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Skurrile Börsenpannen Wenn Bugs und Wurstfinger Kursstürze auslösen


Das jüngste Kurschaos an der New Yorker Börse wurde durch eine Computerpanne verursacht. Die Tücken der Technik gepaart mit menschlichem Versagen haben oft fatale Folgen. Die skurrilsten Fälle.
Von Frank Bremser

 

Technische Probleme haben am Mittwoch zu heftigen Kursturbulenzen an der New Yorker Aktienbörse geführt. Ursache waren Fehler beim Finanzdienstleister Knight Capital. Damit stehen nun zum wiederholten Mal technische Probleme an den Börsen im Blickpunkt: Im Mai hatte es gravierende Pannen im Handelssystem der Nasdaq beim Börsengang von Facebook gegeben. Der Börsengang der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets Ende März endete mit einem kompletten Fiasko, als die Aktien auf dem Handelssystem der BATS binnen Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent rauschten. Ursache war eine neue Software. Die Tücken des sogenannten Hochfrequenz-Handels (HFT) gelten auch als Ursache des "Flash Crash" an der Wall Street, als sich im Mai 2010 durch einen blitzartigen Kurseinbruch aus heiterem Himmel binnen Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auflöste.

Und immer wieder gibt es auch kleinere Kurseinbrüche, die durch ein besonderes Phänomen hervorgerufen werden, den "Fat Finger". Dieser dicke Finger - auf Deutsch wohl am ehesten Wurstfinger - steht dabei für Tippfehler und Fehlorders von einzelnen Händlern, die dann fatale Folgen haben. Zeitweise hieß es, der sogenannte Flash-Crash im Mai 2010 sei durch einen solchen Tippfehler ausgelöst und anschließend durch elektronische Handelssysteme verstärkt worden.

Die "Financial Times Deutschland" hat ein paar der bekanntesten Tippfehler der vergangenen Jahre zusammengesucht.

Dreimal das Marktvolumen

Im September 1997 orderte ein Händler an der Londoner Börse innerhalb einer Stunde dreimal 989.529 Aktien des Unternehmens Zeneca. Das Ordervolumen hatte ein Wert von knapp 21 Mrd. Pfund, was dem Dreifachen des Börsenwerts des Pharmakonzerns entsprach. Als der Marktbetreiber London Stock Exchange (LSE) den Auftrag hinterfragte, zeigte sich, dass ein Händler zwei Orderfelder vertauscht hatte. Anstelle des Kaufvolumens hatte er die sechsstellige Börsen-Kennnummer (CUSIP) in das Feld eingegeben. Hätte die LSE die Order vollzogen, hätte der Deal das Handelsunternehmen 60 Mrd. Pfund gekostet.

Der dicke Ellenbogen

Manchmal muss man sich auch mal abstützen. Dummerweise erwischte ein Händler von Salomon Brothers im Oktober 1998 die "Instant-Sell"-Taste seines Keyboards. Infolgedessen wiederholte er 145-mal den Deal, den er gerade geschlossen hatte. Am Ende verkaufte er damit an der Derivatebörse Matif innerhalb von Sekunden mehr als 10.000 Futures auf französische Staatsanleihen. Dieses Geschäft entsprach gut zehn Prozent des gesamten täglichen Handelsvolumens der Matif und schickte die Kurse für französische Anleihen um 1,4 Prozent nach unten. Salomon Brothers machte zuerst das neu eingeführte Computersystem der Matif für den Fehler verantwortlich, eine Untersuchung zeigte aber schnell, dass ein Ellenbogen daran schuld war. Infolge des Missgeschicks stellte die Matif ihr System um, die "Sofort-Verkaufen"-Taste wurde abgeschaltet und ein so genannter Circuit Breaker eingebaut. Damit wird der Handel angehalten, wenn es zu besonders auffälligen Geschäften kommt. Ein ähnliches Missgeschick leistete sich gut ein Jahr später ein Händler an der Londoner Börse. Dieser startete dank seines Ellenbogens 600 mal einen Deal für 16.000 Premier-Oil-Aktien. Der Auftrag hatte ein Volumen von insgesamt 1,8 Mio. Pfund und entsprach dem Fünffachen des durchschnittlichen täglichen Handelsvolumens der Aktie. Ein Großteil der Geschäfte konnte rückgängig gemacht werden.

Der größte Deal der Welt

Ein Aktienhändler der UBS kaufte und verkaufte im Januar 1999 innerhalb von zwei Minuten Aktien der Pharmafirma Roche im Wert von 190 Mrd. Schweizer Franken. Die Marktkapitalisierung von Roche betrug zu diesem Zeitpunkt etwa 130 Mrd. Franken. Der Händler tippte eine Verkaufsorder über zehn Millionen Aktien ein - obwohl es nur sieben Millionen Roche-Aktien gab. Nach zwei Minuten merkte er seinen Fehler und gab selbst eine Kauforder über die Aktien auf. Vielleicht ärgert sich im Nachhinein, dass es nicht doch geklappt hat: Die Vermittlungsprovision hätte gut 160 Mio. Pfund betragen.

Die ersten berühmten Minuten von Autonomy

Der britische Softwareanbieter Autonomy wurde kürzlich der Öffentlichkeit bekannt, als Hewlett Packard seine Kaufabsichten kundtat. Die Aktie sprang daraufhin um mehr als 75 Prozent in die Höhe. Doch eine ähnlich heftige Kursreaktion hätte es schon einmal im Februar 2001 geben können - wenn die elektronischen Systeme der Londoner Börse den Deal nicht sofort verhindert hätten. Ein unbekannter Händler hatte eine Order über Autonomy-Aktien im Volumen von 8,1 Mrd. Pfund gegeben - das Vierfache des damaligen Autonomy-Börsenwerts. Es wäre der größte Deal in der Geschichte der LSE geworden.

Zwei Nullen zu viel

Lehman Brothers sorgte nicht nur erst durch seine Pleite im Jahr 2008 für heftige Kursreaktionen. Im Mai 2001 schaffte es ein Lehman-Händler, zeitweise 30 Mrd. Pfund an Marktkapitalisierung an der Londoner Börse zu vernichten, der FTSE 100 fiel um 120 Punkte. Der Trader verkaufte munter Blue-Chip-Aktien wie AstraZeneca und BP, aber immer hundertmal mehr als er eigentlich wollte. Abgesehen vom Spott der Börsenwelt bedeutete es aber für Lehman eine nur geringe Strafe von 20.000 Pfund wegen mangelnder Kontrolle.

Teurer Zahlendreher

Für UBS Warburg war es im Dezember 2001 ein ausnehmend teurer Zahlendreher. Die Bank begleitete die Aktienemission des japanischen Werbers Dentsu. Noch in der Graumarktphase vertippte sich ein UBS-Warburg-Händler. Statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen zu verkaufen, bot er 610.000 Aktien zu 6 Yen an. Die Order konnte zu Teilen rückgängig gemacht werden, dennoch verkaufte die UBS so 64.915 Aktien - gut die Hälfte des Emissionsvolumens - zu dem niedrigen Preis. Die UBS kostete der Vertipper 100 Mio. Dollar, weil sie die Aktien selbst zum Marktpreis kaufen musste, um ihren Geschäftsverpflichtungen nachzukommen.

Futures-Markt im freien Fall

Ein Händler an der Derivatebörse Eurex verwechselte im September 2002 die Eingabefelder. Statt einen Kontrakt zu verkaufen, wenn der DAX 5180 Punkt erreicht, verkaufte er 5180 Kontrakte sofort und ohne Limit. Fünf Stunden später, nachdem der Markt in den freien Fall übergegangen war, machte der Marktbetreiber eine Flut von Deals in diesem Zusammenhang rückgängig.

Millionen und Milliarden

Nicht nur Journalisten fällt es häufig schwer, Milliarden und Millionen auseinanderzuhalten. So ging es auch einem Händler von Bear Stearns im Oktober 2002. Anstatt Aktien für 4 Mio. Dollar zu verkaufen, wollte er sich versehentlich von Wertpapieren im Volumen von 4 Mrd. Dollar trennen. Bis der Fehler bemerkt wurde, hatten schon Aktien im Wert von 600 Mio. Dollar den Besitzer gewechselt. Erst danach wurde der Rest des Deals gestoppt. Dem Dow Jones brachte das Versehen am Ende ein Minus von 183 Punkten oder 2,3 Prozent ein.

Drei Stunden Pause

Weil ein Londoner Händler sich in einer Future-Transaktion beim Preis vertippte, brachen im Oktober 2002 die Kurse an der Eurex um 500 Punkte oder 16 Prozent ein. Die Börse stoppte den Handel für drei Stunden, bis man den Fehler gefunden hatte.

Euro oder Pfund?

Dass nicht nur Händler, sondern auch Market Maker, also Akteure, die für die Kursstellung verantwortlich sind, Fehler machen, mussten die Aktionäre von Ryanair erfahren. Der Market Maker verwechselte im Oktober 2002 Pfund und Euro und sorgte für einen Kurssprung von 61 Prozent bei der in London gehandelten Ryanair-Aktie.

Geringer Preisunterschied

Im April 2003 kaufte ein Händler versehentlich 500.000 GlaxoSmithKline-Aktien zu 13 Pfund. Der Kurs der Aktie lag aber bei 0,7 Pfund.

Die Gunst der Stunde

Ein Hedgefonds nutzte die Gunst der Stunde und kaufte acht Millionen EMI -Aktien zu je 280,25 Pence. Ein Händler einer Investmentbank hatte eigentlich nur 15.000 Aktien verkaufen wollen, gab aber den Auftrag für 15. Mio. Aktien. Als er es merkte, war es bereits zu spät. Die EMI-Aktie stieg an diesem Tag im Februar 2005 um 4,5 Prozent.

Kein Weihnachtsgeld

Ein Trainee des japanischen Traders Mizuho verdarb seinen Kollegen das Weihnachtsgeld. Denn das wurde gestrichen, als das Ausmaß seiner Fehleingabe an der Börse Tokio bekannt wurde und die Bank das Geld brauchte, um das ihr entstandene Minus von 224 Mio. Dollar auszugleichen. Ähnlich wie es seinem UBS-Warburg-Kollegen vier Jahre zuvor mit Dentsu-Aktien passiert war, erging es dem 24-Jährigen mit Papieren des Telekom-Konzerns J-Com. Er verkaufte 610.000 Aktien zu 1 Yen - wollte aber eigentlich nur eine Aktie zu 610.000 Yen verkaufen. Vier Versuche von Mizuho, den Deal rückgängig zu machen, scheiterten. Lange Zeit war unklar, welche Bank den teuren Fehler gemacht hatte, was dazu führte, dass Aktionäre quer durch die Bank die Titel von Brokerhäusern abverkauften. Der Nikkei fiel an diesem Tag um zwei Prozent. Einige der Banken, die die Aktien gekauft hatten, einigten sich mit Mizuho über eine Rückabwicklung, andere erfreuten sich an dem so gewonnenen Geld.

Ein Entschuldigungsbesuch in Japan

Im Januar 2006, nur zwei Monate nach dem Mizuho-Missgeschick, stand wieder die japanische Börse im Zentrum eines Fat-Finger-Geschäfts. Ein Nikko-Citigroup-Händler wollte zwei Nippon-Paper-Aktien für je 502.000 Yen kaufen. Stattdessen kauft er 2000. Die japanische Börsenaufsicht ermittelte, und der damalige Citigroup-Chef Charles Prince flog nach Japan, um sich für den Fehler zu entschuldigen. Für die Bank kam das Missgeschick zur Unzeit, kurz zuvor hatte die Börsenaufsicht Citigroup die Banklizenz in Japan entzogen, weil das Unternehmen Geldwäsche nicht verhindert hatte.

Fliegende Bälle

Ein auf den ersten Blick reichlich ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Mio. Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Diesen übernahm jedoch vor dem verabredeten Zeitpunkt ein Football, der von einem Trainee geworfen auf der Tastatur landete. Dem Vernehmen nach erhielt der Trainee einen strengen Verweis. Ein Händler soll infolge des Zwischenfalls gesagt haben: "Bälle sind eine reale Gefahr in jedem Handelssaal. Der Händler hätte sich gegen diese Möglichkeit absichern müssen."

300.000 Dollar Strafe

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für einen Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah dabei aber den in das System eingepflegten automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Mrd. Dollar statt der gewünschten 10,8 Mio. Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Mio. Dollar den Besitzer gewechselt hatten, bemerkte jemand bei Morgan Stanley den Fehler. Seitdem hat die Bank die Handelsvorschriften am Desk deutlich verschärft.

Immerhin Elektronik

Der Kauf der Motorola-Handy-Sparte durch Google Anfang August 2011 bescherte Foxconn, dem Lohnhersteller von Motorola, an der Börse Hongkong, ein Kursplus von 17 Prozent. Noch besser schnitten aber die Aktionäre von Evoc Intelligent Technology ab. Die Aktie des chinesischen Elektronikherstellers sprang von 0,7 Hongkong-Dollar auf 3,46 Dollar. Die Börse Hongkong kommentierte den Vorfall nicht im Detail, sagte aber der Deal wäre ein Fehler gewesen. Es gilt als sicher, dass ein Tippfehler den Kurssprung verursachte. Denn das Tickerkürzel für Foxconn ist 2038, das für Evoc 2308.

FTD

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