Anti-Kindle, made in Germany

14. März 2013, 11:48 Uhr

Um Amazons Vormacht bei E-Book-Lesegeräten etwas entgegenzusetzen, haben mehrere deutsche Buchhandelsketten gemeinsam einen E-Reader gebaut. Das Ergebnis heißt Tolino Shine. Wir haben es getestet. Von Christoph Fröhlich

Tolino Shine, Kindle Paperwhite, E-Book, E-Reader

Der Tolino Shine - Kindle-Konkurrent aus deutscher Produktion©

Das Geschäft mit digitalen Büchern boomt: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 12,3 Millionen E-Books verkauft, zweieinhalb Mal mehr als im Jahr 2011 (4,9 Millionen). Elf Prozent der Deutschen lesen bereits die elektronischen Bücher, will der IT-Branchenverband Bitkom herausgefunden haben. Das wären mehr als acht Millionen Leser. Einen großen Anteil an der enormen Wachstumsrate dürften Amazons Kindle-Geräte haben. Der Onlinehändler vermeldete bereits im Februar letzten Jahres, dass er mehr digitale als gedruckte Bücher verkaufte. Der Kindle Fire HD ist laut Amazon das meistverkaufte Produkt der Plattform.

Um Amazon das Feld nicht kampflos zu überlassen, wagt eine Allianz der größten deutschen Buchhändler nun den Angriff: Club Bertelsmann, Weltbild samt Hugendubel und Thalia haben sich mit der Telekom verbündet, um mit dem Tolino Shine den Platzhirsch Amazon herauszufordern. Doch ist das 99-Euro-Lesegerät der angekündigte Kindle-Killer? stern.de hat das Gerät getestet.

Leuchtender E-Book-Reader

Mit 183 Gramm liegt der Tolino Shine angenehm in der Hand und ist damit nicht nur leichter als die meisten Bücher, sondern wiegt auch weniger als Amazons Kindle Paperwhite (213 Gramm). Die abgerundeten Ecken wirken edel, eine speziell beschichtete Rückseite sorgt für guten Halt. Ebenfalls hervorragend ist die Bildqualität des sechs Zoll großen E-Ink-Displays: Es hat einen hohen Kontrast und ist auch bei direkter Sonneneinstrahlung gut lesbar. Die Auflösung beträgt 1024 mal 758 Pixel und ist damit auf dem Niveau des Kobo Glo oder des Kindle Paperwhite. Dank einer integrierten Beleuchtung kann man auch ohne externe Lichtquellen im Dunkeln lesen. Das Licht lässt sich über eine Taste am Gerät direkt ein- oder ausschalten.

Gespart wurde bei der Touchscreen-Technik des Tolino Shine: Bedient wird das Lesegerät über einen Infrarot-Bildschirm, der zwar recht flott auf Eingaben reagiert, im Vergleich zum Kindle Paperwhite mit seinem kapazitiven Touchscreen aber deutlich langsamer wirkt. Dennoch: Das Tippen auf der virtuellen Tastatur wird ohne große Verzögerung umgesetzt, auch das Umblättern per Fingerwisch funktioniert tadellos. Über einen zentralen Home-Button unter dem Bildschirm kommt man mit einem Tastendruck direkt ins Hauptmenü.

Der interne Speicherplatz des Geräts umfasst vier Gigabyte, wovon knapp zwei für Medieninhalte verwendet werden können. Das allein reicht für knapp 2000 Bücher, auf Wunsch lässt sich der Speicher aber per MicroSD-Karte um bis zu 32 Gigabyte erweitern. Beim Kindle Paperwhite sucht man einen solchen Steckplatz vergebens.

Liest fast alles

Tolino muss nach dem ersten Start online registriert werden, bevor man auf Shoppingtour gehen darf. Welcher Buchladen vorinstalliert ist, hängt davon ab, bei welchem Anbieter das Gerät gekauft wurde. Der Thalia-Shop beispielsweise ist direkt mit einem Link auf dem Startbildschirm verknüpft und sehr übersichtlich aufgebaut. Auch die Bezahlmöglichkeiten variieren: Einige bieten nur das Bezahlen mit Kreditkarte oder Vorkasse an, bei Hugendubel und Weltbild kann man dagegen auch mit Bankeinzug oder dem Online-Bezahldienst Paypal seine Rechnung begleichen.

Ein großer Vorteil des Tolino ist die Vielfalt an unterstützten Formaten. PDFs werden ebenso gelesen wie das Standardformat ePub. Auch E-Books mit dem Adobe-Kopierschutz DRM können gelesen werden, sofern man mit demselben Adobe-Konto auf dem Lesegerät angemeldet ist, mit dem das Buch gekauft wurde. So können auch Bücher der digitalen Leihbücherei Onleihe gelesen werden.

Bei den Funktionen muss der Tolino zurückstecken. So kann man zwar Lesezeichen anlegen, aber weder Textstellen markieren, noch Wörter erklären lassen. Das Kommentieren von Texten fällt so deutlich schwerer als bei der Konkurrenz, bei der solche Zusatzfunktionen längst zur Grundausstattung gehören. Weiteres Mankos: Bücher können nicht im Querformat gelesen, und die Bibliothek kann nicht mit Ordnern strukturiert werden.

Fazit

Der Tolino Shine überzeugt mit einem tollen Display, einer guten Handhabung und einem vergleichsweise geringen Preis von 99 Euro. Zudem ist das Gerät in vielen Buchläden erhältlich und unterstützt viele E-Book-Formate. Wer nur Bücher lesen möchte, ist mit dem Tolino Shine gut bedient. Legt man allerdings Wert auf zusätzliche Funktionen wie Textmarkierung und Notizen, sollte man besser zur etwas teureren Konkurrenz greifen.

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