Die Chinesen verhindern den freien Zugang zum Internet! Stimmt. Aber nicht nur sie. Die Volksrepublik befindet sich in unguter Gesellschaft. stern.de stellt einige "Internet-Schurkenstaaten" vor: Wo wird wie warum zensiert? Und was sagt eigentlich Google zu seiner China-Zensur? Von Markus Wanzeck

Der inzwischen inhaftierte vietnamesische Blogger Dieu Cay (M.) bei einer Demo gegen Chinas Tibet-Politik© Reporter ohne Grenzen
"China", erklärt Verena Harpe, Asienreferentin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, "China hat mit Abstand das ausgefeilteste System von Internetzensur weltweit". Das mag stimmen, und daraus wurde spätestens Allgemeinwissen, seit die Scheinwerfer der weltweiten Olympia-Berichterstattung angeknipst sind. Doch auch in vielen anderen Ländern wird überwacht und zensiert - und verhaftet.
Die Forschergruppe "OpenNet Initiative", ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Toronto, Cambridge, Harvard und Oxford, hat die Informationsfreiheit im Internet in 40 Ländern unter die Lupe genommen. "Internetzensur und -Überwachung", so das Ergebnis, "sind weltweit auf dem Vormarsch".
Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) unterhält eine Datenbank mit "Internetfeinden", in der derzeit neben China 14 weitere "Schurkenstaaten" gelistet sind. Diese Länder verwehrten ihren Bürgern nachweislich Zugang zu politischen Informationen und behinderten freie Internetkommunikation, erklärt die Pariser ROG-Internetexpertin Clothilde Le Coz. Manche Staaten, wie Nordkorea, hielten ihre Bürger fast vollständig vom Internet fern: "Dort ist das Internet im Grunde ein Intranet" für wenige Auserwählte. Andere versuchten mit ähnlichen Mitteln wie in China - geblockten Internetseiten, zensierten Suchmaschinen, Einschüchterung und Verhaftungen - der unkontrollierbaren Informationsflut Herr und Gebieter zu werden.
Le Coz nannte gegenüber stern.de fünf Länder, die sich in jüngerer Vergangenheit neben China besonders negativ hervorgetan haben:
Im Juli haben acht EU-Abgeordnete der Grünen, der Liberalen, der Sozialisten und der Konservativen gemeinsam einen Vorstoß gegen die weltweite Internetzensur gewagt. Sie stellten einen Entwurf für ein "Europäisches Gesetz für die Informationsfreiheit im Internet" vor, das unter anderem Wirtschaftssanktionen gegenüber Staaten mit Netzzensur vorsieht. Außerdem soll europäischen Internetfirmen untersagt werden, die persönlichen Daten ihrer Nutzer auf Servern zu lagern, die in diesen Staaten stehen. So wollen die acht Abgeordneten Fälle wie den Yahoo-Skandal in China verhindern. Dort waren Dissidenten verhaftet worden, nachdem der Internetkonzern ihre Nutzerdaten an die chinesische Polizei weitergegeben hatte - Yahoo argumentierte, man habe die Daten aufgrund lokaler chinesischer Gesetze herausgeben müssen.

Weltkarte der Internetfeinde© Reporter ohne Grenzen
Google, wegen der Zensur seiner chinesischen Suchmaschine google.cn ebenfalls der Kritik von Menschenrechtlern ausgesetzt, lagere aus diesem Grund bereits heute keine persönlichen Nutzerdaten auf chinesischem Boden, erklärte Google-Sprecher Stefan Keuchel im Gespräch mit stern.de. "Personalisierte Dienste wie E-Mail und Blog bieten wir in China erst gar nicht an." Unterdessen verteidigte Keuchel das Filtern von Suchergebnissen. Immerhin erfahre der Nutzer bei Google, anders als bei anderen Suchmaschinen, wenigstens, dass überhaupt eine Zensur stattfindet. Außerdem, so Keuchel: "Nicht Google zensiert, sondern China." Das Unternehmen halte sich lediglich - wie in Deutschland auch, wo Seiten mit Kinderpornographie oder Nazipropaganda herausgefiltert werden - an geltendes Landesrecht.
Andere Länder, anderes Sittlichkeitsempfinden? Für ROG-Expertin Le Coz ist das etwas zu viel des Kulturrelativismus: "Es macht doch einen Unterschied, ob man Pornographisches oder politische Informationen filtert." Die chinesische Internetzensur sei nun einmal höchst problematisch. "Und Google macht sich zu einem Komplizen."
Lesehinweise Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat eine englischsprachige Anleitung für Blogger erstellt, wie sie Zensur- und Überwachungsmaßnahmen aus dem Weg gehen können: "Handbook for Bloggers and Cyber-Dissidents" (als PDF), Reporter ohne Grenzen, März 2008.
Ronald Deibert, Professor an der Universität Toronto und Mitbegründer der Anti-Zensur-Initiative "OpenNet, hat ebenfalls ein englischsprachiges Handbuch zu diesem Thema herausgegeben: "Everyone's Guide to By-Passing Internet Censorship for Citizens Worldwide" (als PDF), University of Toronto, September 2007.