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Regulierung von Hedgefonds: Schlacht um die Gesetzlosen

Schuld an der Finanzkrise sind aus Sicht der EU vor allem die Hedgefonds. Nun soll die ungeliebte Zunft reguliert werden. Die Branche, die bisher kaum Auflagen kannte, ist entsetzt - und wittert eine Verschwörung.

Von Titus Kroder und Elisabeth Atzler

Es war eine geschlossene Gesellschaft, die sich da in Londons edlem Mandarin Oriental Hotel versammelte. Unter den schweren Kristall-Lüstern kamen mehr als 100 Banker und Hedgefonds-Manager zusammen - um ihre Flucht zu planen. Geladen hatten an diesem kalten Märzabend Finanzberater aus der Schweiz. Sie priesen die niedrigen Steuern im Kanton Wallis, die sicheren Straßen an den Ufern des Genfer Sees, die Wochenenden in den nahen Skigebieten - und den Umstand, dass dort die neuen Regeln der EU nicht gelten würden. Kurz: Sie lockten mit allem, was die Hedgefonds-Manager in London beunruhigt. Es rumort nämlich in der City.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise stehen die Hedgefonds am Pranger. Sie gelten als die bösen Spekulanten, die mit ihren dubiosen Geschäften die globale Krise verursacht hätten, die reich werden wollten mit der Notlage ganzer Volkswirtschaften. Politiker machten sie dafür verantwortlich, durch Wetten auf den Zahlungsausfall Griechenlands das Land an den Rand des Ruins getrieben zu haben. Ja, es heißt sogar, die Manager führender Hedgefonds hätten im Februar bei einem Treffen in New York beschlossen, gemeinsam gegen den Euro zu spekulieren, sie hätten so die Krise der Euro-Zone mit ausgelöst. "Nun werden diejenigen bezahlen müssen, die nicht unschuldig sind an dem Schlamassel, in dem wir alle stecken", sagt der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker.

Totengräber aus dem "goldenen Dreieck"

Die Totengräber der Euro-Zone lauern im "goldenen Dreieck" zwischen Knightsbridge, Mayfair und St. James. So sieht man es zumindest in Brüssel, in Paris und in Berlin. Das luxuriöseste Londoner Innenstadtgebiet, wo die Büromieten europäische Spitzenwerte erreichen, ist das Zuhause der Hedgefonds. Gemeinsam mit den Großbanken in der City und Canary Wharf bilden sie das Rückgrat der britischen Finanzindustrie - und die Basis für den Wohlstand der Stadt. Die Regulierung der Hedgefonds, so heißt es in London, sei daher auch ein Angriff auf die Stadt.

Dieser Dienstag, der 18. Mai 2010 dürfte als schwarzer Tag in die Geschichte der Hedgefonds eingehen. Zuerst einigten sich die EU-Finanzminister darauf, die europäischen Hedgefonds künftig an die Kette zu legen und zentral zu kontrollieren. Und völlig überraschend sind seitdem in Deutschland auch noch ungedeckte Leerverkäufe verboten, wo doch gerade Leerverkäufe ein beliebtes Instrument der Hedgefonds sind. Für die Branche, die bisher kaum reguliert war, bedeuten diese Maßnahmen eine Zäsur. Vielleicht das Ende einer goldenen Zeit ohne Grenzen.

Diese Schritte würden die Branche "wirklich beunruhigen", sagt der Chef eines Übernahmespezialisten aus dem Londoner Stadtteil Mayfair - und kündigte Widerstand an. "Das ist eine große Schlacht, die wir schlagen müssen." "Viele Anforderungen der EU-Finanzminister sind unangemessen, wenn nicht sogar abstrafend", hieß es bei der Londoner Branchenvereinigung Alternative Investment Management Association (Aima). Die mächtige Lobbyorganisation, die 1100 Finanzfirmen vereint, hatte wochenlang gegen mehr Regulierung getrommelt. Noch vor wenigen Tagen hatte Aima-Chef Andrew Baker vor den Folgen der Regulierung gewarnt. Nun, so der Verband, seien die angepeilten Regeln für Hedgefonds sogar strenger als für andere Investoren. Ein inakzeptabler Zustand.

Der Vorstoß aus Brüssel, angeführt von der deutschen und französischen Regierung, sorgt für Wirbel, vor allem unter den 450 Londoner Hedgefonds, die etwa 80 Prozent der europäischen Branche ausmachen und von dort aus rund 250 Milliarden Pfund verwalten. Geht es nach den EU-Finanzministern, müssen sich die Manager von Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften künftig registrieren lassen und zur Einhaltung von Transparenzregeln verpflichten. Zudem müssen sie den Behörden ihre Risiken und ihre Anlagestrategien offenlegen und sich regelmäßigen Kontrollen unterwerfen. Erstmals sollen solche Regeln einheitlich in ganz Europa gelten. Wolfgang Schäuble sprach von einer "Regulierungslücke", die nun geschlossen werde. Bis Juli soll das Gesetz mit wahrscheinlich leichten Änderungen vom Europäischen Parlament verabschiedet werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: London fürchtet um seinen Reichtum, doch die Manager planen schon für die Zeit danach

Bisher sind alle Regulierungsbemühungen gescheitert

Es ist das erste Mal, dass die bislang so freien Hedgefonds ernsthaft mit gesetzlichen Auflagen rechnen müssen. Bisher sind alle Regulierungsbemühungen gescheitert, ob in Europa oder den USA. Zwar setzte die US-Börsenaufsicht SEC im Februar 2006 eine Registrierungspflicht für größere Hedgefonds durch - gegen den wütenden Protest der Investmentfirmen. Doch nur fünf Monate später mussten die Aufseher klein beigeben. Die Registrierung wurde gekippt.

Nationale Aufsichtsbehörden wie die britische FSA kontrollieren zwar die Fondsmanager, die von London aus operieren, doch die Fonds selbst und auch die Mittelbewegungen entziehen sich meist dem Blick der Behörden. Die Hedgefonds haben ihren Sitz oft in Steueroasen wie den Kaimaninseln. Und sie sammeln ihr Geld meist bei den Reichen der Reichsten und bei professionellen Anlegern wie Pensionsfonds oder Versicherern ein; auch dadurch entzogen sie sich bislang den Regeln, wie sie für Privatanlegerfonds schon lange gelten. Dieses Agieren im Dunkeln hat die Fonds für viele verdächtig gemacht.

"Die EU macht die Hedgefonds für alles verantwortlich, was in den letzten zwei Jahren schiefgelaufen ist", sagte der Chef eines größeren Londoner Fonds dem "Telegraph". "Ihnen missfällt die Dominanz der City. Es geht hier auch um Macht, nicht bloß um Regulierung." Ähnlich sieht es Barney Reynolds, Anwalt der Kanzlei Shearman & Sterling: "Es handelt sich nicht um eine Debatte über die beste Art und Weise der Regulierung. Es ist ein politisches Manöver."

"Angriff auf die City of London"

Für London und Großbritannien geht es um viel mehr. "Man könnte den EU-Vorstoß als einen Angriff von Berlin und Paris auf die Wettbewerbsfähigkeit der City of London sehen", donnerte Londons Bürgermeister Boris Johnson, der vergeblich versucht hatte, in Brüssel zu intervenieren. "Sie attackieren den Wohlstand Londons, und sie werden Jobs in der City vernichten."

Die Freiheit der Hedgefonds hatte die britische Regierung bislang mit allen Mitteln zu wahren versucht. Nun hat sie die heimische Branche, die dem hoch verschuldeten Staat nach eigenen Angaben jährlich 10 Milliarden Pfund an Steuern überweist, erstmals nicht gegen die Kontrollansinnen aus Paris und Berlin verteidigt. Der neue Finanzminister George Osborne hatte die EU-Pläne in Brüssel mehr oder weniger widerstandslos mitgetragen und - zur Überraschung der Londoner Hedgefonds-Industrie - nur ganz leise Einsprüche angemeldet. Er will sich, heißt es aus seinem Umfeld, eine Konfrontation mit den EU-Kollegen aufsparen für den Juni, wenn die EU ihre gesamte Finanzmarktregulierung aufstellen will. Dann steht für Großbritannien noch viel mehr auf dem Spiel. Derweil dienen die spekulativen Fonds wohl eher als Bauernopfer.

"Die Hedgefonds-Regelungen sind nur der Vorgeschmack auf das, was aus Brüssel noch über uns hereinbrechen wird", erklärte Anthony Browne, der als Direktor für den Bürgermeister von London dessen Wirtschaftspolitik mitorganisiert. Es werde noch weitere Regulierungen geben. "Die größte Bedrohung für Londons Finanzzentrum ist nicht die Krise selbst, es ist die Welle der Regulierung, die als Antwort darauf von allen Seiten auf uns zurollt."

Regulierungsfrage spaltet die Branche

Doch auch so schon sorgt der EU-Vorstoß für Unruhe. Dabei spaltet die Regulierungsfrage die Branche: Während es für kleine Hedgefonds schon kostspielig sein kann, ihr Risikomanagement aufzumotzen, können die Großen der Szene sich zurücklehnen. Die EU-Richtlinie würde kleine Firmen schwer treffen und Neugründungen erschweren, meinen die Lobbyisten von Aima. Viele der großen, mehrere Milliarden schweren Fonds dürfte es dagegen kaum kratzen, ihre Anlagestrategien offenzulegen. Sie leben auch mit mehr Regulierung gut. Wie die britische Man Group, die 39 Milliarden Dollar verwaltet: Man begrüße die Eckpunkte der Regulierung, hieß es jetzt. Man sei gut gerüstet für die neuen Regeln. Die Regulierung werde dazu beitragen, "die ganze Branche von ihrem Image einer völlig unterregulierten Anlageklasse zu befreien".

Es ist vor allem die Regulierung überhaupt, die die Fonds schmerzt. "Die britischen Fonds regen sich viel zu viel auf", gibt sogar ein Manager eines großen Hedgefonds zu. Die konkreten Regeln würden nur die Strategien weniger Fonds betreffen. "Mehr Kontrolle wird kommen - hier und auch in den USA", sagt er. "Die Branche muss das akzeptieren."

Inwieweit sie das tut, werden die nächsten Wochen zeigen. In Genf jedenfalls haben etliche der großen Londoner Hedgefonds bereits ganze Etagen gemietet. Brevan Howard, ein großer europäischer Hedgefonds, hat Büros für 50 Mitarbeiter eröffnet, um dem neuen Regime der EU zu entkommen. Sehr zur Freude der Schweizer, die von der Unruhe in der City profitieren wollen.

FTD