14. Mai 2008, 11:06 Uhr

Die Raser sind immer die anderen

Über Bußgelder wird laut geklagt. Sich einfach an die Regeln zu halten, gilt als Zumutung. "Ich brauche mich nicht vom Staat bevormunden zu lassen", fasst Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss die Haltung des deutschen Kraftfahrers zusammen. Von Christoph M. Schwarzer

Verkehrssünder werden ab diesem Jahr deutlich härter bestraft©

Laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei! In Wilhelm Buschs "Max und Moritz" bezieht der Spitz mächtig Prügel für ein Vergehen, das er nicht begangen hat. Sein Klagen klingt wie das vieler Autofahrer, die angesichts des neuen Bußgeldkatalogs analog zu den Vorjahren ins Jammern und Grummeln verfallen. Der Unterschied zwischen Witwe Boltes Hund und dem Durchschnittsfahrer: Letzterer ist nicht unschuldig. Nicht, wenn er mit 140 durch die Baustelle fährt, Schnellfahrer zur Vollbremsung zwingt oder andere vorsätzlich gefährdet.

Selbsteinschätzung "verantwortungsvoll"

Es gibt Gründe, warum die Regeln im Straßenverkehr nicht eingehalten werden. Das erlebt der Hannoveraner Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss täglich in seiner Praxis. Natürlich gäbe es den vorsätzlichen Raser, der sich buchstäblich vermumme, um mit hoher Geschwindigkeit pünktlich zum Termin zu kommen. Das sei aber eine kleine Gruppe. "Die größte Gruppe ist die, die sich ihre Verkehrsregeln selber macht. Sie argumentiert vor sich selbst: Ich fahre verantwortungsvoll, ich sehe mir die Straße genau an, und wenn ich sehe, dass ich niemanden gefährde, fahre ich schneller, denn ich bin ein unabhängiger Mensch, trage das Risiko selbst und lasse mich nicht vom Staat bevormunden." Diese Gruppe sei zahlenmäßig unter den auffälligen Kraftfahrern sehr bedeutsam, so Voss.

"Gleiche Geschwindigkeit überall realisieren"

Ein Leser im stern.de-Forum empfindet das Echo vieler Fahrer auf den verschärften Bußgeldkatalog als Realsatire: "Schlimm ist nur, was die anderen machen, mein Fahrstil ist okay", fasst er die Kommentare von anderen bissig zusammen. Verkehrspsychologe Voss erlebt relativ oft die vielgescholtene Gruppe der Sturen: "Es gibt Fahrer, die mit einem eher langsamen Auto unter Ausnutzung aller Reserven eine vergleichsweise niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit überall realisieren und durchsetzen." Diese würden im Vergleich zum Gesamtverkehr dann entweder zu langsam oder zu schnell fahren, gerne befördert durch einen Tempomaten.

"Viele können zum Drängler werden"

Den Zahn zieht Voss allen, die glauben, man müsse nur den kleinen Prozentsatz der aktiven Lichthuper und Drängler aus dem Verkehr ziehen, um auf den Autobahnen den allgemeinen Frieden herzustellen. "Das ist nicht so, weil die Gruppe der Menschen, die in bestimmten seltenen Situationen zum aggressiven Fahrer mutieren können, sehr groß ist." Fast jeder kann also zum Nötiger werden, wenn er zum Beispiel auf der linken Spur ausgebremst wird, obwohl rechts alles frei ist. In dieser Situation, erklärt Voss, könne ein wechselseitiger Erziehungsmechanismus einsetzen, der aggressiv mache. Der schnelle Fahrer wolle den langsamen maßregeln und umgekehrt.

Frauen benehmen sich besser

Übrigens: Das Vorurteil, Frauen hätten mit den Männern gleichgezogen und würden inzwischen genau so heizen, kann der Hannover Verkehrspsychologe aus seiner Praxis nicht bestätigen: "Frauen fallen mit solchem Verhalten extrem selten auf. Offenbar denken sie stärker an die Folgen ihres Tuns und sind generell vorsichtiger." Allerdings, und hier wiederum bestätigt Voss alte Klischees, gäbe es tatsächlich die unsichere und ängstliche Frau, die wortwörtlich rücksichtslos von der Einfädelungsspur auf die Straße ziehe. Ebenso werde das Reißverschlussverfahren nicht immer beherrscht. "Ich würde es begrüßen, wenn die Fernsehsendung 'Der 7. Sinn' wieder eingeführt werden würde, um solche Sachverhalte zu erklären."

Bußgelder? Zu den anderen Rechnungen, bitte

Viel diskutiert wird auch die Frage, ob Bußgelder etwas nützen, ob sie nach dem Einkommen gestaffelt werden sollten oder ob in Wirklichkeit nur Fahrverbote ziehen. Hier weist Voss auf die Tatsache hin, dass erst ab 21 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit Punkte fällig werden und damit der Führerschein langfristig gefährdet wäre. "Wenn Bußgelder zu niedrig angesetzt sind, kommen sie einfach zu den anderen Rechnungen auf den Stapel."

Autofahren, alles doof? Nein. Zum Abschluss bestätigt Voss noch eine aktuelle Umfrage des stern, nach der sich Menschen in ihrem Auto sicherer als im objektiv viel weniger gefährlichen Zug fühlen. Das fahrende Wohnzimmer ist einfach Klasse. "Viele Menschen fühlen sich sofort beruhigt, sobald sie ins Auto steigen." Und das ist ja auch was.

Zur Person

Zur Person Dr. Karl-Friedrich Voss (58) ist Vorstandsmitglied im Bundesverband niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV) und praktiziert als amtlich anerkannter verkehrspsychologischer Berater in Hannover und Hann. Münden.

 
 
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Bußgelder Raser Strasse Straßenverkehr Vollbremsung Zumutung
KOMMENTARE (10 von 69)
 
Kauz01 (16.05.2008, 08:28 Uhr)
Lärmschutz
Musst du mal ausprobieren. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob ein Auto mit 130 oder mit 100 vorbeifährt, wenn du in 400m Entfernung von der Autobahn wohnst. Und dass ein LKW mit 80 lauter ist, als ein Auto mit 130 (oben genannte Entfernung vorausgesetzt) kann ich auch nicht bestätigen.
Grüße vom Kauz01
gejotka (15.05.2008, 23:59 Uhr)
Schön und gut, aber...
Einer der wenigen Artikel zum Thema, welcher die Sachverhalte halbwegs realistisch darstellen.
Allerdings wird, zumindest unterschwellig, davon ausgegangen, daß etwa Tempolimits stets durch die Verkehrssicherheit begründet sind, genau dies ist jedoch allzu häufig eine Unsinnige Annahme.
Schönes Beispiel die A2 in der Gegend Hannover/Braunschweig, in jede Fahrtrichtung 3 Spuren bei allenfalls in Stoßzeiten starkem Verkehr, aber immer Tempolimit 120.
Kaum einer hält sich daran, wen wundert's.
Auch sog. Lärmschutz begründete Tempolimits sind in der Regel komplett Nonsens, die Differenz der Lärmemission etwa zwischen Tempo 100 und 130 ist bei einem Pkw nicht signifikant und das Niveau gegenüber einem LKW mit Tempo 80, ist völlig zu vernachlässigen, die armen Anwohner haben also überhaupt nichts davon, da die lauten LKW's überhaupt nicht gebremst werden.
In Baustellenbereichen wird in manchen Landkreisen offensichtlich grundsätzlich und regelmäßig mit 60 ausgeschildert, während Anderorts in vergleichbaren Situationen stets 80 gilt.
Nicht begründbare Tempolimits konterkarieren den durchaus legitimen Anspruch daran, daß sich die Leute grundsätzlich an diese zu halten haben massiv, denn sie sind völlig willkürlich und schaden der Glaubwürdigkeit der verantwortlichen staatlichen Instanzen.
Die Nichtbefolgung ist faktisch ein quasi revolutionärer, basisdemokratischer Akt, aber Verfassungsrechtlich wohl ganz böse;-)
Klar, daß Partei-Apparatschiks, Bürokraten und "Oberlehrer" daran Anstoß nehmen, denn ihnen wird ans Bein gepinkelt (oft ganz ohne Sicherheitsrelevante Konsequenz), es zeugt aber von der kulturellen Reife der Bevölkerung, welche sich unsachliche und schikanöse Bevormundung nicht so einfach bieten lässt und sie einfach ignoriert.
Hätten an sich ja, zwischen '33 und '45 deutlich mehr gewünscht, aber da haben die Bürokraten und Apparatschiks, wie viele aus dem gemeinen Volk auch, versagt:-(
Die Anhebung der Bußgelder wird (leider) kein einziges Menschenleben retten, sondern ist pure Heuchelei, viel Wind um nichts.
Kauz01 (15.05.2008, 09:25 Uhr)
@manndernichtdaist
Naja. So genau weiß man das leider nie :-(
Schönen Gruß vom Kauz01
manndernichtdaist (15.05.2008, 09:23 Uhr)
@kauz01
doch natürlich! ;)
Kauz01 (15.05.2008, 09:01 Uhr)
@manndernichtdaist
War doch nicht ernst gemeint! Oder?
Gruß vom Kauz01
Kauz01 (15.05.2008, 08:57 Uhr)
@manndernichtdaist
ROFL
Der ist gut!!!
Gruß vom Kauz01
cpfaar (15.05.2008, 08:38 Uhr)
reine Abzocke
Also ich halte die Bußgelder als reine Abzocke. Ich habe es leider noch nicht erlebt das Radarkontrollen an Stellen durchgeführt werden wo es um gefährdete Bereiche geht, wie z.B. an Schulen, Kindergärten, Spielplätzen usw.!! Nein, die Blitzer stehen auf einer 3 spurigen Autobahn. Da kann man besser Kasse machen!!! Und jetzt zu den Dränglern und Heizern!!! Es gibt für diese Vögel nur eine gerechte Strafe: Man müßte sie per Gesetz zwingen, das sie auf bestimmte Zeit (2-5 Jahre) nur noch ein Auto mit geringer Leistung (50PS) fahren dürften. Dann ist Schluß mit Drängeln und Heizen!!!
Die Geldbußen bringen gar nichts...
manndernichtdaist (15.05.2008, 08:29 Uhr)
Rasen und Drängeln...
Wenn ich auf der Autobahn mit 200 km/h daherdonnere und so ein Kerl mit Tempo 130 ohne Blinker und ohne zu schauen rauszieht kann man nur scharf bremsen und hängt halt dann hinten dran. Logisch oder? Dass dann die Lichthupe kommt ist auch erlaubt (einmal betätigen). Und wenn er nicht bei rechter freier Spur rüberzieht sondern mich auch noch provoziert, wird er halt rechts überholt. Wo sind wir denn, wenn so eine lahme Ente glaubt nicht auf den Straßenverkehr achten zu müssen?
Wenn man zu blöd ist Geschwindigkeiten einzuschätzen (und da brauch ich nur 2mal kurz hintereinander in den Rückspiegel schauen) sollte gleich daheim bleiben.
Freie Fahrt den schnellen Autofahrern!!!
meriva (15.05.2008, 05:49 Uhr)
Bußgeld für Raser und Drängler noch viel zu gering.
Für den neuen Bußgeldkatalog hätte man sich für die Raser an der Höhe des Bußgeldes in Italien orientieren sollen. Was sind schon 250 € für gravierende Geschwindigkeitsüberschreitungen. Das Bußgeld sollte mehr wehtun!
sjm2000 (15.05.2008, 04:25 Uhr)
Ob nuetzlich, ist doch egal...
... Geld soll in die Taschen der Kommunen fliessen. Dafuer sorgen schon die Bussgeld-Sollvorgaben der Polizei.
Wenn die Polizei so scheinheilig beteuert dass die Radarmessung nicht Abzokke ist sondern vor einer Gefahrenstelle schuetzen soll, warum wird dann nicht wie in anderen Laendern auch vorher mit einem Schild darauf hingewiesen, dass hier einer Gefahrenstelle ist, die per Radar ueberwacht wird?
Auch koennte mann die Zahl der Draengler und Lichthuper reduzieren wenn man wie in zivilisierten Laendern ueblich auf Autobahnen das Fahren in Fahrspuren vorschreibt. Ob von Rechts nach Links oder umgekehrt gewechselt wird, der Wechsler muss aufpassen dass er niemanden behindert, der geradeaus Fahrenden darf Rechts oder Links and langsameren Fahrzeugen vorbeifahren. So kann jeder stressfrei seine Richtgeschwindigkeit fahren ohne staendig die Spur wechseln zu muessen oder andere zu behindern.
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