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14. August 2008, 17:31 Uhr

Wo das World Wide Web zensiert wird

Die Chinesen verhindern den freien Zugang zum Internet! Stimmt. Aber nicht nur sie. Die Volksrepublik befindet sich in unguter Gesellschaft. stern.de stellt einige "Internet-Schurkenstaaten" vor: Wo wird wie warum zensiert? Und was sagt eigentlich Google zu seiner China-Zensur? Von Markus Wanzeck

Der inzwischen inhaftierte vietnamesische Blogger Dieu Cay (M.) bei einer Demo gegen Chinas Tibet-Politik© Reporter ohne Grenzen

"China", erklärt Verena Harpe, Asienreferentin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, "China hat mit Abstand das ausgefeilteste System von Internetzensur weltweit". Das mag stimmen, und daraus wurde spätestens Allgemeinwissen, seit die Scheinwerfer der weltweiten Olympia-Berichterstattung angeknipst sind. Doch auch in vielen anderen Ländern wird überwacht und zensiert - und verhaftet.

"Internetzensur ist weltweit auf dem Vormarsch"

Die Forschergruppe "OpenNet Initiative", ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Toronto, Cambridge, Harvard und Oxford, hat die Informationsfreiheit im Internet in 40 Ländern unter die Lupe genommen. "Internetzensur und -Überwachung", so das Ergebnis, "sind weltweit auf dem Vormarsch".

Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) unterhält eine Datenbank mit "Internetfeinden", in der derzeit neben China 14 weitere "Schurkenstaaten" gelistet sind. Diese Länder verwehrten ihren Bürgern nachweislich Zugang zu politischen Informationen und behinderten freie Internetkommunikation, erklärt die Pariser ROG-Internetexpertin Clothilde Le Coz. Manche Staaten, wie Nordkorea, hielten ihre Bürger fast vollständig vom Internet fern: "Dort ist das Internet im Grunde ein Intranet" für wenige Auserwählte. Andere versuchten mit ähnlichen Mitteln wie in China - geblockten Internetseiten, zensierten Suchmaschinen, Einschüchterung und Verhaftungen - der unkontrollierbaren Informationsflut Herr und Gebieter zu werden.

So zensiert die Welt das World Wide Web

Le Coz nannte gegenüber stern.de fünf Länder, die sich in jüngerer Vergangenheit neben China besonders negativ hervorgetan haben:

  • Iran: Anders als in China gibt es im Iran kein landesweit einheitliches Zensursystem. Die verschiedenen Internetprovider kümmern sich eigenständig mithilfe von Filtersoftware um die Umsetzung der staatlichen Zensurvorgaben. Zu den unerwünschten Internetinhalten gehören jegliche islamkritische, antiiranische und "unmoralische" - insbesondere pornografische oder feministische - Veröffentlichungen. Im vergangenen Jahr waren mehr als zehn iranische Blogger zeitweise inhaftiert - einer von ihnen deshalb, weil er sich über die Wachhunde von Präsident Mahmud Ahmadinedschad lustig gemacht hatte.
  • Saudi-Arabien: Eine regierungsnahe Kommission überwacht die Internetanbieter, ob sie die Bürger hinreichend vor "unmoralischen Inhalten" - Terrorismus, Betrug, Pornografie, Beleidigung - sowie der Verletzung religiöser Gefühle "schützen". Etwa 400.000 Internetseiten sind der Zensur zum Opfer gefallen, über 90 Prozent der Seiten mit pornografischem Inhalt nicht erreichbar. Während China seine Zensur dem Internetnutzer gegenüber oft als "technisches Problem" ausgibt, spielt Saudi-Arabien mit offenen Karten. Die "moralische" Zensur betrifft dabei bisweilen auch Websites oppositioneller politischer Gruppierungen oder religiöser Minderheiten.
  • Syrien: Internetüberwachung und -zensur erstrecken sich in Syrien insbesondere auf politische und religiöse Inhalte, aber auch Angebote wie Hotmail, Facebook, YouTube oder Blogspot waren und sind davon betroffen. Der größte Internetanbieter Syriens, die staatliche "Syrian Computer Society", überwacht den E-Mail-Verkehr und filtert ihn auf missliebige Inhalte. Seit 2007 dürfen Internetseiten und Blogeinträge nur noch unter Angabe von vollständigem Namen und E-Mail-Adresse veröffentlicht werden. Derzeit sind in Syrien fünf "Cyber-Dissidenten" inhaftiert. Einer von ihnen, der 61-jährige Habib Saleh, wurde vergangene Woche in Damaskus der "Schwächung des Nationalgefühls" und der "Präsidentenbeleidigung" angeklagt.
  • Vietnam: In Artikel 33 der vietnamesischen Verfassung von 1992 heißt es: "Der Staat hat im Kultur- und Nachrichtenbereich die Aktivitäten zu unterbinden, welche das nationale Interesse beeinträchtigen und die moralischen Werte sowie die Lebensführung des vietnamesischen Volkes zugrunde richten." Die Praxis sieht so aus, dass Internetinhalte unabhängiger und ausländischer Medien von Menschenrechtsaktivisten oder der politischen Opposition geblockt werden. Seit 2006 gibt es in Vietnam eine Vorratsdatenspeicherung: Alle Internetanbieter - an denen der Staat jeweils beteiligt ist - müssen seitdem die Daten ihrer Nutzer für ein Jahr aufbewahren. Acht Blogger sind derzeit inhaftiert. "Das Land geht genau denselben Weg, den China eingeschlagen hat", sagt Clothilde Le Coz von ROG.
  • Weißrussland: Das östliche Nachbarland Polens tut sich laut ROG als einer der restriktivsten Nachfolgestaaten der Sowjetunion hervor, was den Informationsfluss im Internet angeht. Immer wieder verschwinden Webseiten der politischen Opposition vorübergehend aus dem Netz - etwa während des Präsidentschaftswahlkampfes oder heikler Großdemonstrationen. Alle Internetprovider des Landes sind auf die Kooperation der staatlichen Beltelecom angewiesen. Präsident Alexander Lukaschenko, seit 1994 im Amt, hat angekündigt, noch schärfer gegen die "Anarchie des Internets" vorgehen zu wollen. Ein entsprechendes Gesetz wurde vor sieben Wochen vom weißrussischen Parlament auf den Weg gebracht.

Gegenbewegung in Europa

Im Juli haben acht EU-Abgeordnete der Grünen, der Liberalen, der Sozialisten und der Konservativen gemeinsam einen Vorstoß gegen die weltweite Internetzensur gewagt. Sie stellten einen Entwurf für ein "Europäisches Gesetz für die Informationsfreiheit im Internet" vor, das unter anderem Wirtschaftssanktionen gegenüber Staaten mit Netzzensur vorsieht. Außerdem soll europäischen Internetfirmen untersagt werden, die persönlichen Daten ihrer Nutzer auf Servern zu lagern, die in diesen Staaten stehen. So wollen die acht Abgeordneten Fälle wie den Yahoo-Skandal in China verhindern. Dort waren Dissidenten verhaftet worden, nachdem der Internetkonzern ihre Nutzerdaten an die chinesische Polizei weitergegeben hatte - Yahoo argumentierte, man habe die Daten aufgrund lokaler chinesischer Gesetze herausgeben müssen.

Weltkarte der Internetfeinde© Reporter ohne Grenzen

Andere Länder, anderes Sittlichkeitsempfinden?

Google, wegen der Zensur seiner chinesischen Suchmaschine google.cn ebenfalls der Kritik von Menschenrechtlern ausgesetzt, lagere aus diesem Grund bereits heute keine persönlichen Nutzerdaten auf chinesischem Boden, erklärte Google-Sprecher Stefan Keuchel im Gespräch mit stern.de. "Personalisierte Dienste wie E-Mail und Blog bieten wir in China erst gar nicht an." Unterdessen verteidigte Keuchel das Filtern von Suchergebnissen. Immerhin erfahre der Nutzer bei Google, anders als bei anderen Suchmaschinen, wenigstens, dass überhaupt eine Zensur stattfindet. Außerdem, so Keuchel: "Nicht Google zensiert, sondern China." Das Unternehmen halte sich lediglich - wie in Deutschland auch, wo Seiten mit Kinderpornographie oder Nazipropaganda herausgefiltert werden - an geltendes Landesrecht.

Andere Länder, anderes Sittlichkeitsempfinden? Für ROG-Expertin Le Coz ist das etwas zu viel des Kulturrelativismus: "Es macht doch einen Unterschied, ob man Pornographisches oder politische Informationen filtert." Die chinesische Internetzensur sei nun einmal höchst problematisch. "Und Google macht sich zu einem Komplizen."

Lesehinweise Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat eine englischsprachige Anleitung für Blogger erstellt, wie sie Zensur- und Überwachungsmaßnahmen aus dem Weg gehen können: "Handbook for Bloggers and Cyber-Dissidents" (als PDF), Reporter ohne Grenzen, März 2008.

Ronald Deibert, Professor an der Universität Toronto und Mitbegründer der Anti-Zensur-Initiative "OpenNet, hat ebenfalls ein englischsprachiges Handbuch zu diesem Thema herausgegeben: "Everyone's Guide to By-Passing Internet Censorship for Citizens Worldwide" (als PDF), University of Toronto, September 2007.

Von Markus Wanzeck
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
F.Z. (17.08.2008, 05:43 Uhr)
Schweinkram
Ich wuenschte wir haetten eine Zensur wie in Saudi Arabien, ich meine was Pornografie betrifft.Ich behaupte 80 Prozent aller Internetseiten sind haben pornografischen Inhalt und leider sind diese Seiten meist fuer jeden, also auch fuer Kinder einfach aufzurufen.Interessanterweise kommen die meisten Seiten dieser Art aus den doch so moralischen USA.
Ich verurteile hier die amerikanische Doppelmoral, zeigt man im oeffentlichen Fernsehen nackte Frauenbrueste wird das zensiert, waehrend im Hinterzimmer alleruebelste Pornografie produziert und konsumiert wird.Ich bin gegen jede Zensur des Internets wen es um Menschenrechte und politische Oppositionen geht, aber dieser wiederliche Schweinkram gehoert zensiert und ich wenn ich die Kommentare richtig gelesen habe, dann geht es auch um unsere Kinder die von diesem Dreck verschont werden muessen.Ich muss sagen das meine Tochter mehrere Male mit solchen Seiten konfrontiert war, trotz Filtersoftware!Gut sie hat weggeschaut und weggeklickt, aber was passiert in anderen Faellen?
Clibanarius (15.08.2008, 17:09 Uhr)
....
"Geolocation", solls heissen.
Clibanarius (15.08.2008, 17:07 Uhr)
terrax
"Was Sie Ihren Fall betrifft, Sie können in Windows in der Systemsteuerung unter Regions-und Sprachoptionen die Ländereinstellung ändern und dann sollte es klappen..."
------------
Quatsch mit Soße. Schon mal was von "Geolacation", "Geointelligenz" und "IP-Targeting" gehört? Die verwendet nämlich YouTube, wie alle anderen VoD-Anbieter und sehr viele sonstige Seiten wie Online-Shops.
Sternobyl (15.08.2008, 14:04 Uhr)
China ist z. B. liberaler als Europa...
... wenn es um MP3s geht. In China gibt es die Möglichkeit mit Baidu gezielt nach MP3-Dateien zu suchen. Bei uns filtern die Suchmaschinen, diese Suchparameter gleich von vorne rein weg. Da wiegen die Wirtschaftsinteressen dann doch schwerer als die Interessen der Suchenden.
Es sind immer Interessensabwägungen, mit denen Zensur begründet wird. Es kommt dann nur einer jeweils anderen Kultur seltsam oder ungerechtfertigt vor, wie die Abwägungen bei "den Anderen" gewichtet werden. Ist man dagegen in dieser Kultur groß geworden, findet man die Gewichtungen ganz selbstverständlich und die Zensur wird gar nicht oder nur sehr schwach als solche empfunden.
Sandygirl (15.08.2008, 12:55 Uhr)
Zensur in Deutschland
Man mag sich immer darüber streiten, ob bestimmte Inhalte angemessen, unangemessen oder jugendgefährdent sind. Aber um diese Probleme zu lösen, gibt es inzwischen eine Unmenge kostenloser Tools. Was man nicht braucht ist Zensur.
Ist nicht die Zensur und die Meinungsmanipulation das Mittel der Wahl gewesen, mit dem in Deutschland das Naziregime an die Macht gekommen ist?
Zensur ist gefährlich für jede Demokratie. Das gilt auch, wenn das Landgericht Hamburg mal wieder die Zensur einzelner Webseiten vorschreibt.
Mindsplitting (15.08.2008, 10:44 Uhr)
@Kette
Wo bitte rede ich davon Altersfreigaben abzuschaffen? Becor sie mich beleidigen legastenisch veranlagt zu sein lesen sie erstmal genauer. Das ich hier ja wohl nicht auf Tippfehler achte wie bei einem Geschäftsbrief ist ja wohl klar.
Zu Ihrer Katastrophe, glauben sie im Ernst Medien sind schuld? Auf jedem MEdium steht eine ALtersfreigabe, wenn weder Kassiere noch Eltern darauf achten ist es ein gesellschaftliches PRoblem nicht das der Medien. Das Abiturienten mit einem 3er schnitt oder Realschüler mit 2er Schnitt keine Ausbildung finden ist auch kein Problem der Medien, das 16 Jähriger lieber herumlungern und auf der Straße kiffen statt zu lernen ist auch ein gesellschaftliches, keineswegs ein Medienproblem. Ich würde niemals so ein besagtes "Killerspiel" meinen Kindern in die Hände geben und werde tunlichst darauf achten das so etwas nit gespielt wird. Aber jedem Erwachsenen sollte es freigestellt sein sowas zu SPielen oder zu gucken. PS ihre Zombiefilme finde ich selber sch..lecht. Aber wenn ein volljähriger erwachsener MEnsch diese Filme sehen will, bitteschön, warum nicht. SIe dürfen mich nicht falsch interpretieren, ich bin kein Freund von sinnloser Gewalt und Gewaltverherrlichung in Medien. Für mich ist eine ausgeklügelte Story und schauspielerische Leistung viel viel wichtiger, dennoch bekomme ich des öfteren Zensuren mit da ich Filme als eine Art "Hobby" könnte man fast sagen habe und daher auf Newsseiten diesbezüglich lese. Selbstverständlich habe ich schon Splatterfilme gesehn, doch meist sind sie Strungs. Es geht dabei rein ums Prinzip.
terrax (15.08.2008, 07:57 Uhr)
@Countryjoe
Was Sie Ihren Fall betrifft, Sie können in Windows in der Systemsteuerung unter Regions-und Sprachoptionen die Ländereinstellung ändern und dann sollte es klappen...
terrax (15.08.2008, 07:31 Uhr)
@tagora-sagittara
Das können Sie haben, denn es gibt in den USA einen sehr schnellen kostenlosen DNS-Dienst (www.opendns.com) welcher Werbung, Sexseiten, Pishing-Sites usw. herausfiltert. Ich nutze das auch, damit ich mir keine Viren einfange. Einen Grundschutz erhält man indem man bei seinem Router oder PC die folgenden beiden DNS-Server einstellt: 208.67.222.222 und 208.67.220.220. Wenn man geziehlt Inhalte für sein Netzwerk bzw. PC blocken möchte kann man einen Client herunterladen. In einem Netzwerk muß der Client nur auf einem PC z.B, Server installiert werden.
kette1 (15.08.2008, 07:22 Uhr)
@Mindsplitting
ich gehöre dem gehobenen Alter (+35) an, ja ich bin schon sagenhafte 41.
Aber eines muss man Leuten wie Ihnen einmal sagen: Seht ihr nicht wie wir in die Katastrophe steuern?
Sie wollen keinerlei Alterseinschränkung für brutale oder pornographische Inhalte, Werbung jeden Inhalts an jedem Ort und so weiter und so weiter.
Wissen Sie wo das hinführt? Unsere Kinder verblöden zunehmend. Die wenigsten unter ihnen lesen mal ein Buch, machen regelmäßig ihre Hausaufgaben oder treiben Sport an der frischen Luft.
Und das sie nicht mal mehr der deutschen Sprache, Rechtschreibung und Grammatik mächtig sind, kann man unschwer in diesem Forum erkennen.
Macht so weiter und eines Tages laufen die Menschen auf der Welt wirklich so herum wie die Zombis in euren kranken Filmen.
Countryjoe (15.08.2008, 06:11 Uhr)
Zensurfrei?
Hier wird doch das Netz genauso zensiert. Wenn man in Youtube die Meldung bekommt: "not available in your country" dann ist ja wohl alles klar. Aber hier gibt es ja keine Zensur und deshalb kann es auch keine Zensur geben!
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