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Meinung

Tesla-Werk bei Berlin: Angriff auf die deutsche Autoindustrie – endlich!

Der amerikanische Autohersteller Tesla baut sein europäisches Werk bei Berlin. Das ist ein gutes Signal für den Autostandort Deutschland – wenn es gehört wird, meint unser Autor.

Ein gut gelaunter Tesla-Chef Elon Musk bei der Verleihung des Goldenen Lenkrads in Berlin

Provokationen sind bei Tesla Chefsache: Es gibt wohl keinen Boss eines großen Autoherstellers, der die Branche so aggressiv aufmischt, wie Elon Musk. Der Gründer, oberste Visionär und Vorstandsvorsitzende des Elektroauto-Spezialisten Tesla geht keinem Konflikt aus dem Weg und hat das Twittern schon vor Donald Trump zum liebsten Marketinginstrument erkoren.

Doch im Unterschied zum US-Präsidenten tut er auch häufig, was er schreibt. Selbst als er ankündigte, er werde demnächst einen Flammenwerfer auf den Markt bringen, war der tatsächlich wenige Monate später zu kaufen. Und als er behauptete, er werde seinen privaten Tesla-Sportwagen Richtung Mars schießen, startete der schon bald darauf in den Weltraum. Im Juni 2018 schrieb Musk dann, "Deutschland ist erste Wahl für eine Tesla-Fabrik in Europa". Der stern hat damals darüber berichtet.

Tesla-Plan ist Weckruf für die Branche

Am Dienstagabend ließ er nun auch auf diesen Tweet Taten folgen: Eingerahmt in schwarz-rot-goldene Herzchen twitterte er, in der Nähe des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg International werde Tesla seine "Gigafactory 4" bauen. Bloß schneller. Dort soll das Model Y hergestellt werden, ein kleiner SUV auf Basis des sehr erfolgreichen Model 3, der bisher nur in Kalifornien gebaut wird. Das Werk soll einmal rund 200.000 Fahrzeuge pro Jahr liefern und auch Antriebsstränge und Batterien bauen. Bis zu 10.000 Arbeitsplätze könnten dort langfristig bei Tesla und seinen Zulieferern entstehen.

Video: VDA zu Tesla: "Wettbewerb belebt das Geschäft"

Das sind gute Nachrichten für das Land Brandenburg, aber auch für Berlin, wo zusätzlich ein Designzentrum angesiedelt werden soll. Und es können gute Nachrichten für Deutschlands Autoindustrie sein, denn Tesla gibt dem anstehenden Strukturwandel von Deutschlands wichtigster Branche plötzlich viel mehr Dynamik und vor allen Dingen eine Richtung. Bisher waren neue E-Auto-Marken wie Tesla ferne Größen. Die bauen ja nur ein paar Autos in Kalifornien und machen keinen Gewinn, hieß es herablassend. Das war selbst dann noch so, als der Marktwert der Tesla-Aktie den vieler deutscher Autokonzerne übertraf. Ein Hype, hieß es.

Jetzt rücken die Kalifornier ins Zentrum des Interesses, werden heimische Hersteller. Bisher stritten sich deutsche Hersteller und Politiker recht theoretisch in ihren Gremien, ob künftig nur Batterieautos (Volkswagen) oder auch weitere Antriebe "technologieoffen" (Daimler, BMW) gefördert werden sollten und wer Ladestationen und Batteriefabriken zu zahlen habe.

Das wirkt nun reichlich kleinkariert, denn Elon Musk legt einfach los. Er und Tesla haben das Batterieauto seit 2011 sozusagen neu erfunden und wieder hoffähig gemacht. Lange wurde das belächelt – besonders von den deutschen Herstellern, die im Verbrennungsmotor mit bis zu 16 Zylindern die Krone des Automobilbaus wähnten – und sich selber unangefochten auf dem Thron. Inzwischen hat sich die Wahrnehmung geändert und das kalifornische Start-up wurde zuletzt ernst genommen. Dass es jetzt zum Sprung über den Atlantik ansetzt und sich ausgerechnet das Hochlohnland Deutschland als Standort für die Produktion aussucht, muss BMW und Co. geradezu bedrohlich vorkommen.

Die jahrelange Selbstvergewisserung der Industrie

Schon der Ort, an dem Musk seine Ankündigung machte, könnte symbolträchtiger nicht sein. Denn er twitterte nicht aus den USA, sondern reiste persönlich nach Berlin, zur Verleihung des "Goldenen Lenkrades". Der traditionsreiche Branchenpreis wurde Jahrzehnte von deutschen Siegern dominiert, war eine regelrechte Selbstvergewisserung der Branche.

Musks Ankündigung von der Bühne, gleich vor den Toren der Hauptstadt, dem Sitz des mächtigen Branchenverbandes VDA, ein Werk zu bauen, kann man als klare Kampfansage werten: "Wir kommen!" Schon in gut zwei Jahren sollen die ersten europäischen Tesla dort vom Fließband rollen. Es ist das erste neue Werk eines ausländischen Autokonzerns auf deutschem Boden, seit Ford 1970 in Saarlouis eine Fertigung eröffnete.

Spätestens jetzt dürfte der Branche klar sein, dass mit Tesla auch auf dem heimischen Markt zu rechnen ist und dass das Phänomen Batterieauto nicht mehr verschwinden wird. Teslas Model 3 bekam nebenbei übrigens noch das "Goldene Lenkrad" als bestes Mittelklasseauto. Mercedes C-Klasse, BMW Dreier oder Audi A4 hatten das Nachsehen.

Deutschland gilt als einer der härtesten Automärkte der Welt: Die Rabatte sind hoch, die Kunden anspruchsvoll und die heimischen Marken mit ihren Händlernetzen bärenstark. Dass sich Tesla mit seinem Werk hierher wagt, dürfte in München, Wolfsburg, Ingolstadt und Stuttgart hektische Betriebsamkeit auslösen. Es gilt die EU-Märkte zu verteidigen und technisch Schritt zu halten.

Teslas-CEO Elon Musk

Teslas-CEO Elon Musk (Archivbild)

DPA

Wer träumt von Wolfsburg?

Der Standort Berlin ist nämlich gut gewählt: Er liegt in Sichtweite der Bundespolitik, im noch immer stark geförderten Ostdeutschland, aber nahe genug an der wohl einzigen deutschen Metropole, die das Potenzial hat, Führungskräfte aus Kalifornien anzulocken. Besonders das auch geplante Entwicklungszentrum in einer deutlich cooleren Innenstadtlage könnte die überall gesuchten Softwareexperten in Scharen anlocken, die man für E-Mobilität und autonomes Fahren benötigt. Denn welcher Hipster träumt schon von Wolfsburg?

In der niedersächsischen Kommune, Stammsitz von Volkswagen, gibt es einen reichen Pool qualifizierter Mitarbeiter. Und der ist gerade eine ICE-Stunde von Berlin entfernt. Stellt man sich morgens an den Berliner Hauptbahnhof, kann man die Heerscharen von jungen Ingenieuren beobachten, die täglich per Zug nach Niedersachsen pendeln. Viele werden mit einer kürzeren Anfahrt liebäugeln.

Außerdem kommt mit Tesla die neueste Batterie-Technologie nach Deutschland. Die Kalifornier haben viel Vorsprung beim Bau von Lithium-Ionen-Batterien, aber auch den dazugehörigen Elektroantrieben. Tesla baut sogar die Batteriezellen für seine Autos seit Jahren selber. Etwas, das deutsche Konkurrenten gerade erst zu planen beginnen. Das wird auch bei den Produkten deutlich: Immerhin stammt das noch immer gebaute Tesla Model S aus dem Jahr 2014 und ist nach wie vor eine Referenzgröße für deutsche Hersteller. Deren deutlich jüngere Modelle wie der Audi etron oder der Mercedes EQC kommen bei Reichweite und Effizienz nicht an das US-Vorbild heran.

Es bleibt zu hoffen, dass die deutschen Hersteller Musks Ankündigung als Ansporn verstehen und nachlegen, bevor in zwei Jahren die ersten Tesla aus dem Brandenburger Werk rollen und gleich auf die Überholspur gehen.