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"Wirtschaften 2040" Wie gut geht es uns in 20 Jahren? Sechs Szenarien für Deutschland

Berlin
Die Zukunftsszenarien für Deutschland gehen weit auseinander
© Nikada / Getty Images
Wie wird es im Jahr 2040 um den Wirtschaftsstandort Deutschland bestellt sein? Eine Gruppe junger Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Forschung hat positive und negative Szenarien entwickelt – und gibt konkrete Handlungsempfehlungen.

Wie geht es weiter, wenn nicht mehr die Corona-Pandemie unser tägliches Denken bestimmt? Wenn der Blick wieder weiter reicht, als bis zu den Neuinfektionszahlen, der akuten Krisenbewältigung, der nächsten Welle. Wenn wir als Gesellschaft entscheiden müssen, wie wir mit strukturellen Veränderungen umgehen, die sich durch die Pandemie noch beschleunigt haben. Wie begegnen wir zentralen Herausforderungen der Digitalisierung, Globalisierung, des demographischen Wandels und der Klimaproblematik?

Auf diese Fragen hat das Projekt "Wirtschaften 2040" nach Antworten gesucht. Die Bertelsmann-Stiftung hat dafür 28 junge Köpfe zusammengebracht, darunter Wirtschaftsforscher, Nachwuchspolitiker, Referenten aus Ministerien und Experten aus Unternehmen. Auf Grundlage von 16 Faktoren wie Demografie, Klimawandel oder Technologie und deren möglicher Entwicklungspfade formulierte das Team sechs Szenarien, wie es im Jahr 2040 um den Wirtschaftsstandort Deutschland - um Wachstum, Wohlstand und Teilhabe - bestellt sein könnte. Und die Gruppe gibt konkrete Handlungsempfehlungen, damit die optimistischeren Varianten Wirklichkeit werden. 

Methodisch und inhaltlich unterstützten das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung sowie zwei Wirtschaftsforschungsinstitute mit entgegengesetzten Ausrichtungen, das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln sowie das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Szenario 1: Technologie als Lösung

Das Szenario für alle Fortschrittsoptimisten: Infolge der Corona-Pandemie kommt es zu einer sprunghaften Modernisierung im Bildungssektor, in der Pflege und im Gesundheitssystem. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie sorgt für bahnbrechende Erkenntnisse in der Medizin. Der Mangel an Pflegekräften wird durch den Einsatz von Maschinen aufgefangen, die Routinearbeiten erledigen können. Auch eine weitere verheerende Pandemie kann dank neuer Frühwarnsysteme verhindert werden.

Zum Schlüsselfaktor für diesen Fortschritt werden neue Wege der Energiegewinnung und bahnbrechende Effizienzsteigerungen. Gemeinschaftliche Mobilitätskonzepte wie Car-Sharing und ein ausgebauter ÖPNV lösen den Individualverkehr ab, wobei ohnehin mehr Menschen im Homeoffice arbeiten. Die Klima-Ziele von Paris werden übererfüllt. Da Deutschland an den entscheidenden technologischen Entwicklungen beteiligt ist, trägt die daraus entstehende Wertschöpfung zur Sicherung des Wohlstands bei. 

Szenario 2: Ökologisch-sozialer Umbau

Auch in diesem Szenario wird die Energiewende im Post-Corona-Zeitalter durch Durchbrüche bei Schlüsseltechnologien wie der Energiespeicherung geschafft. Dagegen bleibt der große Siegeszug von Künstlicher Intelligenz aus, weil sie in vielen Bereichen nicht wettbewerbsfähig realisiert werden kann. Der Faktor Mensch gewinnt dadurch an Bedeutung. Dieser "KI-Winter" schwächt vor allem die USA und China, während Anbieter von schwachen aber robusten KI-Lösungen aus Deutschland gefragter sind denn je. Grüne Technologien "made in Germany" sorgen für eine Umgestaltung der Verkehrs- und Wirtschaftsstruktur. In einigen Bereichen wie der Agrarwirtschaft ist es zu einer De-Globalisierung der Wertschöpfungsketten gekommen.

Szenario 3: Träges Deutschland, träge Welt

In diesem düsteren Szenario erholt sich Deutschland von der Corona-Krise nicht. Die milliardenschweren Hilfen, die in Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitssystem geflossen sind, wirken nicht nachhaltig. Das Geld und der Wille für Innovationen fehlt. Das Land ist von einer rückwärtsgewandten Stimmung und trägen Prozessen geprägt, so werden etwa für die Energiewende notwendige Infrastruktur- und Baumaßnahmen ausgebremst. Innovative Ideen kommen zunehmend aus aufstrebenden Schwellenländern und nicht mehr aus Europa. Die Ablehnung von Zuwanderung verschärft den Fachkräftemangel. Der ganze Kontinent altert, populistische Parteien gewinnen an Zuspruch, die Nationalstaaten schotten sich ab und die EU löst sich auf.

Szenario 4: Digitale Konzerne dominieren

Das Zeitalter der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz hat endgültig begonnen. Aber Deutschland steht nur am Rand des Spielfelds, denn einige wenige Konzerne aus den USA und China beherrschen den Weltmarkt. Deutsche Unternehmen büßen an Wettberbsfähigkeit ein, durch die technologischen Umwälzungen fallen Arbeitsplätze weg, es werden aber kaum neue geschaffen. Auch die Steuereinnahmen brechen aufgrund der Dominanz der von außen betriebenen digitalen Geschäftsmodelle ein. Der durch die in der Coronakrise nötigen Ausgaben ohnehin geschwächte Staat ist gezwungen, Infrastruktur in den Bereichen Bildung, Energieversorgung und Verkehr zu privatisieren, sowie das Sozialsystem zurückzubauen. Strukturschwache Regionen werden zunehmend abgehängt, der Unmut in der Bevölkerung wächst, das Vertrauen in den Staat und gesellschaftliche Toleranz gehen zurück.

Szenario 5: Vereinigte Staaten von Europa

Nach Brexit und Coronakrise gelingt es Europa, stärker zusammenzuwachsen. Dafür sorgt auch eine moderne Verkehrsinfrastruktur, die Strecke Berlin-Mailand lässt sich mit einem Hochgeschwindigkeitszug in vier Stunden bewältigen. Der europäische Binnenmarkt wird vollendet und eine gemeinsame Industrie-, Wirtschafts- und Fiskalpolitik etabliert. Dank Bildungsreformen kann sich Europa als Innovationsstandort behaupten und ein Gegengewicht zu China und den USA bilden. Die "Hidden Champions" der deutschen Wirtschaft vertreiben ihre innovativen Produkte erfolgreich auf dem Weltmarkt, da Europa die Standards für Normen und Regulierung maßgeblich mitbestimmt. USA und China sind zwar bei der KI führend, aber Europa hat seine technologische Souveränität bewahrt und ausgewählte Wertschöpfungsketten erfolgreich de-globalisiert. Das zahlt sich vor allem bei "KI – made in EU" sowie Technologien in der Energie-, Pharma- und Biotechnologie sowie der Mikroelektronik aus. Den Kampf gegen den Klimawandel kann Europa allerdings nicht alleine erfolgreich gestalten.

Szenario 6: Klimakrise

Der technologische Fortschritt sorgt in diesem apokalyptischen Szenario nicht für eine Bewältigung des Klimawandels, sondern bewirkt das Gegenteil. Die Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen, politische Uneinigkeit und gesellschaftlicher Widerstand gegen unbequeme Klimaschutzmaßnahmen sorgen für ein technologisches Wettrüsten auf Kosten der Umwelt. Essentielle "Kipppunkte" sind 2040 bereits überschritten und der Klimawandel unumkehrbar. Deutschland und Europa haben es nicht geschafft, dies zu verhindern und sind im Technologie- und Handelskrieg zwischen USA und China aufgerieben worden. In vielen armen Regionen kommt es zunehmend zu Naturkatastrophen und Ernteausfällen. Verelendung und globale Migrationsströme sind die Folge. Die EU zerfällt, jeder ist sich selbst der nächste. Es herrscht Endzeitstimmung.

Zehn Handlungsempfehlungen

Einige dieser Szenarien sind zweifellos erstrebenswerter als andere. Um diese zu erreichen, haben die Autoren zehn konkrete Handlungsempfehlungen zusammengetragen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland nach vorne bringen sollen. Diese lauten:

  1. Deutschland sollte im internationalen Wettbewerb um den technologischen Fortschritt eine führende Rolle einnehmen, insbesondere auf den Feldern Digitalisierung und künstliche Intelligenz.
  2. Physische, digitale und soziale Infrastrukturen sollten für alle gleichermaßen bereitgestellt werden. Entsprechende Investitionen sollten verhindern, dass Regionen abgehängt werden.
  3. Kommunen als direkter Berührungspunkt der Bürger mit ihrer Demokratie sollten finanziell und politisch handlungsfähig sein.
  4. Ein europäischer Rahmen für vielfältige Investitionen sollte geschaffen werden. Dafür ist eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts, eine gerechte Lastenverteilung sowie weitergehende Integration nötig.
  5. Der Generationenvertrag sollte fortgeschrieben werden, die Lasten- und Ressourcenverteilung zwischen den Generationen aber fair ausbalanciert werden.
  6. Technische Lösungen sollten zur Verbesserung der Chancengleichheit eingesetzt werden.
  7. Für eine "grüne" Transformation müssen externe Effekte in den Wertschöpfungsketten berücksichtigt werden. Umweltfaktoren müssen bei der Preisbildung eine Rolle spielen, dabei soziale Ungleichheiten im Blick behalten werden.
  8. Der Staat sollte die langfristigen Konsequenzen globaler Ungleichheit berücksichtigen, weil sie letztlich mit einem extremen Migrationsdruck einhergehen.
  9. Der Staat sollte in die Entwicklung und Finanzierung von kritischen Infrastrukturen eingebunden sein und diese nicht privaten Akteuren überlassen.
  10. Vertrauen in den Staat und in die Gesellschaft ist essentiell, um auch in Krisenzeiten politisch handlungsfähig zu bleiben. Daher sollten politische Entscheidungen faktenbasiert, transparent und im Dialog mit den Bürgern getroffen werden.

Mehr zum Projekt Wirtschaften 2040 können Sie hier nachlesen


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