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2. April 2009, 14:01 Uhr

Der deutsche Michel knipst die Batterie an

In Sachen Hybridantrieb hatten deutsche Hersteller den Trend vollkommen verschlafen. Doch in den nächsten Monaten schicken nahezu alle heimischen Premiumhersteller Hybridversionen in den Markt.

Hybridantrieb, Lithium-Ionen-Technik, Mercedes, Porsche, BMW, Volkswagen

In der überfüllten Innenstadt spart der S 400 besonders© Hersteller/press-inform

Mercedes startet in diesem Spätsommer mit der hybriden Mercedes M-Klasse, BMW schickt mit deutlich mehr Power seinen teilelektrifizierten X6 ins Rennen. Bis zum nächsten Jahr müssen sich noch die Kunden von Porsche Cayenne und VW Touareg gedulden. Die gemeinsam entwickelten und weitgehend identischen Hybridmodule sind fertig, die letzten Abstimmungsfahrten laufen. Jetzt müssen nur noch die Nachfolgemodelle vorgestellt werden. Denn weder Porsche noch Volkswagen wollen die sparsamen Hybridmodule noch in den auslaufenden Modellvarianten verbauen. Bei Volkswagen hat man sich den Touareg für den Hybrideinstieg ausgeguckt. 2010 werden die Wolfsburger den Touareg II sowohl mit Benzin- und Dieselvarianten als auch mit Hybridantrieb auf den Markt bringen. Die Vollhybrid-Technologie, die das neugestylte SUV dann mitbringen wird, verfügt über einen rund 70 Kilogramm schweren Nickelmetallhybrid-Akku. Der zunächst geplante 3,6-Liter-V6 mit 280 PS wurde von einem neuen, mechanisch aufgeladenen Benzin-Direkteinspritzer mit 245 kW / 333 PS ersetzt, der unter anderem den Audi S4 antreibt. Der zusätzliche Elektromotor stellt in Touareg und Cayenne weitere 38 kW / 52 PS zur Verfügung.

Bei moderaten Geschwindigkeiten bis rund 50 km/h können Touareg und Cayenne vollkommen elektrisch und somit mit zu einer Strecke zwei Kilometern lokal emissionsfrei fahren. Bei höheren Geschwindigkeiten schaltet sich der drei Liter große Verbrennungsmotor ein, der dank seiner Kompressoraufladung aus sechs Zylindern soviel Power bezieht, wie üblicherweise ein gewöhnliches V8-Aggregat. Der Elektromotor übernimmt dann die Rolle eines Generators und sorgt für die Energie, die für Bordelektronik und Klimaanlage benötigt wird. Bei hohen Leistungsanforderunger per Kickdown unterstützt der Elektromotor den aufgeladenen Sechszylinder. Die Kraft der beiden Herzen wird von einer 8-Gang-Automatik aus dem Hause Aisin an die Vorder- und Hinterachse geleitet. Dabei stehen kurzzeitig 275 kW / 375 PS und ein maximales Drehmoment von 550 Newtonmetern zur Verfügung.

Signifikante Verbrauchsreduzierung

Projektleiter Dr.-Ing. Michael Leiters geht ein Lächeln über die Lippen, wenn er über das Segeln spricht. "Segeln heißt der Zustand der beginnt, wenn das Fahrer den Fuß vom Gas nimmt und den Cayenne rollen lässt", so Dr. Leiters. Normalerweise bremst sich ein Auto dann durch den mitlaufenden Motor selbst ab. Doch bei Cayenne und Touareg wird der Motor kurzerhand entkoppelt und man segelt im flotten Galopp und ohne Kraftstoffverbrennung weiter. Der Drehzahlmesser springt auf die Null-Marke. "Wir können derzeit bis zu einer Geschwindigkeit von 138 km/h segeln", erläutert Porsche-Mann Leiters, "beim Serienmodell wird es noch schneller sein."

Wegen der geringen Geschwindigkeiten spielt das Hybridsystem bei den beiden SUV-Brüdern im Stadtverkehr naturgemäß sein größtes Einsparpotential aus. "Gerade der Touareg zeigt, was die Hybridtechnik kann. Hier erreichen wir eine signifikante Verbrauchsreduzierung, die sich bei Kleinwagen und in der Mittelklasse in diesem Umfang gar nicht mehr erzielen lässt", sagt Kai Philipp, Entwicklungsingenieur und Hybridspezialist bei den Wolfsburgern. In der Hybridversion gibt sich der Allradler durchschnittlich mit weniger als neun Litern Kraftstoff zufrieden - und der CO2-Wert sinkt auf 210 g/km. Die gleichen Leistungsdaten bietet der Porsche Cayenne Hybrid. "Er unterbietet mit einem Durchschnittsverbrauch von 8,9 Litern auf 100 Kilometern sogar noch unseren neuen Cayenne Diesel", so Dr.-Ing. Michael Leiters, Gesamtprojektleiter Cayenne Hybrid. Porsche bringt den Hybridmotor im kommenden Jahr nicht nur im neuen Cayenne, sondern auch in seiner Sportlimousine Panamera.

Elektrisch, lautlos, sparsam

Die hoch gelobten Dieselversionen von Mercedes ML oder BMW X6 bekommen bisher kein Bein auf den US-Boden. Im Spätsommer sind die Hybridversionen fertig. "Wir sind zwar nicht die ersten", so Mercedes-Chefentwickler Dr. Neil Amstrong, "haben mit dem Mercedes ML 450 Hybrid aber den besten Hybriden." Die ersten Meter hinter dem Steuer gehen gut an. Im Elektromodus rollt der rund 2,4 Tonnen schwere Hybride lautlos durch die wenig schmuckvolle Innenstadt von Detroit. Hier im Citygewühl fühlt sich die in Tuscaloosa produzierte M-Klasse besonders wohl.

Im langsamen Fahrbetrieb ist sie allein elektrisch und somit lautlos und sparsam unterwegs. Die ins Getriebe integrierten beiden Elektromotoren verrichten nahezu lautlos ihre Arbeit. E-Motor Nummer eins leistet 67 Kilowatt und ist für den normalen Fahrbetrieb zuständig. Das zweite Elektrotriebwerk ist mit seinen 63 kW kaum weniger stark und für die Boost-Funktion zuständig. Wer zum Beispiel bei einem Überholvorgang oder beim Auffahren auf die Autobahn stark beschleunigt, hat die Kraft der drei Herzen und rund 250 kW / 340 PS im Rücken. "Für uns stand das Thema Sparsamkeit an erster Stelle", so Dr. Neil Amstrong, "wir rechnen beim ML 450 Hybrid mit einem Verbrauch unter acht Litern auf 100 Kilometern." Die Implementierung des knapp 250 Kilogramm schweren Elektromoduls ist gelungen. Sanft, kaum spürbar schaltet die M-Klasse je nach Bedarf zwischen Elektro- und Benzinantrieb hin und her. Ist der in der Reserveradmulde untergebrachte Akku voll geladen, kann man rund 2,5 Kilometer rein elektrisch fahren.

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
Eisenbaer (03.04.2009, 18:58 Uhr)
der Mehraufwand ist relativ zu betrachten
Die Hybridtechnik gibt es nicht umsonst und wenn ein Auto zwei Antriebe an Bord hat, dann ist dieser Mehraufwand entsprechend teuer. Sagen wir mal diese Hybridtechnik würde 5000 Euro kosten, dann verteuert sich ein Mittelklasseauto im Wert von 20000 Euro um 25%, bei einem Oberklassewagen von 75000 Euro aber sind es nur 6,67% die ein solcher Wagen teurer würde. Dafür aber bekäme man einen enormen Prestigegewinn... ;-))
Skarrin (03.04.2009, 18:11 Uhr)
@eisenbaer
Nachweislich ist auch, dass Toyota den Prius hierzulande mit ca. 35% Aufschlag auf den US-Preis verkauft, und dass es den neuen Honda Insight sowieso erst ab 18. April zu kaufen gibt. Beides verhindert zuverlässig einen großen "Ansturm".
Skarrin (03.04.2009, 18:02 Uhr)
Armutszeugnis
12 Jahre nachdem Toyota den Prius als bezahlbaren Mittelklasse-Hybrid auf den Markt gebracht hat, haben es die deutschen "Premium"-Hersteller also tatsächlich geschafft, das Prinzip teurer (und wahrscheinlich auch noch schlechter) nachzubauen!?
Eine echt tolle Leistung... wenn sie so weiter machen, sind sie in 10 Jahren Automobilgeschichte.
Deutsche Röhrenradios waren auch mal "state of the art", Pech nur dass dann so ein Depp den Transistor erfunden hat, und heute kaum noch einer ehemalige, längst abgewickelte Weltfirmen wie Saba, Körting oder Schaub-Lorenz kennt. Wer zu spät kommt, den bestraft der Kunde!
Eisenbaer (03.04.2009, 15:55 Uhr)
@gesox - nu mach mal halblang -
Aber die anderen europäischen Hersteller haben Hybrid-Fahrzeuge im Programm - oder was? Die Wahrheit ist doch wohl, dass Honda ein Modell im Programm hat und Toyota/Lexus deren drei. Und in den USA kurven noch ein paar Wagen von GM herum. Das war´s auch schon. Und überall haben die Verkäufe gezeigt, dass diese Technik dem kleinen Mann auf der Straße viel zu teuer ist. Und dass nur in der Oberklasse nennenswerte Stückzahlen zu erreichen sind.

Blicken wir nach Deutschland in diesen Tagen: Im Augenblick herrscht zwar ein Ansturm auf kleine, sparsame Fahrzeuge aber davon profitieren zwei Fahrzeuge nachweislich nicht: die beiden Kompaktwagen von Honda und Toyota mit der Hybridtechnik...
leboz (03.04.2009, 14:17 Uhr)
Ich habe gestern
den smart electrical vehical gefahren. Ein Super-Stadtwagen. Aber ich glaube, weder die deutsche Industrie noch die deutschen Politiker in Städten, Ländern und Bund wollen so ein Auto fördern. Der smart Elektro ist in England zugelassen - in Deutschland würde die Anmeldung wohl Monate, vielleicht sogar Jahre, brauchen - Deutschland ist absolut überbürokratisiert.
gesox (03.04.2009, 12:20 Uhr)
Wer 50.000 Euro oder mehr...
...für ein Auto ausgibt, dem ist der Spritverbrauch ohnehin fast egal, und die Umwelt meist auch.
Die deutschen Autohersteller beweisen damit, daß sie drei Dinge wirklich gut können:
1. Mit überfälligen Produkten zu spät auf den Markt kommen.
2. Die Produkte sauber am Markt vorbei zu entwickeln.
3. So lange an Produkten schrauben, bis sie "overengineered" sind.
talkingkraut (03.04.2009, 11:13 Uhr)
Hype um den Hybrid
Ein Hybrid verbraucht nicht weniger Energie als ein Fahrzeug nur mit Verbrennungsmotor sondern mehr. Wenn man die Akkus nachts an die Steckdose hängt, braucht man am nächsten Tag weniger Kraftstoff, weil man mit Strom fährt, der aber auch Energie ist.
Ein Hybrid verbraucht mehr Energie, weil die Lagerwiderstände und der Rollwiderstand größer sind als bei einem herkömmlichen Fahrzeug. Sie sind größer wegen des höheren Fahrzeuggewichts und sie sind größer, weil der Kraftfluss ein wesentlich komplizierteres Getriebe durchläuft. Der Luftwiderstand ist größer, weil der höhere Bedarf an Einbauraum für die aufwändige Technik und die Akkus ein größeres Fahrzeug erfordern, um den dabei verlorenen Nutzraum wettzumachen. Das vergrößert natürlich auch Rollwiderstand und Lagerwiderstände weiter. Wenn es um Lageenergie bei der Bergauffahrt oder um Bewegungsenergie beim Beschleunigen geht, sorgt der schwerere Hybrid noch einmal für einen bedeutend höheren Energiebedarf, der ganz sicher nicht aufgewogen wird, wenn der Hybrid beim Bremsen oder der Bergabfahrt Bewegungsenergie oder Lageenergie durch einen Dynamo in elektrische Energie umwandelt.
Der Hype, der um den Hybrid veranstaltet wurde, hat die deutschen Autohersteller gezwungen mitzuziehen. Hoffe mal, dass sie dabei nicht allzu viel Geld verballert haben. Eigentlich waren und sind die sparsamen modernen Motoren der deutschen Hersteller, ob nun Diesel oder Benziner, state of the art. Die Hybridtechnik ist was für Gruene, die im Physikunterricht nicht mitkamen und danach Soz.-Päd. studiert haben.
Segeln auf der Autobahn mit einem SUV, der schwer ist, der eine große Stirnfläche plus hohem LW-Beiwert hat, ist Lyrik für mich, aber die Gruenen werden’ s glauben.
Zwei Anregungen:
Mehr Mut zur Farbe, denn man wird depressiv, wenn man beim Autohändler nur schwarze und graue Autos sieht.
Bezahlbare Keramikbremsen, um das Verhältnis von gefederter zu ungefederter Masse im Sinne der Fahrkomforts zu verbessern.
gmathol (02.04.2009, 22:24 Uhr)
Abschied vom Massenmarkt.
Die Kaufpreise fuer diese "Innovationen" liegen im astronomischen Bereich fuer 95% der deutschen Verbraucher.
Die Batterie und die Zusatztechnik macht die schon schweren Fahrzeuge noch schwerer. Kommt es dann zu einem Crash mit Kleinwagen dann werden die Folgen dem entsprechen: Panzer gegen Radfahrer mit Helm.
Rainhelt (02.04.2009, 16:59 Uhr)
Wieso?
"Doch wie soll man den Kunden erzählen, wieso der eine (7er BMW oder Mercedes S-Klasse) ausgestattet ist, während der andere (BMW X6 oder Mercedes ML) mit einem über 200 Kilogramm schweren Alt-Akku durch die Gegend fährt?"
Vielleicht indem man darauf hinweist, dass es sich um technisch komplett unterschiedliche Konzepte handelt???
S-Klasse und 7er sind Mildhybridfahrzeuge, mit gerade mal 15kW Leistung an der E-Maschine. Dagegen handelt es sich bei den SUV um Fullhybridfahrzeuge, mit 2 E-Maschinen mit jeweils ca. 60kW!!! Der LiIon-Akku wäre hierfür schlicht unbezahlbar!!!
watchtower (02.04.2009, 16:39 Uhr)
Darauf hat die Welt gewartet
Mit rund 2,5 Tonnen Auto und 3% Hybridgewichtsanteil über die Straßen brettern zu können und dabei sein ganz persönliches Ökogewissen haben zu dürfen.
Man spart ja 1 (einen sagenhaften) Liter Sprit auf 100 km.
Boah ey!
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