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16. Juli 2008, 22:15 Uhr

Der Terror fährt Rad

"Links vor rechts in jeder Lage - Rot heißt vorwärts keine Frage!" In Berlin bekennen sich nicht nur "Radterroristen" zur rabiaten Gangart. Seitdem sich durchtrainierte Angestellte auf dem Rad fit für den Konkurrenzkampf im Büro machen, ist Schluss mit der Gemütlichkeit auf dem Hollandrad. Von Roland Brockmann

Pedalritter im Verkehrsgetümmel© Frank Augstein/AP

Morgens gegen acht in Berlin. Rushhour auf dem Fahrradweg: Kleinkinder wollen zur Schule; Angestellte müssen ins Büro - oft mit Schlips und Kragen unterwegs auf dem Trekkingrad, weil es auf zwei Rädern einfach schneller geht als mit dem Auto.

Ein Mittdreißiger, im Anzug, aber mit Helm bahnt sich in Slalomfahrt seinen Weg durch eine Gruppe Schulkinder. Dass die Kinder sich bewegen, hat er nicht einkalkuliert. Sein Rad streift ein Kind, es fällt hin. Erst scheint nicht Schwerwiegendes passiert zu sein, doch später stellt sich heraus, der Junge hat sich einen Arm gebrochen. Doch da ist der Rüpel mit seinem Rad längst über alles Berge.

Radler im Geschwindigkeitsrausch. Alle treten kräftig in die Pedale, nur bremsen will keiner mehr - ansonsten brave Bürger, auf der Radspur entdecken sie ihre Kämpfernatur.

Der Angestellte ist das Problem

"Risikogruppe sind weniger junge Leute, die nicht hin wissen wohin mit ihrer Energie, " sagt Polizeirat Markus van Stegen, "sondern Erwachsene, die eigentlich Vorbildfunktion ausüben sollten." Der "Leiter Verkehrssicherheit" im Stab des Polizeipräsidenten weiß: "Mehr als die Hälfte aller Unfallverursacher auf dem Rad sind zwischen 25 und 65 Jahren alt."

Kein Einzelfall. Immer öfter sind Fahrradfahrer in Unfälle verwickelt. Ein internes Strategiepapier der Polizei warnt: "Seit mehreren Jahren ist die Gesamtzahl aller polizeilich registrierten Verkehrsunfälle in Berlin rückläufig. Gleichzeitig steigen die Verkehrsunfälle mit Radfahrbeteiligung jedoch kontinuierlich an." Allein in Berlin kam es im letzten Jahr zu 6894 Unfällen mit Radfahrerbeteiligung (2001 waren es rund tausend Unfälle weniger). Das sind fast zehn Prozent aller Opfer eines Fahrradunfalls bundesweit (2006: 77.000).

Jeder vierte Verkehrstote und jeder vierte Verletzte in der Hauptstadt war im letzten Jahr ein Radfahrer. Und Schuld sind keinesfalls immer die bösen Autofahrer: In 47 Prozent der Fälle mit klarer Schuldfrage waren Radfahrer die Verursacher.

In der City wird es eng

Typen, wie der 19jährige, der sich ohne Licht mit seinem Drahtesel auf die A 3 verirrte bilden eher die Ausnahme. Hauptgefahrenzone sind urbane Ballungszentren. Allein schon weil hier die Verkehrsdichte zunimmt: von 2000 bis 2007 wuchs der Radverkehr in der Hauptstadt um satte 18 Prozent. Mit dem Anstieg wechselte aber auch der Typus des Radfahrers. Der klassische Dauerstudent auf dem klapprigen "Diamant" zählt zur Minderheit, genau wie der Nostalgiker auf seinem Hollandrad. Stattdessen satteln immer mehr Berufstätige aufs Zweirad um, allein schon wegen der steigenden Spritpreise. Gleichzeitig mutiert das Fahrrad zum Prestigeobjekt. Vor allem Männer neigen zu rasanten Rädern. Wer in Berlins größtem Fahrradladen ein bequemes Rad sucht, findet vor allem Damenmodelle. "Männer wollen meist sportliche Modelle", weiß der Verkäufer.

"Der typische Radfahrer von heute will vor allem schnell zur Arbeit", erklärt Polizeirat van Stegen: "Der guckt sich nicht bei acht Km/h die Blumenrabatten an."

Dorthin, wo es schnell geht

Vor allem "Fehlverhalten beim Einfädeln in den Fliessverkehr" führt laut Polizeirat van Stegen dabei zu Unfällen. Denn trotz immer mehr ausgewiesener Radspuren: Nur all zu gerne wechselt der Radfahrer mal die Seite, je nachdem wo es gerade schneller weiter geht. Egal ob Bürgersteig, Radweg oder Strasse – dem Pedalritter sind oft alle Wege recht. Bloß nicht anhalten oder gar mal absteigen. Frei nach dem Motto eines bekennenden "Radterroristen" aus dem Internet: "Anarchie im Stadtverkehr - Fahrradterror ist der Herr - Links vor rechts in jeder Lage - Rot heißt vorwärts keine Frage."

Die Diagonale ist der kürzeste Weg zum Ziel

Berlin Mitte. Es ist 13 Uhr 30. Im zentralen Szeneviertel und Touristengebiet passieren mit 1300 die meisten der Berliner Fahrradunfälle. Oranienburger Straße Richtung Hackescher Markt. Einbahnstrasse, nicht freigegeben für Radfahrer. Eilige Fahrradboten treffen auf junge Mütter mit Kindern im Rücksitz. Hippe Biker mit Sporträdern a la "Streethammer" umkurven sperrige Fahrradrikschas auf dem Platz. Touristen auf Leihrädern radeln verträumt an Stuckfassaden aus der Gründerzeit vorbei. Bierkutscher versperren die Sicht, eine Tram will gerade abbiegen. Da taucht aus der Einbahnstraße plötzlich ein junger Mann auf seinem "Beachcruiser" auf und kreuzt quer durch das Geschehen. Die Straßenbahn kommt kreischend zum Stehen, Autofahrer hupen, und ein Rentner springt verängstigt zurück. Dabei hatte er als Fußgänger grün. Wütend sieht er dem Rad-Rambo hinterher, doch der ist längst im Großstadtdschungel abgetaucht.

Einfach weiterfahren bei Kontrollen

Und auch die Polizei schaut den Desperados nur hilflos hinterher, räumt Markus van Stegen ein. Während immer mehr Radfahrer in den Verkehr drängen, stagniert die Zahl der jährlichen Bußgeldverfahren in Berlin seit Jahren bei etwa 5000. Das interne Strategiepapier der Polizei räumt offen ein: Der "notwendige Überwachungsdruck wird gegenwärtig nur unzureichend ausgeübt."

Kein Wunder: Egal ob rasante Fahrer in der Fußgängerzone oder Spurwechsler ohne Rücksicht – die Flucht vor dem Bußgeld gelingt gerade Fahrradfahrern ohne Probleme. Zu Fuß hat der Verkehrwächter sowieso kaum eine Chance, und in der nächsten Grünanlage hängt der Fahrradflüchtling auch Streifenwagen locker ab. "Wer nicht angehalten werden will, der fährt halt einfach weiter", so Polizeirat van Stegen: "Der Beamte kann ihn ja schlecht vom Rad schubsen."

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Von Roland Brockmann
 
 
KOMMENTARE (10 von 133)
 
Ungedopt (19.07.2008, 22:58 Uhr)
Werter Herr Roland Brockmann...
..aus Ihrem Artikel lese ich, dass sie einer dieser militanten Autofahrer sind, bei denen immer die anderen Schuld sind. Sie selbst werden sich wahrscheinlich alle 3 Monate sonntags mit der Familie auf das Rad stürzen, zu fünft nebeneinander fahren, den Radweg dichtmachen, Klingeln von hinten ignorieren und sich schließlich aufregen, wenn jemand auf knappem Raum überholt - kurz: ich, als Rennrad- und Mountainbikefahrer, hasse scheinheilige, engstirnige, egozentrische Menschen wie Sie in diesem Artikel andeuten einer zu sein. Und überhaupt, Radwege sind Mangelware. Wenn Sie mal darauf achten, über welche Strecken es Radwege gibt, werden Sie feststellen, dass es nur traurig ist. Finden Sie nicht? fahren Sie die eventuell vorhanden mal ab. Unzumutbar! Äste mit einem Durchmesser von 40cm auf dem "Radweg", unangeleinte Hunde und taube ältere Herrschaften mit Nordic-Walking-Kampfstöcken und Regenschirmen als Mordwaffen sind keine Seltenheit.
Ein normaler, trainierter Radfahrer ohne Mercedes-Hintern fährt eben nun mal so gut wie nie 8km/h, schon gar nicht, um sich fremde Blumenbeete anzuschauen. Wenn Sie nicht schneller können, ist das ja OK. Doch nur weil andere eben doch können - drastischer: sie können nicht langsamer (das ist wie mit angezogener Handbremse fahren) - sind das noch längst keine "Pedalritter" oder "Radterroristen". Die wahren Terroristen sitzen bequemer, leben ungesünder und haben 4 Räder unter dem Hintern - Sie!
Weiter gehts: "In 47 Prozent der Fälle mit klarer Schuldfrage waren Radfahrer die Verursacher."
Schön für Sie! Und was ist mit den übrigen 53%? Doch nicht etwa Fußgänger und Autofahrer? Kleine Rechenaufgabe: 53%, das ist mehr als die Hälfte. Dann die Radfahrer zu den Sündenböcken zu machen, ist lustig.
Und dann haben Sie nicht erfasst, wie viele dieser 53% besagte Sonntagsfahrer und wie viele Vielfahrer sind. Fände ich aber mal interessant. Ich könnte Ihnen das Ergebnis sagen: Mindestens 70% der Unfälle verursachen Wenigfahrer, die ihr Rad überhaupt nicht unter der Kontrolle haben, und eben nicht die bösen Radterroristen.
Bevor ich mich in etwas reinsteigere, mach ich Schluss.
Vielleicht sollten die ganzen CO2-Pupser dieser Erde die Augen aufmachen. Vielleicht sollten sie erkennen, dass die Autofahrer ihrerseits mit stetig steigenden Unfallzahlen keinen Deut besser sind; dass der Umstieg auf Rad und öffentliche Verkehrsmittel nicht nur dem Klima gut tut; dass man mal hinterfragen sollte, was für humane Möglichkeiten und befahrbare Wege sich einem Radfahrer überhaupt bieten
Wer nachdenkt, schreibt nicht solche Artikel.
PassivMember (18.07.2008, 20:21 Uhr)
Bußgelder
"ständig steigende Bußgelder"
nicht nur Radfahrer müssen sich an Verkehrsregeln halten. Da bringt auch die "Empörung" über höhere Bußgelder nichts. Noch besseren Effekt hätte zusätzliche Erhöhung der Kontrolldichte.
RBrunnerHH (18.07.2008, 19:03 Uhr)
übrigens
das mit dem "King" hast Du gut erkannt, aber wie heisst es doch so schön: "ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn", oder "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", in diesem Sinne, schönes Wochenende...und immer fleissig strampeln...
RBrunnerHH (18.07.2008, 18:56 Uhr)
@bicycle
aber da helfe ich Dir doch gerne, alle die, die dem Bürger eine ständig steigende Abgabenlast im Zusammenhang mit dem schönsten und fortschrittlichsten Fortbewegungsmitztel auf diesem Planten verkaufen müssen, Ökosteuer II auf die Mineralölsteuer, wer war das? Der Bund, künstliche Parkraumverknappung mit anschließender Parkschein-Abzocke, wer war es? die Regierung der Kommunen, Parkraumabgabe für Hausbesitzer, wer war es?, die Kommunen, ständig steigende Bußgelder? Wer war es? Die Regierung... hast Du sonst noch Fragen mein Kleiner?
Fahrrad (18.07.2008, 18:30 Uhr)
Brunni
Du bist der King, aber auch da brauchen sie Sekretäre! Ehrlich gesagt brauch ich auch gar keine von dir gefälschte Statistik um zu sehen, dass Fahrradfahren die Zukunft ist. Ich frag mich allerdings wer beim BUND hinter den gefälschten Statistiken steckt? Ist es die gewaltige Fahrrad- oder Fußgängerlobby, der Ökoterrorismus, Amerika, das Judentum??? Hilf mir!
RBrunnerHH (18.07.2008, 18:21 Uhr)
Fahrrad
ich habe jahrelang für PWC und Anderson gearbeitet, diese renommierten Beratungsunternehmen haben Auftraggeber und dementsprechend werden die Zahlen frisiert (war und ist mein täglich brot, wenn auch heute nicht mehr in der Beratungsbranggsche), genauso verhält es sich mit allen staatlichen Statistiken, aber bitte, ich will Dir Deine Illusion von objektiven Informationen nicht nehmen.
Fahrrad (18.07.2008, 18:10 Uhr)
@Brunni
Wenn du Zahlen der Arbeit eines renommierten Beratungsunternehmens, Studien von Ministerien und Statistiken des Bundes und der Länder nicht traust wem oder was dann? Vielleicht der Bild? Woher nimmst du denn dein Wissen um politische und gesellschaftliche Probleme zu entzweien?
RBrunnerHH (18.07.2008, 17:09 Uhr)
@passiv
dann sollten Sie sich politisch engagieren, falls Sie das noch nicht tun. Vielleicht kommen Sie mit Ihrem Anliegen ja durch?
PassivMember (18.07.2008, 16:59 Uhr)
@RBrunnerHH
"würde es mich wirklich brennend interessieren was für "Köpfe" hinter einigen Kommentaren stecken."
mich übrigens auch. Wenn ich manche Kommentare hier so lese, tendiere ich stark zu obligatorischen psychologischen Tests vor Ausgabe eines Führerscheins.
RBrunnerHH (18.07.2008, 16:59 Uhr)
@Fahrrad
auf Basis Deiner Kommentare erkenne ich zumindest, womit Du Dich GARANTIERT nicht auskennst, mit Zahlen, Statistiken und deren Enstehung. Fahr schön nach Hause, aber sei keinem Auto im Weg!
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