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USA und das Erdöl: Der schmierige Abschied vom Öl

Erdöl hat den USA den Aufstieg zur Supermacht ermöglicht. Doch jetzt versiegt der Rohstoff. Präsident Obama setzt deshalb auf alternative Energien. Doch der nötige Wandel braucht Zeit.

Von Claus Hecking und Helen Chang

Wenn die Touristen kommen, schmeißt der Wächter des Drake Well Museum die Pumpe von Bohrloch Nummer eins an. Dann quietschen Räder los, stampfen Kolben auf und ab, zischt die Dampfmaschine, die die ganze Konstruktion antreibt. Schon ein paar Schnauber später fließt grünlich-schwarzes Erdöl in das Whiskeyfass neben der Anlage - und durch einen Spalt im Fassboden wieder zurück ins Bohrloch.

Das ganze Gepumpe ist nur Show. Drakes Number One ist längst versiegt, wie so viele andere Ölquellen hier in Pennsylvania. Wie so viele andere in den USA. Im 19. Jahrhundert war der Bundesstaat im Nordosten weltgrößter Erdölproduzent. Aber das ist lang her. 9000 Barrel quetschen die Pumpen noch täglich aus Pennsylvanias Boden. Diese Menge (159 Liter) verbrennt die Nation in nicht einmal 40 Sekunden. Mehr als 20 Millionen Fass benötigt die größte Volkswirtschaft Tag für Tag. Und mit jedem Tag muss sie ein bisschen mehr von ihrem Lebenselixier importieren.

Süchtig nach dem schwarzen Gold

Ohne Erdöl wären die USA nicht das, was sie heute sind. Die scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit des Brennstoffs war die Basis für den Aufstieg vom Agrarstaat zur industriellen Supermacht, für den Sieg in zwei Weltkriegen, für den Mythos der grenzenlosen Mobilität für jedermann. Jahrzehntelang kontrollierten US-Konzerne wie Standard Oil, Exxon oder Chevron den globalen Ölmarkt.

Heute kontrolliert dieser Markt die USA: Mehr als 440 Milliarden Dollar blätterten die Vereinigten Staaten 2008 für Ölimporte hin. Das waren drei Fünftel ihres Leistungsbilanzdefizits. "Jedes Jahr werden wir abhängiger vom Öl, diesem Fossil aus dem 19. Jahrhundert", rief der wahlkämpfende Barack Obama im Juni 2008. Und gelobte, als Präsident die Sucht seines Landes nach dem "schmutzigen, dahinschwindenden und gefährlich teuren Erdöl" zu besiegen. Aber nun muss Obama erkennen: Es ist unmöglich, dieses Versprechen schnell einzulösen.

"Es ist eine komplizierte Sache"

Am deutlichsten offenbart sich das in seiner Haltung zu Kanadas Ölsänden, dem umstrittensten Energieprojekt des Kontinents. Rund um die Abbaustätten haben die Konzerne unberührte Nadelwälder in eine Mondlandschaft aus Schwefelbergen, gelb qualmenden Raffinerieschloten und giftigen Klärschlammseen verwandelt. Gewaltige Mengen Energie gehen drauf, um den teerähnlichen Stoff aus dem Boden zu extrahieren und zu synthetischem Rohöl zu destillieren. Im Wahlkampf verdammten Obamas Berater die Ölsände als "dreckiges Öl". Heute hört sich das ganz anders an. "Es ist eine komplizierte Sache", sagt Energieminister Steven Chu. "Das Öl aus Kanada hat eine Reihe von Vorteilen, allerdings gibt es auch Sorgen um die Umwelt." Eines Tages werde technischer Fortschritt das ökologische Problem lösen, hofft Chu. Der Durchbruch ist noch lange nicht in Sicht. Trotzdem genehmigte das Weiße Haus vergangene Woche eine neue Pipeline aus Alberta in den Mittleren Westen.

Das Öl geht aus

Chu hat keine Alternative zum schmutzigen Öl des Nordens. Die Produktion des einstigen Hauptlieferanten Mexiko bricht ein. Und die eigene Förderung schwindet schon seit Anfang der 70er-Jahre dahin: von fast zehn Millionen Barrel am Anfang auf unter fünf Millionen heute. "Wir haben uns jahrzehntelang etwas vorgemacht", sagt Matthew Simmons, langjähriger Energieberater der Bush-Regierung. "Alle sind davon ausgegangen, dass wir neue Superfelder finden. Aber die gibt es nicht."

Auch die Ölkonzerne attackiert Obama nicht mehr so offen wie früher. Wollte er die dreistelligen Milliardengewinne der Branche vor Amtsantritt noch mit einer Sondersteuer abschöpfen, ist dieses Vorhaben vorerst auf Eis gelegt. Neuerdings machen sich einzelne Parteimitglieder sogar dafür stark, wieder Ölbohrungen vor der US-Küste zu erlauben. Im kalifornischen Senat stimmten mehrere Demokraten für ein Offshore-Projekt im Kanal von Santa Barbara - ausgerechnet dort, wo sich 1969 eine der schwersten Ölkatastrophen der US-Geschichte ereignete. Erst in letzter Minute kippte das Abgeordnetenhaus das Vorhaben. "Offenbar haben einige Politiker jetzt begriffen, wie tiefgehend unser Energieproblem ist", mutmaßt Simmons. "Wir werden unser Leben ändern müssen, wenn ein Fass Öl 300 oder 400 Dollar kostet." Schließlich sei das gesamte Transportwesen auf Autos, Trucks und Flugzeuge ausgerichtet.

Obama will Öl-Verbrauch senken

Obama weiß um diese Schwäche - und investiert in neue Infrastruktur. 13 Milliarden Dollar hat der Präsident für ein Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz bereitgestellt, das in den kommenden fünf Jahren aufgebaut werden soll. Weitere 2,4 Milliarden Dollar sollen in die Entwicklung neuer Batterien für Elektroautos fließen. So wichtig es für Obama geworden ist, den kurzfristigen Ölfluss sicherzustellen, sein altes Ziel hat er dabei noch nicht aus den Augen verloren: den Verbrauch deutlich zu kappen.

Ob und wie schnell dies gelingt, entscheidet sich im Herbst. Dann berät der Senat über den American Clean Energy and Security Act: Obamas großes Energiepaket. 30 Milliarden Dollar Staatsgeld hat der Präsident bis 2025 für die Entwicklung sauberer Verkehrstechnologie vorgesehen. Herkömmliche Autos sollen von 2016 an im Schnitt nur noch 6,5 Liter schlucken dürfen. Wenn das Gesetz durchkommt, "wird unser Ölbedarf dramatisch sinken, auf zehn Millionen Barrel pro Tag bis 2030", hofft Luke Tonachel, Verkehrsexperte der Umweltorganisation Natural Resource Defence Council. Zugleich würde ein landesweiter Emissionshandel eingeführt, der die US-Industrie zwänge, ihren Treibhausgasausstoß bis 2050 um 80 Prozent zu senken. Und schon bis 2020 sollen 15 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen kommen.

Druck von der Öl-Industrie

Doch noch ist es nicht so weit: Obamas Demokraten haben zwar eine 60-zu-40-Mehrheit im Senat. Doch niemand erwartet, dass sie dem Präsidenten bedingungslos folgen und das Paket einfach durchwinken. Bereits beim Weg durch die erste Parlamentskammer, das Abgeordnetenhaus, wurden Teile der Initiative gekippt. Und die Energiewirtschaft macht schon jetzt kräftig Stimmung gegen den ambitionierten Plan, allen voran Branchenprimus Exxon Mobil. "Ich habe nichts gegen große Ziele", sagt Konzernchef Rex Tillerson. "Aber wir sollten den Zeitrahmen realistisch halten und uns nicht selbst zum Narren machen." Gerade erschließt die Exxon-Tochter Imperial Oil eine neue Ölsandmine in Kanada.

Obama wird um weitere Zugeständnisse kaum herumkommen. Zu mächtig sind seine Widersacher, zu alternativlos seine Wähler, wenn sie von A nach B reisen müssen. Und mit jeder heimischen Ölquelle, die versiegt, mit jedem Dollar, den der Barrelpreis steigt, wird der öffentliche Druck auf den Präsidenten wachsen, die Bohrungen in den Küstengewässern doch wieder zu erlauben.

Viele Bürger fasziniert das schwarze Gold noch immer. Das merken auch die Betreiber des Drake Well Museum: Verkaufsschlager im Souvenirshop sind kleine Schnapsfläschchen mit Öl. Das stammt zwar nicht aus Number One. Aber wer den Stoff produziert, ist den meisten Amerikanern auch heute noch herzlich egal. Hauptsache, er ist da.

Die Zeitenwende beginnt mit einem Hauch von Schwefel. Ein stechender Geruch hängt am Morgen des 28. August 1859 über der Farm bei Titusville. Der Vorarbeiter von Edwin Drake wittert sofort den Durchbruch. Aufgeregt stürzt er zu dem Loch, das sein Chef seit Wochen in den Boden von Pennsylvania bohren lässt. Der Arbeiter entdeckt, dass sich 20 Meter tiefer über Nacht eine braune, zähe Flüssigkeit angesammelt hat: pures Erdöl.

Als Edwin Drake eintrifft, strahlt er. Endlich hat der Pionier den Beweis, dass sie ihn zu Unrecht verspottet haben, dass sich Erdöl doch aus dem Boden bohren lässt. Es ist ein persönlicher Triumph für ihn, den ewigen Versager. Die tatsächliche Tragweite seiner Entdeckung ahnt der 40-Jährige nicht. Soeben hat Drake eine neue Ära eingeläutet: das Erdölzeitalter.

Dass dieser schmierige, stinkende Stoff die zweite industrielle Revolution befeuern, anderthalb Jahrhunderte lang die Weltwirtschaft antreiben, Weltkrisen auslösen und Weltkriege entscheiden wird, all das kann sich Drake nicht vorstellen. Wie auch?

Drakes Irrsinn

Die Nachfrage nach dem sogenannten "Rock Oil" ist 1859 in den USA überschaubar. Es gibt keinen Verbrennungsmotor, kein Automobil. Quacksalber füllen das Zeug in winzige Fläschchen ab. Sie schwatzen es gutgläubigen Bürgern als Allheilmedizin auf: gegen Durchfall, Cholera, Rheuma, Asthma, Gicht, Bronchitis, Taubheit und Seelenschmerz. Doch an der Ostküste werden Ölprodukte wie Kerosin als Lampenbrennstoff neuerdings immer beliebter. Und der Preis zieht kräftig an.

Drakes Suche nach Öl ist reiner Zufall. Wäre er nicht Aushilfsportier eines Hotels in New Haven gewesen, hätte er dort nicht den ölbegeisterten Investor James Townsend getroffen, der einen Handlanger fürs schmutzige Fördergeschäft suchte - es hätte ihn nie nach Titusville verschlagen. Townsend hatte sich die Bohrrechte in Titusville gesichert.

Als Drake Ende 1857 in dem 125-Seelen-Nest eintrifft, empfangen ihn die Einwohner mit höchstem Respekt: Seine Auftraggeber haben ihn als Oberst angekündigt, obwohl der frühere Tellerwäscher und Wanderarbeiter nie gedient hat. Doch bald schlägt die Ehrfurcht in Hohn um.

Zu absurd scheint die Idee dieses Yankees, das Öl nicht einfach vom Boden abzuschöpfen, sondern es aus der Erde zu holen. Zu komisch sieht "Drakes Irrsinn" aus, wie Holzfäller die klobige Konstruktion nennen: der selbst gezimmerte Bohrturm, das Stahlrohr, das eine Dampfmaschine immer tiefer ins Erdreich rammt.

Das Barrel wird geboren

Anderthalb Jahre lang findet Drake keinen einzigen Tropfen. Auch seine Investoren verlieren den Glauben. Immer spärlicher werden seine Zuwendungen, dann weist Townsend Drake an aufzuhören. Am 22. August 1859 gibt Drake seinen letzten Dollar aus. Aber er bohrt weiter.

Sechs Tage später wird er fündig. Es ist ein "lucky strike", ein Glückstreffer: Hätte er ein paar Meter entfernt gebohrt, hätte er die Ölblase verfehlt. Jetzt aber weiß er nicht, wohin mit dem Schatz. Alle Eimer, Waschschüsseln, Badewannen sind randvoll, und noch immer ist das Bohrloch schwarz.

Drake kommt eine Idee: Er kauft in den Saloons des Orts leere Whiskeyfässer. 25 dieser 159-Liter-Barrels füllt Drake am ersten Tag ab. Es ist die Geburtsstunde dieser Maßeinheit, in der Erdöl bis heute gehandelt wird. Und die Geburtsstunde der Massenproduktion.

Glücksritter fangen noch am selben Tag in ganz Pennsylvania an, nach Drakes Methoden Öl zu suchen. Fündig werden viele, reich nur wenige; immer wieder kommt es zur wilden Überproduktion und zum Preiscrash.

Auch Drake hat keine Fortune mehr: Er versäumt, seine Technik patentieren zu lassen, verspekuliert sein Geld an den Ölmärkten und stirbt 1880, verarmt und verbittert. Das Ölgeschäft rund um Titusville wird da längst von einem Geschäftsmann aus Ohio kontrolliert. Sein Name: John D. Rockefeller.

  • Claus Hecking