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7. Juli 2011, 17:57 Uhr

Warum Google+ nicht scheitern darf

Mehr als ein Jahrzehnt beherrschte Google das Internet. Doch den Start der sozialen Netzwerke hat der Suchmaschinen-Riese verschlafen. Facebook wird mehr und mehr zur Bedrohung. Ist Google+ die Rettung? Von Christoph Fröhlich

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Facebook übt massiven Druck auf Google aus© stern.de

Google liebt Informationen. Das Unternehmen sammelt sie, wertet sie aus und sortiert sie. Das Erfolgsgeheimnis ist ein ausgeklügelter Such-Algorithmus. Doch nach 13 Jahren Netzherrschaft scheint der nicht mehr zu reichen: Mit dem sozialen Netzwerk Google+ betritt der Suchmaschinen-Riese ungewohntes Neuland. Hier geht es erstmals um die Menschen hinter den Daten, um das soziale Miteinander, um Vertrauen. Es ist das blanke Gegenteil von Mathematik, doch Google hat keine andere Wahl: Der Kampf um Marktanteile ist längst zum Kampf um die Nutzer geworden. Scheitert Google+, scheitert womöglich die ganze Firma.

475.000 Jahre auf Facebook

Wie ernst es um Google steht, zeigt das Marktforschungs-Unternehmen Comscore. Zwar knackte Google im Mai als erstes Unternehmen die magische Grenze von einer Milliarde Nutzern im Monat. Allerdings ist Facebook mit 714 Millionen monatlichen Besuchern dicht auf den Fersen. Denn während Google nur einen Zuwachs von 8,4 Prozent innerhalb eines Jahres verzeichnet, schafft Facebook 30 Prozent. Geht es so weiter, zieht Facebook bald an Google vorbei.

In einem Punkt ist Facebook dies längst gelungen: Nirgendwo verbrachten die Leute mehr Zeit als im sozialen Netzwerk von Mark Zuckerberg. 250 Milliarden Minuten lang tauschten sich laut Comscore die Nutzer im Mai auf Facebook aus, das sind rund 475.000 Jahre. Google schaffte mit all seinen Diensten wie Youtube, seinem E-Mail-Dienst oder der Suchmaschine nur 200 Milliarden Minuten (380.000 Jahre). Die gewaltigen Zahlen lassen erkennen: Google muss sich dringend verändern. Deshalb setzt das Unternehmen jetzt große Hoffnungen in Google+.

Codename Smaragdmeer

Google hat bereits mehrere Versuche unternommen, in die sozialen Netzwerke einzusteigen: Im Januar 2004 startete das Projekt Orkut, einen Monat vor Facebook. Doch Orkut ist nur in Brasilien erfolgreich, insgesamt ist das Produkt nur eine Fußnote im Portfolio des Unternehmens. 2009 kam mit Google Wave der nächste Versuch, es war eine Mischung aus E-Mail, Chat und Fotoportal. Doch das Projekt überforderte viele Nutzer und wurde 2010 abgeschaltet. Ein ähnliches Schicksal erleidete der im gleichen Jahr gestartete Dienst Google Buzz.

Doch Google wollte das Feld nicht kampflos verlassen. Im Mai 2010 begann Vic Gundotra, Leiter von Googles sozialem Netzwerk, mit dem Projekt "Emerald Sea", dem "Smaragdmeer". Es war benannt nach einem Gemälde des deutschen Malers Albert Bierstadt und zeigt ein gekentertes Boot, dass von einer smaragdfarbenen Welle verschlungen wird. "Wir brauchten einen Codenamen, der unserer Situation entspricht", sagte Gundotra vergangenen August dem US-Magazin "Wired". "Entweder erreichen wir einen neuen Horizont, oder wir werden von der Welle erfasst und gehen unter."

Mehr als 30 Teams basteln an der Plattform, die immer wieder verändert wird. "Wir verwandeln Google in eine soziale Plattform, deren Ausmaß wir nie geahnt hätten", sagt Gundotra. "Sowohl die Höhe der Investitionen, als auch die Zahl der Mitarbeiter ist größer als bei jedem Projekt zuvor."

Facebook ist abhörsicher

Auch Amit Singhal, ein hochrangiger Ingenieur bei Google, ist ein Verfechter von Google+. Er glaubt, dass das soziale Netzwerk für Google genauso wichtig werden könnte wie die Suchmaschine. In "Wired" wagte er die Prognose, dass das Internet den Alltag der Menschen und ihre sozialen Interaktionen noch weiter prägen wird. Er sieht Facebook in diesem Sektor nicht nur weiter vorne als Google, sondern bereits im Zentrum eines "parallelen Internets". Momentan beherrscht Google den Großteil des Webs. Es kennt fast alle Bilder, Orte und Seiten. Das ist Googles Kapital, denn die Nutzer wollen möglichst gute Suchergebnisse in kurzer Zeit. Was Google jedoch nicht kennt, sind die Bilder und Statusnachrichten der Facebook-Profile. Zuckerberg hält seine Informationen unter Verschluss, Google bleibt blind.

Damit rauschen jeden Tag mehr als vier Milliarden Nachrichten an Google vorbei, die sich die 750 Millionen Facebook-Mitglieder zuschicken. 750 Millionen, das sind mehr Menschen als in Europa leben. Google kann es sich nicht leisten, auf diese Informationsmengen zu verzichten. Google+ soll die riesigen Wissenslücken stopfen. Es soll mit einem innovativen Design, neuen Funktionen und einer besseren Übersicht locken.

Wettrüsten der Giganten

Google gelingt zumindest ein guter Start: Der Ansturm auf Google+ ist riesig, die Server mussten bereits mehrere Male geschlossen werden. Einladungen für das soziale Netzwerk werden bei Ebay verkauft, Hunderte betteln in Twitter um Einlass. Womöglich ist es nur der Reiz des Neuen, vielleicht ist das Gras auf der anderen Seite grüner als in Facebook. Doch Zuckerberg will es die Leute gar nicht erst herausfinden lassen: Gerade hat sein Unternehmen einen Video- und einen Gruppen-Chat im überarbeiteten Design vorgestellt. Weitere Neuerungen sollen demnächst folgen. Es ist kein Zufall, dass Facebook mit den beiden neuen Chat-Optionen zwei Haupt-Features von Google+ aushebelt. Sollte jetzt auch noch das unübersichtliche Design in Angriff genommen werden, wird es eng für Google+. Facebook hat die Nutzer bereits, es muss nur reagieren. Google hingegen braucht wirkliche Innovationen, um die Leute zum Wechsel zu animieren.

Gerüchten zufolge soll Google+ ab Ende Juli für alle offen stehen. Dann wird sich zeigen, ob beide Netzwerke nebeneinander existieren können oder ob eines endgültig von der Bildfläche verschwindet. Momentan ist Mark Zuckerberg noch siegessicher, selbst bei Google+ hat er mehr Freunde als die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Doch wie schnell der Absturz kommen kann, dürfte er am besten wissen: Als Zuckerberg im Jahr 2004 Facebook gründete, versetzte er dem damaligen Netz-König Myspace den Todesstoß.

Von Christoph Fröhlich
 
 
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