelt er sich: "Ich bin ein glücklicher Aufsichts-, äh, Vorstandschef", sagt er. Doch auch gegen solche Ambitionen werde bereits von mehreren Seiten geschossen, heißt es. "In einem integrierten Konzern sehe ich kaum noch Chancen für Wiedeking. Es wurde für eine gedeihliche zukünftige Kooperation deutlich zu viel Porzellan zerbrochen", sagt auch Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive in Bergisch Gladbach.

Die Isolation Wiedekings zeigt sich auch bei der Jubiläumsfeier von Audi, der Premiummarke des Autokonzerns Volkswagen. Um ihn herum feiern nur bestens gelaunte VW-ler. Doch er, der Volkswagen durch Porsche in einem Schwung übernehmen wollte, hält sich abseits, nimmt zur Premieren-Show der VW-Tochter einen Stuhl am Rand. Weit weg sitzt er da von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, den Managern des Wolfsburger Konzerns, sogar von Porsches Chefkontrolleur Wolfgang Porsche.

Macher und Malocher

Dabei wäre Porsche ohne Wiedeking nie zum erfolgreichsten Autobauer der Welt aufgestiegen. Als "Notlösung" wird der damals 40-Jährige verspottet, als er 1992 zum Vorstandssprecher des siechenden Konzerns berufen wird. Als Grünschnabel mit der Aura eines "Buchhalters einer Rollladenfirma". Porsche genießt zu der Zeit den Ruf als Zuhältermarke, als Aktiendesaster und als Pleitekandidat.

Damit räumt Wiedeking auf. Er, der Malocher. Der Macher. Er, den Bauernhände voll tiefer Kerben mehr faszinieren, "weil man ihnen die Arbeit ansieht", als Opernbesuche, Golfen und Austerndinner. In den fünf Jahren bevor Wendelin I. zum König von Zuffenhausen wird, hat sich die Produktion halbiert, das Management verkündet zuletzt einen Verlust von 240 Mio. DM. Wiedeking krempelt die Ärmel hoch und den Autobauer um. 3000 Mitarbeiter schickt er nach Hause, streicht zwei Hierarchieebenen, siebt 700 der 1000 Lieferanten aus. Sein Argument: "Es ist wie beim Arzt, der sagt: Tut mir leid, wenn ich dein Leben retten will, muss ich das Bein amputieren." Das kommt an. Selbst beim Betriebsrat.

Lebensmotto: "No risk, no fun"

Wiedekings Lebensmotto: "No risk, no fun". Es hat ihn zum erfolgreichen Manager gemacht - sogar zum bestbezahlten in Deutschland. 80 Mio. Euro hat er 2008 kassiert. Gern erzählt er, wie er zu einem Rennen nach Le Mans fliegt. Der Pilot weigert sich, wegen des dichten Nebels zu landen. Wiedeking drängt: "Wir gehen da runter." Zwei-, dreimal widerspricht der Pilot. Dann gibt er nach. "Es tauchte eine Stromleitung aus dem Nebel auf. Wir haben einen Schwupser drüber gemacht. Aber wir waren pünktlich da: No risk, no fun!"

Je größer das Risiko, umso größer der Spaß. Das wird dem Westfalen zum Verhängnis. Im Herbst 2005 beginnt er sein größtes Wagnis - andere nennen es Wahnwitz: Er steigt bei VW ein. David gegen Goliath - eine Rolle, in der er sich gefällt. Doch diesmal überschätzt er sich, sieht die Stromleitungen im Wolfsburger Nebel nicht, in denen er sich verfängt. Kein Schwupser kann ihn mehr retten. Diesmal nicht.

Machtkämpfe überall

Dabei sah alles so leicht aus: Mit Optionsgeschäften hatte er sich eine günstige Aufstockung der VW-Anteile gesichert. Es wurden mehr und mehr. Die Übernahme des Giganten schien greifbar nahe. Doch dann rüttelt die Absatzkrise an den beiden Konzernen, die Banken knausern mit Krediten, die Finanzierung des VW-Deals droht einzustürzen. 10 Mrd. Euro fehlen Porsche mittlerweile. Wiedeking braucht Bares - und zwar schnell.

Einzig das Emirat Katar könnte ihn noch retten. Mit dem Scheichtum will er die Schulden der Porsche Holding abschmelzen und doch noch als Sieger aus dem Ringen um VW hervortreten. Doch daraus wird nichts: Katars Interesse gilt VW. In einem gemeinsamen Konzern will das Emirat gern einen großen Anteil - doch nicht gegen den Willen irgendeines Familienmitglieds. Solange VW-Chefaufseher Piëch gegen die Übernahme des Autokonzerns durch Porsche kämpft, hält sich Katar raus.

Das Risiko, das Wiedeking unterschätzte, war nicht die Finanzkrise. Es waren auch nicht die Machtkämpfe zwischen Porsche, VW und innerhalb der Porsche-Piëch-Familie. Es war Berlin. Die Politik hat Wiedeking ausgebremst. Er habe klare Signale von der Bundesregierung gehabt, dass das selbst von der EU-Kommission scharf kritisierte VW-Gesetz aufgehoben werde, heißt es im Porsche-Umfeld. Es wäre Wiedekings Schlüssel zur Machtübernahme gewesen.

Wulff versus Wiedeking

Doch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat es geschafft, die Berliner umzustimmen - irgendwie. Das VW-Gesetz bleibt in einem wesentlichen Punkt unberührt: Die Sperrminorität wird nicht angetastet. Die besagt, wer 20 Prozent der Anteile an VW besitzt - wie das Land Niedersachsen -, hat ein Vetorecht. So hätte Wiedeking niemals einen Gewinnabführungsvertrag durchsetzen können. Doch genau solch einen Beherrschungsvertrag habe er einkalkuliert. Mit VWs Kasse sollten Porsches Schulden beglichen werden. "Da sollte VW selbst für die eigene Übernahme zahlen", echauffiert sich ein Manager aus Wolfsburg.

Eigentlich galt Wulff als jemand, der zwar die Arbeitnehmer schützte, aber Wiedekings Ideen für eine höhere Profitabilität im Konzern nicht blockierte. "Aber Porsche war von Beginn an nicht ehrlich", heißt es. "Die wahren Absichten haben sie lange verschleiert." Da habe Wiedeking zu Beginn in Gesprächen gesagt, Porsche solle nur neun Prozent an VW übernehmen. Später sei dann aber von 25 Prozent die Rede gewesen. "Da waren noch alle glücklich, weil VW so vor Hedge-Fonds gesichert gewesen wäre", heißt es in Niedersachsen. Plötzlich aber habe Porsche 40 Prozent Anteil vorgewiesen, dann sogar 51 Prozent. "Da kam auf einmal der Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag als Ziel auf. Sie haben nie mit offenem Visier gekämpft", lautet nun die scharfe Kritik von VWs Großaktionär.

100 Millionen Abfindung?

Auch bei VW verspielt es sich der Autozar mit seinem herrschaftlichen Gehabe sofort. Wird sein Lächeln am Neckar als das eines Siegers ausgelegt, kommt es an der Aller als Arroganz rüber. Als er den VW-Leuten erklärt, es gelte, "heilige Kühe" zu schlachten, hat er sich mit der Belegschaft endgültig überworfen. Der mächtige VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh wird zum ärgsten Feind. Hinter ihm stehen der VW-Vorstand und nicht zuletzt Chefaufseher Piëch. Zu viele offene Flanken, die Wiedeking nicht sichern kann. Zumal sich sein Mentor Wolfgang Porsche in den letzten Wochen stark zurückgezogen hat.

Somit ist Wiedekings Abgang nicht aufzuhalten. Doch auch ohne ihn wird keine Ruhe einkehren in den Zwist um die beiden Autobauer. Als Wolfgang Porsche sich beim Audi-Jubiläum zu später Stunde von Christian Wulff verabschieden will, zieht der ihn zu sich heran. Eine heftige Diskussion entfacht zwischen leer geräumten Tischen. Der Porsche-Aufsichtsratschef windet sich unter der Kritik des Niedersachsen. Immer wieder dreht er sich kurz von Wulff weg, als könne er nicht akzeptieren, was er da hört. Von "Herausdrängen" wettert Wulff.

Porsche kontert, das sei nicht er gewesen. Fast eine halbe Stunde fliegen die Fetzen. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen. Auch ohne Wiedeking wird das Gerangel um Macht und Einfluss noch lange andauern. Zu tief sitzen die gegenseitigen Verletzungen. Für Wiedeking kann sich bis dahin der Spaß am Risiko bereits wieder bezahlt gemacht haben: Von 100 Mio. Euro Abfindung ist die Rede. So viel hat noch kein deutscher Manager bisher kassiert.

FTD

Von:

Jens Brambusch und Heimo Fischer