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Capcom-Entwicklungschef Jun Takeuchi: "Emotionen spielen eine große Rolle"

Als einer der kreativen Köpfe des japanischen Videospieleherstellers Capcom hat Jun Takeuchi erfolgreiche Serien wie "Resident Evil" oder "Onimusha" geschaffen. Im stern.de-Interview spricht er über Europa, seine Träume und den Konsolen-Wettstreit.

Herr Takeuchi, die Xbox 360 spielt in Japan keine große Rolle im Markt der Next-Generation-Konsolen. Warum haben Sie "Lost Planet" exklusiv für diese Plattform veröffentlicht?

Wir haben bereits sehr früh eine Entwicklungs-Hardware der Xbox 360 von Microsoft erhalten. Zu dieser Zeit gab es bei uns konkret noch keine Projekt-Planung für die nächste Generation. Wir haben uns die Leistungsfähigkeit der Maschine angeschaut, und die hat uns ebenso überzeugt wie der Veröffentlichungszeitpunkt der Konsole. Schließlich war die Xbox 360 die erste so genannten Next-Gen-Konsole auf dem Markt.

"Lost Planet" ist ein schneller, Action-lastiger Shooter. Dieses Genre ist nicht sonderlich populär im Land der aufgehenden Sonne. Japanern wird sogar schlecht beim Spielen solcher Games. Orientieren Sie sich also stärker an den westlichen Märkten?

Ja, Sie haben Recht. Dieses Genre ist alles andere als beliebt in Japan. Wir wollten von Anfang an ein Spiel entwickeln, welches global gesehen funktionieren wird. Also haben wir den Spielablauf stark an den Vorlieben des westlichen Marktes angepasst. Andererseits sind Kampfroboter, die in "Lost Planet" eine große Rolle spielen, extrem beliebt in Japan. Zudem haben wir den in Asien populären Schauspieler Lee Byung-Hun digitalisiert. Er ist der Protagonist des Abenteuers. Somit wollten wir auch das Interesse japanischer Spieler für das Spiel gewinnen.

Also richten Sie sich strategisch künftig stärker gen Westen aus?

Gerade Europa entwickelt sich als Markt sehr gut und ist somit für jede unserer Strategien extrem wichtig.

Was hat Sie bei der Entwicklung von "Lost Planet" inspiriert?

In jedem Fall der Film "Starship Troopers". Ich bin ein großer Fan des Streifens und verehre den niederländischen Regisseur Paul Verhoeven. Natürlich hat mich auch die Manga-Szene inspiriert und der japanische Kampfroboter-Designer Yokoyama.

Ich denke, dass es uns ganz gut gelungen ist, alle Einflüsse zu verknüpfen. Es gibt eine ganze Menge Shooter auf dem Markt. Aber wir haben dem Ganzen eine besondere, nämlich die japanische Note verliehen, die "Lost Planet" aus der Masse heraushebt. So konnten wir den Action-Anteil im Vergleich zu anderen Shootern mithilfe der Kampfroboter deutlich steigern.

Ihre Entwicklungsabteilungen arbeiten aktuell an Spielen für alle neuen Konsolen. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen mit der "Next Generation"?

Es gibt meiner Meinung nach viele Bereiche, in denen die Xbox 360 sehr stark ist. Ein Punkt ist die Direct-X-Schnittstelle, die es Programmierern sehr leicht macht, Spiele zu entwickeln. Hierdurch lassen sich auch Games ohne größeren Aufwand auf andere Plattformen umsetzen. Zudem ist Xbox Live ein extrem durchdachter Online-Service, der von Microsoft regelmäßig verbessert wird.

Aber auch die beiden anderen Plattformen haben ihre individuellen Stärken. Die innovative Eingabemöglichkeit der Wii-Konsole beispielsweise eröffnet auch Nichtspielern die Welt der interaktiven Unterhaltung. Und die Playstation 3 ist mitsamt der Blu-ray-Funktion eine absolute High-Tech-Maschine. Ich glaube, dass generell keine Konsole im Vergleich zu den anderen einen echten Nachteil hat. Jedes Unternehmen hat einen anderen Ansatz, um sich im Markt zu etablieren. Das ist gut für den Spieler.

Und was sind die guten Aspekte für Entwickler?

Aus Entwicklersicht gefällt mir die Leistungsfähigkeit der neuen Plattformen. Dank der zusätzlichen Hardware-Power ist es für uns leichter, Ideen für ein Spiel umzusetzen. Gerade die innovative Eingabemöglichkeit der Wii-Konsole ermöglicht es uns, ganz neue Wege bei der Gestaltung frischer Konzepte einzuschlagen. Was mir nicht gefällt ist die enorme Anstrengung, die aufgebracht werden muss, um Spiele für die neuen Systeme zu entwickeln. Bis die individuellen Spezifikationen der Konsolen ausgelotet sind, vergeht sehr viel Zeit. Das kostet Geld.

Wie wird sich das Spielen in Zukunft verändern?

Die Hersteller werden künftig die verschiedenen Märkte besser analysieren, und man wird deutlich mehr auf die Wünsche der Spieler eingehen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Ein aktuelles Beispiel: Die große Popularität des Nintendo DS in Europa hat die Spielewelt bereits verändert. Das Angebot für das Handheld geht deutlich mehr in die Breite als in die Tiefe. Für Gelegenheitsspieler gibt es mittlerweile einfache, aber spaßige Spielkonzepte. Diese Entwicklung werden die Hersteller gerade im portablen Bereich weiterverfolgen. Natürlich wird man im Bereich der stationären Plattformen weiter an der Grafikschraube drehen. Das spricht vor allem Hardcore-Spieler an.

Wenn Sie keinerlei Restriktionen in Bezug auf Budget oder Zeit hätten, wie würde ein von Ihnen entwickeltes Spiel aussehen?

Mir schweben einige Konzepte für ein neuartiges Spielerlebnis vor. Eines haben alle Ideen gemeinsam: In meinem Wunschtitel spielen menschliche Emotionen eine ganz große Rolle. Aber ich will an dieser Stelle nicht zu viele Worte darüber verlieren. Vielleicht erhalte ich ja irgendwann einmal die Chance, meinen Traum umzusetzen... (lacht)

Setzen Sie sich eigentlich noch zu Hause vor die Konsole?

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich nur noch sehr wenig Freizeit. Aber natürlich spiele ich auch abseits der Arbeit.

Und was spielen Sie dann am liebsten?

Gerade habe ich "Gears of War" auf der Xbox 360 durchgespielt. Ein ganz großer Spaß! Generell mag ich geradlinige Spiele am liebsten, etwa Rennspiele oder Luftkampf-Simulationen. Da kann man jederzeit einsteigen und Spaß haben. Allerdings fällt mein Lieblingsspiel nicht in diese Kategorie. Das Rollenspiel "Wizardry" hat mein Spielerleben geprägt. Alles fühlt sich so realistisch und intensiv an in dieser Welt. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich Spielern mit meinen Games einmal ein ähnliches Spielgefühl bereiten darf.

Welche Konsolen haben Sie zu Hause? Nutzen Sie auch den PC zum Spielen?

Ich besitze alle Konsolen. Was den PC angeht, so werde ich künftig sicher mehr Spiele auf dieser Plattform ausprobieren. Allerdings ist die Kiste zu Hause viel zu langsam, um aktuelle Titel zu spielen. Ich werde aber in Kürze aufrüsten! (lacht)

Interview: Udo Lewalter