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Reportage: Wir leben auf eure Kosten

Bald drei Millionen Menschen beziehen immer Stütze. Viele, glaubt das Volk, lassen sich bloß Sonne in Florida und Viagra finanzieren. Viele, glaubt die Regierung, könnten arbeiten. Wie es wirklich aussieht? Sozialhilfeempfänger in Neubrandenburg erzählen.

Sie mit dem Lütten im Einkaufscenter. Auf einmal zwei Skins. Hetzen den Hund auf sie. Da ist sie los, denen entgegen. "Kommt doch", hat sie gebrüllt und kurz klatsch, klatsch gemacht und die kaputten Skins dem Sicherheitsdienst vor die Füße geworfen. Dann ist sie mit dem Lütten nach Hause. Zu den anderen sechs Kindern. Manche Sachen mag Manuela Schirwing richtig gerne: Kinderkriegen zum Beispiel. Und Judo. Die Schirwings wohnen auf dem Datzeberg. Das klingt nach netter Hexerei, sieht aber aus wie böser Zauber. Graubraune Platte in Neubrandenburg auf einem Berg im Ring gebaut und so verfault, als wäre sie Erichs Rache. Neubrandenburg liegt am Tollensesee, mitten im schönen Nichts von Mecklenburg-Vorpommern, einem der hoffnungslosesten aller hoffnungslosen Länder im maroden Osten. 69.021 Einwohner, 22,1 Prozent ohne Arbeit, 4.783 mit Sozialhilfe.

Die Wohnung von Familie Schirwing sieht aus wie oft und frisch gepfändet. Einige Schrankwände, alles sehr braun, und Sperrgitter in den Türrahmen, damit die Kinder in den Zimmern bleiben. Sie sitzt am Küchentisch und raucht. Melkerin hat sie mal gelernt und abgebrochen und verkaufen gelernt, dann kam das erste Kind von René. Den hat sie auf dem Rummel getroffen. Vor 13 Jahren. "Es ist gut, dass er weg ist. Jetzt kann ich meine Freiheit genießen", sagt sie, und die Kinder löffeln Joghurt und Pudding, und sie steckt sich eine Neue an.

René hat immer nur gesoffen und sie verdroschen und auch mit dem Messer bedroht. Der älteste Sohn ist dann dazwischen und auch die Polizei, und irgendwann war der René weg - verguckt in eine andere, eine Schlampe mit drei Kindern, zu der ist er mit den Zwillingen Dominik und Dennis. Die sind fünf und der eine zu 100 Prozent behindert - hat ein Loch in der Lunge und will nicht wachsen. Bei 90 Zentimetern hat er aufgehört. Marcel, Ricardo, die Zwillinge, Jennifer, Jessica und Tobias. Tobias hat zur Geburt nur drei Minuten in der Notaufnahme gebraucht. "Der ist schneller gerutscht, als ich "au" sagen konnte", sagt Manuela. Ricardo schreit irgendwo hinten im Zimmer, sie rennt hin und brüllt: "Du kriegst gleich was um die Ohren! Setz dich gefälligst hin!"

Sie ist im Heim groß geworden. Weil der Vater aus der SED austreten wollte, wurde sie vom Kindergarten abgeholt. Von wegen der Staatsfeindlichkeit. Irgendwann, viele Jahre später, stand ihre Mutter vor der Tür. Hätte sie sich sparen können. Hätte eben kämpfen sollen um ihr Kind und nicht so blöde nach 20 Jahren ankommen und liebende Mutter spielen. "Soll ich dir Geld geben?", hat die Mutter gefragt. "Da hab ich ihr fast eine reingehauen", sagt Manuela Schirwing. Neulich wurde ihr Ältester von ein paar Datzeberg-Jungs gezwungen, ihr Konto zu plündern. 800 Euro weg und sie dann zur Caritas wegen kurzfristiger Hilfe. Man sitzt da und nickt und trinkt den Cowboykaffee mit viel Pulver und fragt sich: Was nur kann man davon glauben?

292 Euro im Monat vom Amt - und für jedes Kind gibt es 154 Euro obendrauf

Dies sind die Geschichten von Sozialhilfeempfängern in Neubrandenburg. Von Männern, die malerten und zimmerten, Trecker reparierten und bei der Stasi waren und heute apathisch glotzen. Von Frauen, die Rinder züchteten und Rüben verzogen, Schuhe verkauften und Fleisch und heute Sex am Telefon. Wer in Neubrandenburg ohne Arbeit sitzt und irgendwie kann, der packt seine Koffer. Wer in Neubrandenburg ohne Arbeit sitzt und gar nicht mehr kann, der bleibt. Wohnt auf dem Datzeberg oder im Reitbahnviertel, kann kaum lesen oder saß im Knast, säuft zu viel oder hat zu viele Kinder. Und träumt nicht mal davon, dass man sich auch eine Wohnung in Miami vom Amt bezahlen lassen könnte.

Wer hier ohne Arbeit sitzt und gar nicht mehr kann, der könnte nirgendwo in Deutschland - da kann die Regierung noch so oft Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammenlegen und erzählen, dass man die Menschen nur mehr fordern muss. Wer hier lebt, bekommt 292 Euro vom Sozialamt und 154 Euro pro Kind und "einmalige Beihilfen" für den Hausrat und Kleidergeld alle sechs Monate. Einen Wintermantel für 76,69 Euro und vier Jahre, zwei Hüfthalter für 15,34 Euro und drei Jahre, sieben Schlüpfer für 2,56 Euro im Set-Preis. Den haben die Mitarbeiter vom Sozialamt in der realsozialistischen Fußgängerzone ermittelt. In Neubrandenburg gibt es keine Sozialhilfedetektive. In Neubrandenburg zeigen sich die Leute gegenseitig an, wenn sie dem Stütze-Nachbarn etwas neiden.

Jeden Morgen bringt sie die Kinder weg, und meistens geht sie dann zur Arbeit. Schafwolle kämmen und spinnen, filzen und stricken, Hauslatschen und Socken mit fünf Nadeln. Zwei Socken in vier Tagen. Die werden auf dem Markt verkauft. Bianca Förster ist "die Schlampe mit den drei Kindern", zu der René Schirwing mit den Zwillingen zog. "Die Schirwing ist eine gemeine Kuh", sagt sie. Den Job hat sie vom Sozialamt bekommen. Ein Euro und zwei Cent pro Stunde seit letztem November. Eigentlich sollte sie einen richtigen Vertrag bekommen, nach zwei Monaten, in denen sie hätte beweisen müssen, dass sie es schafft, jeden Tag zur Arbeit zu erscheinen. Doch der Kleine hat ja dauernd was mit den Bronchien und Neurodermitis und bloß eine Niere, und außerdem haben die anderen schlecht über sie geredet, wenn sie draußen eine rauchen war. Sie konnte nicht. Sie wollte nicht. Ihr Rekord sind drei Wochen ohne Aussetzer. "Frau Förster hat den Fleiß nicht gerade mit Löffeln gefressen", sagt die Leiterin der Sozialmaßnahme. "Für vier Euro am Tag muss ich schuften, und die sind auch noch gemein zu mir", sagt Bianca Förster.

Ihre Geschichte ist die Blaupause der Geschichte von Manuela Schirwing - nur mit weniger Kindern, mehr Schulden und einigen Monaten Frauenhaus: Torsten auf dem Rummel getroffen, drei Kinder bekommen, sieben Jahre geprügelt, gewürgt und getreten worden, Frauenhaus, 10.000 Euro Schulden bei Telekom, Strom, Vermieter und Kindergarten. Sie ist 25 Jahre alt und sitzt unter der Yucca-Palme in ihrem Plattenbau, auf dem Tisch die neue "Bravo". Mit Sockenstricken wird keiner reich. Mit Sockenstricken können sich Menschen wie Bianca Förster in einem Jahr den Anspruch auf Arbeitslosengeld erarbeiten. Sozialhilfe zahlen die Kommunen, Arbeitslosengeld zahlen der Bund und die Arbeitnehmer. Damit Bianca Förster also nicht mehr der bankrotten Kommune auf der Tasche liegt, soll sie ein Jahr lang Socken stricken, um sich dann wieder mit der "Bravo" unter die Yucca-Palme zu setzen und fortan dem bankrotten Bund auf der Tasche zu liegen.

Sie hoffen auf ein besseres Leben. Wie das aus sehen könnte, weiß keiner

So irre war das Verfahren bisher. Jetzt aber soll sich alles ändern: Nach Wunsch der Regierung sollen von den 2,7 Millionen, die von Sozialhilfe leben, mehr als 1,5 Millionen in andere Systeme abwandern. Die, die täglich mehr als drei Stunden arbeiten können, sollen zu den Arbeitslosenhilfeempfängern gerechnet und in den Arbeitsämtern verwaltet werden. Nicht mehr Birnen und Äpfel, sondern Birnenäpfel - vom Bund bezahlt. "Es ist uns ein Rätsel, wie die Regierung auf die angeblich realen fünf Milliarden Euro bundesweit kommt. Wir stellen noch keine neuen Zahlen in den Haushalt ein, weil wir noch gar nicht abschätzen können, ob wir wirklich etwas sparen. Außerdem gilt die Übergangsregelung bis 2006", sagt Reiner Wieland, Erster Beigeordneter des Oberbürgermeisters Neubrandenburg. "Jedes Arbeitsamt wird Tausende neue Kunden zusätzlich bekommen. Das sind keine einfachen Kunden. Das sind sehr schwere Fälle. Außerdem: Wo keine Jobs sind, können wir auch keine vermitteln", sagt Sönke Fock, Direktor des Arbeitsamtes Neubrandenburg.

Jeder hat bestimmte

Stellen. Er sammelt bei der Boxerhalle, an den Schienen dran und um die kleine Kirche noch und, nein, das sagt er jetzt nicht, ach egal, jetzt sagt er es doch: Dann trinken sie öfter mal ein Bier. Na gut, ist schon so, die meiste Zeit gammeln sie herum. Man kann ja nicht acht Stunden Papier sammeln. Geht ja nicht. Da ist er ganz ehrlich, der Uwe Enkelmann. Neubrandenburg hat rund 200 dieser "Arbeitsgelegenheiten gegen Mehraufwandsentschädigungen" und möchte sie gerne weiter ausweiten, doch es fehlt das Geld. Fehlt der eine Euro pro Stunde für Laubharken im Park, fehlen eigentlich auch die 50 Cent für Papiersammeln an den Schienen. Doch weil Arbeit zumindest irgendwie beschäftigt, werden Enkelmann und Kumpels zum Sammeln geschickt.

Er sitzt in der Obdachlosenbaracke mit Vollbart und frischer Naht quer über die behaarte Brust - Treppe runtergefallen, in die Bierflasche rein. Im Fernseher schießt Renegade, im Raum verteilt sich abgestandener Geruch nach Fahne, Enkelmann zieht seine Nase hoch und hustet Brocken aus der Lunge. Heute hat er nicht so viel gesoffen. Heute kann er reden. Das ging gestern gar nicht mehr. Aus dem Knast kam er, damals 1990. War drin wegen Schlägerei, kam raus wegen Amnestie. "Mann, haben sich meine Kumpels gefreut", sagt Enkelmann. "Jetzt kriegen wir tausend Millionen Mark, haben sie gesagt. Und ich sag noch, seid ihr alle bescheuert? Einen Job will ich. Sonst nüscht. Sag ich denen noch! Und wat ham wa nu gekriegt? Müll ham wa gekriegt."

Vorgestern hat er zwei Flaschen Schnaps gekauft. Schnaps ist heute billiger als in der DDR. Eigentlich trinkt er ja nichts Klares. Günthi hat vorhin den letzten gekippt. Günthi trinkt ab und an ganz gerne einen. Aber nicht so viel wie Bodo. Der hat sich immer voll gepisst und dann die dreckige Hose zum Trocknen ans Fenster gehängt. Das hat kein Mensch mehr ausgehalten und vor allem Uwe nicht, der sich mit Bodo die Bude teilen musste. Ist doch alles Scheiße hier! Die kriegen es nicht einmal gebacken, die Antennen so zu montieren, dass er Bild hat, wenn er nachts nicht schlafen kann. Das kann er nie. Vier Stunden, das ist schon das Längste, und nur alle halbe Jahre.

Arbeit hatten sie fast alle mal, jetzt freuen sie sich schon über kleine Jobs

In Neubrandenburg gibt es zu viele Menschen, die schon vor zu vielen Jahren verloren haben. Es ist nicht so, als würden sie nicht wollen, diese Menschen. Es ist nur so, dass sie schon lange nicht mehr wissen, was sie wollen sollen, und wenn sie es wüssten, nicht könnten. Der erste Paragraf des Bundessozialhilfegesetzes lautet: "Die Sozialhilfe umfasst Hilfe zum Lebensunterhalt und Hilfe in besonderen Lebenslagen. Aufgabe der Sozialhilfe ist es, dem Empfänger der Hilfe die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht. Die Hilfe soll ihn soweit wie möglich befähigen, unabhängig von ihr zu leben; hierbei muss er nach seinen Kräften mitwirken."

Hans Christian wirkt

nicht mit. Ganz und gar nicht wirkt er mit. Warum sollte er? Er will nicht arbeiten, er will meditieren. Zehn bis 13 Stunden am Tag. "So, wie es Maurer und Lehrer gibt, so gibt es auch Geistliche. Ich bin eine Art Mönch", sagt er. Inmitten alter gelb karierter Decken sitzt der kahle Mann auf dem alten Sofa, das man zur Pritsche ziehen kann. Am alten Schrank ein Bügel, auf der Kommode eine alte Karte, im Badezimmer Duschbad, Zahnbürste und -pasta. Mönchszelle im kaputten DDR-Block. Früher, in diesem anderen Leben, da hat er viel mit Laserwaffen experimentiert. Hat geforscht, geackert, geknechtet, und dann versuchte seine Frau, sich umzubringen. Anschließend drehte er selbst durch, und sie ließen sich scheiden. Im Sommer 1986 fingen die Herzbeschwerden an.

Die Wende kam für ihn wie eine Erlösung. Kein Job mehr, aber Ersparnisse, die ihm ermöglichten, neun Jahre lang mit 400 Mark im Monat zu leben. Sah aus wie der Bürgerschreck in seinen ollen Klamotten, hauste in diesem winzigen Loch, probierte, wie es ist, ein Jahr lang die Bettwäsche nicht zu wechseln. Dann wurde das Geld knapp, und er ging zum Sozialamt und musste ein Formular ausfüllen. "Wird Arbeit gewünscht?" Da hat er "Nein" angekreuzt. Damit hatten die dann ein Problem. Doch da kam der Herzinfarkt. Seither lassen sie ihn in Ruhe und zahlen. Sogar zu viel, findet er. "Was soll ich mit dem Geld machen, das ich nicht brauche?", hat er im Sozialamt gefragt. "Was Sie wollen. Das gehört Ihnen", haben die geantwortet, und so kauft sich Hans Christian immer mal wieder eine schöne Flasche Wein oder eine gute Hose und hält sich von den Nachbarn fern, weil die gerne jeden prügeln, von dem sie denken, dass er sich für etwas Besseres hält.

"Neubrandenburg ist nach wie vor eine lebenswerte Stadt mit einer attraktiven Umgebung ", sagt Reiner Wieland, der erste Beigeordnete des Oberbürgermeisters. Er sitzt am runden Tisch im großen Büro gegenüber der historischen Stadtmauer. "Stadt der vier Tore" wird Neubrandenburg auch genannt. Das klingt schön. Das klingt historisch. Reiner Wieland spricht viel von "Neubrandenburg als..." Als Stadt für alle Generationen. Als Stadt für alle sozialen Schichten. Als Oberzentrum, das für alle Arbeitsplätze bereitstellt. Es muss einfach, es wird auch, Strukturwandel ist ein Vorgang und kein Zustand. Hier turnte einst der alte Vater Jahn. Hier lebten die meisten jungen Menschen im Schnitt der DDR. Hier stählte Katrin Krabbe ihre Muskeln, und Grit Breuer machte Abitur mit Durchschnittsnote zwei. Und auch wenn die LPGs zusammenbrachen und die Landarbeiter auf der Suche nach Arbeit in die Stadt zogen, und auch wenn aus Landarbeitern nur selten Telefonisten und Altenpfleger werden, und auch wenn sich so viele seit so vielen Jahren so verdammt früh verrentet fühlen - ""Neubrandenburg tut gut" könnte ein schöner Werbespruch sein", sagt Wieland.

Wenn das Fernsehen auf heile Welt macht, ist das nicht leicht auszuhalten

Mutter und Tochter sitzen am Wachstuch in der Küche. Rosi überlegt, ob sie ihre Babyratte tottreten soll, weil die sich das Füßchen gebrochen hat. "Das finde ich nicht gut", sagt die Mutter. "Was soll ich denn machen, wenn du kein Geld für den Tierarzt hast?", sagt Rosi. Angela Jungerberg hat mal Rinderzüchterin gelernt, auf dem Feld gearbeitet auch, aber die Genossenschaften haben alle dichtgemacht, und die Rinder hatten BSE. Sie hat sich in einer Spielhölle beworben, aber die wollen nur junge, nicht eine, die schon 38 ist. Rosi will Senfei, sie selbst will Kochklops machen. 61.700 Euro kosteten die 54 Platten-Quadratmeter damals. Sie hat schon versucht, die Wohnung zu verkaufen, aber wer will hierher und dann noch ohne Balkon? 20.000 Euro sind noch offen, und bei Quelle noch mal eine ganze Stange. Dort hat sie sich an Weihnachten manchmal in Wut gekauft, für die beiden Töchter, viel zu viel, weil die doch ohne Vater aufwachsen. Das tut ihr manchmal furchtbar leid. Als sie zum dritten Mal schwanger wurde, da ist sie in die Klinik gefahren, um es wegmachen zu lassen, und auf einmal wollte sie es doch behalten und wollte gehen, und da kam der Arzt und fragte: "Meinen Sie, dass Sie dem Kind alles bieten können, was Sie ihm bieten wollen?" Da ist sie sitzen geblieben, bis sie dran war. Danach hat sie Selbstmord versucht.

Reigen der Hoffnungslosen. Haben wenig Geld und wenig Möbel und Porzellanfigürchen hinter Glas. Haben große Fernseher als Zentrum ihrer guten Stube und alte Handys in Schutzhüllen verpackt. Haben Nahrung, Kleidung und viel Zeit. Haben eben nur keinen Glauben an das, was andere "die Zukunft" nennen.

Sehr braun gestrichen, dieser Jägerzaun, sehr weiß und rein das Haus dahinter. Ein sehr langer Mensch steht in der Tür mit schwarz ummalten Augen, Leopardenreif im Haar und männlich dunkler Stimme. Alles kann man eben nicht operieren. Andreas Peter. Andrea Petra. In diesen Neubausträßchen stehen Eigenheime und Träume stramm. Andrea Petra Lauke ist 39 Jahre alt und wohnt mit ihrer 20-jährigen Lebensgefährtin Silvana Rose unterm Dach in dem reinen, weißen Haus bei ihren Eltern. Der Vater schoss einst als Offizier der NVA, die Mutter bringt noch heute manchmal Klopse, wie neulich, als sie eine Sendung sah, in der eine Frau zum Mann werden wollte. "Warum können die das, was sie bei dir abgeschnitten haben, nicht bei ihr drannähen?", hat sie gefragt. "Weil sie damit die Scheide formen und auskleiden", hat Andrea geantwortet. Sie sind offen miteinander. Sie gehen zur gleichen Frauenärztin - Mutter, Großmutter, Silvana und Andrea.

Silvana hat drei- bis fünfMal am Tag einen epileptischen Anfall. Verkrampft, hebt die Arme hoch und atmet nicht mehr. Sie kann nur mit Sturzhelm aus dem Haus und Fahrrad fahren nur mit Stützrädern. Auf einem Barhocker im "Rosa-Lila" saß sie, als sie das erste Mal Andrea traf. Trank Wodka mit Cola, und sie unterhielten sich, und plötzlich hatte sie einen Anfall, und Andrea hielt sie fest, und dann quatschten sie bis früh um fünf. Als Silvana das erste Mal vergewaltigt wurde und Andrea noch Andreas hieß, war er Müllmann. Heute würde Andrea am liebsten Bürokauffrau werden. Zur Not auch Krankenpflegerin. Weil sie sich mit Operationen auskennt nach ihrer Groß-OP in Berlin. Vorher hat der Professor gesagt: "Na, Sie sind ja lesbisch, da muss das ja nicht so tief." "Nein", haben Silvana und Andrea gesagt, "wenn schon, dann soll alles richtig." Alles ging glatt, bis sechs Wochen nach dem Eingriff. Da hatte Andrea Verwachsungen und musste noch mal hin. Jetzt will Andrea ihre Brust aufbauen und Silvana ihre Brust verkleinern lassen, und man sitzt zusammen auf der Eckcouch, trinkt Cowboykaffee mit viel Pulver und tut so, als sei das alles ganz normal.

Keine Jobs, kein Geld, keine Zukunft

"Statt dummer Sprüche saustarke Preise", wirbt der "Miami"-Markt im Reitbahnviertel. Trotzdem kauft kaum einer ein Schnäppchen. Im See um die Ecke zieht einer auf Wasserski seine Runden, der junge Unternehmer träumt von all den sportbegeisterten Berlinern, die kommen, wenn sich seine guten Preise herumgesprochen haben. Eine sieche Stadt sucht nach ihren Chancen.

Es ist nicht so, als würden sie nicht wollen, diese Männer, die malerten und lackierten, Trecker reparierten und bei der Stasi waren und heute apathisch glotzen. Es ist nicht so, als würden sie nicht wollen, diese Frauen, die Rinder züchteten und Rüben verzogen, Schuhe verkauften und heute Sex am Telefon. Es ist nur so, dass sie nicht wissen, was sie wollen sollen, und wenn sie es wüssten, nicht könnten. Wer in Neubrandenburg ohne Arbeit sitzt und gar nicht mehr kann, der kann nirgendwo in Deutschland.

Die in dieser Reportage gezeigten Fotos sind Teil des Projekts "Jenseits des Wohlstands" des Fotografen Bernd Lasdin, der insgesamt 80 Sozialhilfeempfänger in Neubrandenburg fotografiert und sie um einen handschriftlichen Kommentar gebeten hat.

Franziska Reich / print