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23. Februar 2006, 10:02 Uhr

16 Tode für ein Leben

Menschlein gegen übermächtige Riesen - dieses uralte Motiv haben die Macher von "Shadow Of The Colossus" wiederentdeckt. Es ist das ergreifendste Videospiel seit langem.

Erst reiten, dann kämpfen ...

David gegen Goliath, Siegfried gegen den Drachen, Jerry gegen Tom, St. Pauli gegen Bayern München - der Kampf Klein gegen Groß ist so alt wie die Menschheit. Er wird in der Literatur ausgefochten, im Fernsehen, im Theater, und seit es Videospiele gibt, treten auch in diesem Medium Zwerge gegen Riesen an. Doch nie waren die Winzlinge so winzig und die Giganten so gigantisch wie bei "Shadow of the Colossus", einem neuen Videospiel für die Playstation 2 (Sony Computer Entertainment, ca. 60 Euro). Nie zuvor hat sich ein Spiel so konsequent auf dieses Thema konzentriert - und löst dabei im Spieler ein Gefühl aus, das dieses Medium kaum zuvor so rein hervorgebracht hat: Trauer. Trauer um den Besiegten, um den Gegner im Spiel. Trauer nach dem Sieg.

... Grafik und Handlung von "Shadow of the Colossus" nehmen den Spieler auf einzigartige Weise gefangen

Start in eine fantastische Reise

Am Anfang reitet ein namenloser Held auf einem schwarzen Pferd durch die karge Welt des Spiels, vor ihm auf dem Sattel liegt ein totes Mädchen. Seine Schwester? Seine Freundin? Der Spieler weiß es nicht, und es wird ihm auch nicht gesagt. Er reitet mit ihr in einen Tempel und ruft die Götter an. Sie sollen das Mädchen wiederholen vom Tod ins Leben, doch die Götter fordern als Tribut zuvor den Tod von sechzehn Kolossen, die in ihrem Land herumstreifen. Warum? Das sagt ihm niemand. Sechzehn Tode für ein Leben - das ist ein Handel, der dem Helden und dem Spieler keine Wahl lässt: Er muss es tun, für das Mädchen, nicht weil er den Kampf sucht. Er muss töten, obwohl ihm keiner der Kolosse etwas angetan hat.

Also reitet er los, sein Ziel vor Augen, das Mädchen im Kopf, das Schwert am Gürtel. Viele lange Minuten galoppiert der Junge durch die helle Steppe. Er gibt seinem Pferd die Sporen, und der Rhythmus der Hufe ist das einzige Geräusch in dieser Welt. Keine Musik im Hintergrund, wie man es so oft in Videospielen und Actionfilmen kennt - nur die Hufe und das Wiehern des Pferdes durchbrechen die Stille und selten dazu der Flügelschlag eines Vogels, der den Spieler ein Stück begleitet. Das Spiel ist still, bis der Koloss seinen Auftritt hat.

Bis der Koloss sich erhebt

Und der Junge mit dem winzigen Schwert zum ersten Mal erfährt, was das heißt: "Koloss". Es sind mehrere Berge hohe Wesen, die in Höhlen leben, im Wasser oder in der Luft, mit Fell oder gepanzert, selten hübsch oder gar sympathisch, doch immer auf den ersten Blick unbesiegbar, immer zu groß für den zitternden Kleinen. Als seien sie Abbilder seiner Ängste, und als würden sie noch größer werden durch seinen Blick. Die Erde zittert, die dunkle Luft ist voll Staub, doch gibt es kein Zurück: Die Angst muss fallen, dann der Koloss. Der Kampf beginnt - und das Medium offenbart seine Stärke: Denn so lebendig kann den Kampf zwischen Klein und Groß nur ein Videospiel inszenieren. Was hier geschieht, spielt nicht auf einer fernen Leinwand, da spult kein totes Zelluloid, der Koloss ist riesig und real, der winzige Junge und der wirkliche Spieler sind eine Person.

Ein Kampf in "Shadow of the Colossus" kann eine Stunde dauern. Denn zwar haben wie alles allzu Große auch die Kolosse eine Schwäche, eine ungeschützte Stelle - doch um die zu erreichen, muss der Junge erst einmal den Weg dahin finden, muss den Giganten zu fassen bekommen, muss an seinem warmen Fell langsam nach oben klettern, während unter ihm Land und Pferd immer kleiner werden. Der Riese windet sich, will ihn abschütteln, der Junge sucht Halt und klettert weiter. Dieser Aufstieg ist eine körperliche Erfahrung, der Spieler spürt die Nähe seines Gegners, als würde das Herz des Kolosses in seiner Hand pulsieren. Und immer wieder blickt der Junge dabei in die alten, weisen Augen der Kreatur, die er in seiner Ruhe gestört hat, sticht zu, und irgendwann ist es vorbei: Der Koloss bricht zusammen und verendet. Wo gerade noch Licht war in den Augen, ist nun Schwärze. Es herrscht wieder Stille, der Überlebende spürt Erleichterung, aber die Trauer nach dem Sieg hebt bereits an. Die Trauer des Videospielers um ein unschuldiges Wesen, das nichts wollte, als zu leben.

Hoher Schwierigkeitsgrad

"Shadow of the Colossus" ist ein schweres Videospiel, einige Kolosse sind kaum zu bezwingen. Man sieht dem Spiel an einigen Stellen an, dass seine Erschaffer mit den beschränkten Möglichkeiten der Playstation 2 zu kämpfen hatten - und nicht immer gewonnen haben. Aber es hat geschafft, was selten ein Spiel erreicht: ein jahrhundertealtes Motiv der Kunst- und Kulturgeschichte in ein neues Medium zu überführen. "Shadow of the Colossus" zeigt so den Kritikern von Videospielen, dass es Zeit wird, Spiele als Teil dieser Geschichte zu begreifen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 8/2006

"Shadow of the Colossus"
Hersteller/Vertrieb Sony Computer Entertainment
System Playstation 2
Genre Action-Adventure
Preis ca. 60 Euro
Altersfreigabe 12 Jahre
Sven Stillich
 
 
 
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