Im Online-Rollenspiel "Eve Online" gibt es eine gewählte Volksvertretung. Sie soll helfen, das Game weiterzuentwickeln und Demokratie in einer virtuellen Welt auszuprobieren. Die Begegnung mit dem Spielerrat ist ein Lehrstück, wie Hobbys im 21. Jahrhundert aussehen können. Von Ralf Sander, Reykjavik

Showdown im Konferenzraum: Auf der rechten Seite sitzt der Spielerrat, links lauschen die Entwickler von CCP© Ralf Sander
Über das Schicksal des Universums wird in einem kleinen, stickigen Konferenzraum entschieden. Hier tagt der "Council of Stellar Management" (CSM), der "Rat für Sternenmanagement". Klingt gewaltig, klingt nach Lebensformen aus der ganzen Galaxis, die sich in gewaltigen Hallen treffen und in fremdartigen Sprachen diskutieren. Nach einer Art Uno-Sitzung im All.
Die Realität sieht so aus: Der Rat umfasst neun Mitglieder, allesamt Menschen. Diskutiert wird auf Englisch, der Konferenzraum befindet sich in Islands Hauptstadt Reykjavik, und das Universum, um das es hier geht, existiert nur virtuell. Der isländische Computerspiele-Entwickler CCP betreibt von hier aus das Science-Fiction-Multiplayergame "Eve Online". Der Rat für Sternenmanagement besteht aus von "Eve"-Spielern gewählten Abgeordneten. Auf der anderen Seite des Tisches hat eine Delegation der Firma Platz genommen. Verhandlungsgegenstand: die Zukunft.
Mit mehr als 230.000 zahlenden Spielern gehört das Sci-Fi-Universum zu den kleineren Online-Rollenspielen und ist neben dem Genre-Giganten "World of Warcraft" mit seinen zehn Millionen registrierten Spielern ein Zwerg. Doch während man beim Marktführer im Team oder alleine Horden von Monstern jagt, um seine Spielfigur weiterzuentwickeln, hat der "Eve"-Spieler ein breites Spektrum an Möglichkeiten: Handel treiben, Erze auf Asteroiden abbauen, mit dem Raumschiff fliegen, Unternehmen gründen, Dienstleistungen anbieten, andere Spieler überfallen. Oder alles gleichzeitig. Doch niemand muss sämtliche Möglichkeiten nutzen. Jeder Spieler setzt sich selbst seine Ziele.
CCP liefert die Spielumgebung mit Planeten, Raumstationen und Fluggeräten sowie ein realistisch-komplexes Wirtschaftssystem. Eine Mischung aus "Monopoly", "Risiko" und "Krieg der Sterne". Die Freiheit, die diese virtuelle Welt ihren Einwohnern bietet, ist groß genug, dass sich in ihr komplizierte und wechselnde Machtverhältnisse entwickelt haben. Von ökonomisch orientierten Spielern gegründete Korporationen beeinflussen Handel und Wirtschaftswelt, während kriegerische Allianzen um Macht kämpfen und versuchen, große Teile des virtuellen Weltraums zu kontrollieren.

Noah Ward ist der oberste Spieldesigner von "Eve Online"© CCP
"Die Spieler gestalten die Welt", sagt Noah Ward. Der Amerikaner aus Seattle war früher selbst "Eve"-Spieler und hat sich über ein Praktikum bei CCP zum Lead Game Designer hochgearbeitet. Er entscheidet, wie das Spiel funktioniert, wie es sich anfühlt, wie es bedient wird. Doch Wards Einfluss auf den Inhalt des "Eve"-Universums ist begrenzt. Die Einwohner von Eve Online sind es, die durch die Art und Weise, wie sie spielen, eine virtuelle Gesellschaft formen und im Rahmen der Möglichkeiten Politik betreiben. "Deshalb", so Ward, "ist Demokratie der logische nächste Schritt. 'Eve' ist viel mehr als ein einfaches Spiel, viel komplexer. Wir wollen virtuelle Gesellschaften voranbringen, auf den nächsten Level hieven." Obwohl der gewählte Rat keine formale Macht hat und die Entwickler zu nichts zwingen kann, sei er ein erster Versuch, demokratische Elemente in die Spielewelt einzubringen.
Einer der Vertreter des virtuellen Volks ist Sean Conover. Er ist der Boss von "Goonswarm". Diese Allianz ist berüchtigt für derbes Auftreten und einen aggressiven Expansionskurs. Goonswarm kontrolliert einen großen Teil des "Eve"-Universums und befindet sich ständig im Krieg. Conover, der im Konferenzraum mit am Tisch sitzt, gibt zu: "Wir sind die größte Allianz überhaupt. Viele mögen unsere Art nicht, das Spiel zu spielen. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere Interessen im Rat vertreten." Der 30-jährige Computeranalytiker aus New Jersey führt mehr als 5000 Spieler an und hat sich mit deren Unterstützung in den Rat wählen lassen. "Eine Allianz dieser Größe - das ist, als ob man eine Firma leitet", sagt der Amerikaner mit ernster Miene. "Wir müssen Einsätze planen, unser Gebiet sichern, Spionage bei den Gegnern betreiben und uns vor feindlichen Lauschangriffen schützen", erzählt er. Daher unterhält seine Gruppierung, wie andere große Allianzen auch, eigene abgeschlossene Foren im Internet. Und wenn es zu Kampfhandlungen kommt, kriegen Allianzmitglieder auch schon einmal eine "Zu den Waffen"-Nachricht per Mail, SMS oder Instant Messenger, auf dass sie in der realen Welt alles stehen und liegen lassen, sich ins Spiel einloggen und dorthin fliegen, wo sie gebraucht werden. Mit dem Raumschiff, im virtuellen Weltall.

Sean Conover führt mehr als 5000 Spieler an© Ralf Sander
Sieben der neun Ratsmitglieder sind männlich, zwei weiblich (wobei drei der Männer weibliche Charaktere spielen). Der jüngste Spielervertreter ist 17 Jahre alt, die älteste Teilnehmerin 52. Jeweils drei CSM-Vertreter kommen aus Großbritannien und den Niederlanden, zwei aus den USA, einer aus Dänemark. Für Enthusiasten wie diese verschwimmen Länderunterschiede ebenso wie die Grenze zwischen virtueller und realer Welt. So sehen Hobbys im 21. Jahrhundert aus. Merkwürdig? Nur auf den ersten Blick. Freizeitgestaltung differenziert sich.
Stichwort: "Eve Online" "Eve Online" ist ein Massively Multiplayer Online Role-Playing Game (MMORPG; übersetzt: Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel), das in einem Science-Fiction-Setting angesiedelt ist. Hauptelemente des Spiels sind Handel und Kampf im Weltall. Rund 230.000 aktive Spieler gibt es, die einen Monatsbeitrag von 15 Euro bezahlen. "Eve Online" unterscheidet sich durch eine Besonderheit von vielen anderen MMORPG wie zum Beispiel "World of Warcraft": Die Spieler sind nicht auf verschiedene Spieleserver verteilt, sondern spielen alle gleichzeitig in derselben Galaxie, welche sich aus mehr als 5000 Sonnensystemen zusammensetzt. Aus diesem Grund hält "Eve Online" einen Weltrekord für die meisten Aktiven, die sich gleichzeitig in einer Online-Spielewelt aufhalten: 42.711 (am 9. März 2008).