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Aufklärungskurs für Flüchtlinge - Let's talk about sex

In Aufklärungskursen lernen junge Migranten, wie sich Mann und Frau in Deutschland respektvoll begegnen. Die Nachhilfe ist für viele bitter notwendig, wie sich nicht nur an Silvester in Köln gezeigt hat. Klar ist: Hier ist alles ganz anders.

Von Ingrid Eißele

Hände eines jugendlichen Flüchtlings

70 Prozent aller Asylbewerber sind männlich, jeder Dritte ist minderjährig – und braucht neben Essen und Kleidung auch Nachhilfestunden darin, was hier geht und was nicht

Der Kurs nennt sich "Liebe, Sex, Beziehung auf Deutsch?". Und er fängt klein an: mit einem Lächeln.

Für die Jugendlichen, die Christian Zech, 41, Sexualpädagoge aus Ingolstadt, vor sich sitzen hat, ist das Thema doppelt heikel. Sie sind Flüchtlinge, zwischen 14 und 19 Jahre alt, die meisten Muslime und ohne ihre Eltern in Deutschland. Der Großteil hat wenig Ahnung, wie man sich dem anderen Geschlecht hierzulande nähert. Da hilft Zech: Mitarbeiter bei Pro Familia, Sozialarbeiter, gelernter Bankkaufmann, Katholik. Er rät den Jugendlichen, ihn "als eine Art entfernten Onkel zu betrachten", einer, der eine Schweigepflicht hat. Die Teilnahme an seinem Kurs, den er in Wohngruppen anbietet, ist freiwillig. Und das Interesse groß. Vorige Woche hat allerdings ein junger Nordafrikaner protestiert: "Das geht nicht, darüber sprechen wir nicht. Das ist eure Kultur, nicht unsere."

Nach Köln wurde es noch schwieriger

Nach den Attacken von Köln sind Gespräche über das andere Geschlecht noch schwieriger geworden. Doch sie sind dringend nötig. 70 Prozent aller Asylbewerber sind männlich, jeder Dritte ist minderjährig. Neben Kleidung, Essen und Sprachkursen brauchen sie Nachhilfestunden über die Rolle der Frau. Darüber, "was hier geht und was nicht", wie es Zech nennt.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, verlangt Unterstützung für die Schulen: Psychologen, Sozialpädagogen, Ärzte, Dolmetscher, die "mit der Sexualmoral der Herkunftsländer vertraut sind" und junge Flüchtlinge aufklären – getrennt nach Geschlechtern und als Pflichtprogramm.

Es gibt so viele Missverständnisse, die auf Unkenntnis beruhen. Einer seiner Schüler beispielsweise, ein "lieber Kerl", so erzählt Christian Zech, war verwundert, weil zwei Mädchen sofort die Polizei alarmierten, als er sie mit vier Freunden angesprochen hatte. "Das war allerdings nachts im Park," so Zech. "Als ich ihm erklärte, dass man ihm etwas Falsches erzählt hatte, dass das hier gar nicht geht, hat er es sofort verstanden."

Der weite Feld der Annäherung

Auf dem weiten Feld der Annäherung – kompliziert genug schon für in Deutschland aufgewachsene Jungen und Mädchen – gibt es gerade für junge Migranten viele Gelegenheiten, sich falsch zu verhalten. "Manche glauben, es gäbe hier kein Nein", sagt beispielsweise der Berufsschüler Abdi, 20, der vor fünf Jahren von Somalia nach Europa flüchtete und inzwischen in Kiel lebt. "Das bekommt man zu Hause erzählt; die Leute denken, hier darf man alles."

Das Problem: Das Thema Sexualität ist in vielen muslimischen Familien ein Tabu, über das Mädchen allenfalls hinter vorgehaltener Hand mit der älteren Schwester reden oder Jungen mit einem Onkel. Umso gebannter verfolgen die jungen Einwanderer in Christian Zechs Kursen, wie unbefangener Umgang gehen kann. Ein Mädchen zu einem Kaffee einzuladen, beispielsweise. Im Herkunftsland ist das in der Regel kaum denkbar, sofern es keine Verwandte ist. "Darf ich das?", ist deshalb eine der häufigsten Fragen, die Zech zu hören bekommt.

So geht Flirten

Und: Wie lernt man überhaupt ein Mädchen kennen? Gemeinsam mit einer Kollegin führt der Sexualberater vor, wie Flirten geht. Kein direktes Ansprechen, das werde als unhöflich empfunden, erst recht kein plumpes Anbaggern ("Gib mir deine Telefonnummer") oder gar Hinterherlaufen. Stattdessen empfiehlt er: anlächeln, abwarten. Lächelt sie zurück? Was signalisiert sie mit ihrer Körpersprache?

Das Kennenlernen zwischen Mann und Frau in diesem Land brauche "viele kleine Jas", erklärt Zech. Trotzdem bedeuten mehrere Jas nicht, dass automatisch mehr daraus wird. "Ein Nein ist ein Nein", stellt Zech klar. Doch falls sie Interesse signalisiert – wann und wie darf er sich nähern? Du kannst sie vorsichtig und scheinbar unabsichtlich an der Schulter berühren, rät Zech: "Schau, wie sie reagiert." Und immer wieder: "Lass ihr Zeit."

Es gibt auch Machos

Es sitzen nicht nur Schüchterne und Gutwillige in seinen Kursen, sondern auch "etwa zehn Prozent Machotypen". Solche, die behaupten, Frauen seien nichts wert: "Huren, die knall ich mir." Da wird der freundliche Zech schon mal stinkig. "Hier gibt es Regeln und Gesetze, die hast du zu befolgen. Auch deine Religion sagt, dass es Frauen zu respektieren gilt." Aber bei einem "verfestigten Bild" werde es schwierig. "Es gibt Menschen, die Arschlöcher sind, das ist bei Flüchtlingen nicht anders."

Hinter Machogehabe entdeckt Zech oft Angeberei: "Sie wurden von ihren Familien losgeschickt, um das Geld zu verdienen, das ihre Flucht gekostet hat. Sie sollen für ihre Familien Helden sein." Stattdessen haben sie oft nichts vorzuweisen, keinen Job, kein Geld. Stattdessen Pubertätsprobleme, Einsamkeit, Langeweile. Helden sehen anders aus.

Ganz schwierig ist das Thema Homosexualität

Der Sexualpädagoge erkennt schnell, dass selbst die "mit dem wissenden Lächeln" oft keine Ahnung haben. Deshalb gehört auch bei 18-Jährigen eine "Grundaufklärung" zum Kurs. Dafür holt Zech die Plüschvagina – "handgenäht" – aus dem Koffer und den Holzpenis. Spricht über Hygiene, Verhütung, Zeugung und darüber, wie Kondome fachgerecht aufgerollt werden, unter Gefeixe, wie in jeder deutschen Schulklasse. Es ist noch die leichteste Übung des Kurses. Kritisch ist vor allem das Thema Homosexualität, "damit haben die meisten Flüchtlinge ein Riesenproblem", sagt Zech. Dann bemüht er auch mal höhere Instanzen: "Liebe ist von Gott geschenkt. In wen ich mich verliebe, ob helloder dunkelhäutig, ob Mann oder Frau, habe ich als Mensch nicht im Griff."

Aber er weiß auch, die Religion, speziell der Islam, ist eine heikle Verbündete, wenn es um Aufklärung geht. Für Seyran Ateş, Rechtsanwältin und prominente Feministin aus Berlin, ist die rigide Interpretation des Koran sogar das größte Hindernis auf dem Weg zu einem gleichberechtigten Umgang der Geschlechter. Sexualität sei vor allem für Frauen das Feld, auf dem sie ständig beschuldigt werden, gegen Regeln zu verstoßen. Sie ist selbst Muslimin und fordert von ihrer Religion "eine sexuelle Revolution".

Defensives Verhalten und Scheinnormalität

Eine Ahnung davon bekommen nun auch Lehrerinnen in Deutschkursen und Vorbereitungsklassen. "In einer unserer Flüchtlingsklassen gibt es massive Vorbehalte, Frauen die Hand zu geben", berichtet Wulf Wersig, Chef des "Regionalen Berufsbildungszentrums Wirtschaft" in Kiel, einer Berufsschule mit 4500 Schülern zwischen 16 und 25 Jahren. Der Schulleiter hat das Problem jüngst auf einer Lehrertagung in Berlin öffentlich gemacht. Und über seine Verunsicherung und die seiner Kolleginnen gesprochen, denn solche Fälle, befürchtet Wersig, könnten nun häufiger vorkommen – sogar bei Schülern, die vermeintlich als gut integriert gelten.

Es begann vor zwei Jahren mit dem 18-jährigen Schüler Murad*. "Ein schlauer Junge", erzählt seine Englischlehrerin Eva Luttwig*, 58. "Er sprach gut Deutsch. Und er war immer nett und höflich." Als er älter wurde, ließ er sich einen Bart wachsen und achtete strikt auf die Einhaltung seiner Gebetszeiten – selbst auf einem Skiausflug der Klasse. Die Mitschüler warteten im Bus, während er auf dem Parkplatz betete. Lehrerin Luttwig vermied, ihn darauf anzusprechen, obwohl ihr die von Murad zunehmend eingeforderte Rücksicht "auf die Nerven ging". Heute ärgert sie sich über ihre defensive Haltung: "Man will ja immer tolerant und verständnisvoll sein und schlittert in so eine Scheinnormalität hinein. "
(*Name von der Redaktion geändert)

"Ich will mich nicht schmutzig machen"

Als sie ihm das Abschlusszeugnis überreichen und gratulieren wollte, verweigerte Murad den Handschlag. Seine Begründung: "Ich will mich nicht schmutzig machen." Keiner im Publikum habe etwas bemerkt, erinnert sie sich. "Er sagte es leise, aber unmissverständlich. Danach habe ich es Kollegen erzählt. Sie haben nur den Kopf geschüttelt."

Luttwig hat es als persönlichen Affront verstanden. "Ich hätte das Mikro nehmen und etwas sagen sollen, aber ich war so überrascht. Dabei hasse ich Männer, die Frauen schlecht behandeln", sagt sie.

Kenntnis des Grundgesetzes

Es gibt auch Lehrerinnen, die finden, man müsse wegen eines verweigerten Händedrucks nicht gleich beleidigt sein. Doch Kurt Edler, Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik" und grüner Bildungspolitiker aus Hamburg, hält solche Toleranz für falsch. Eine Verweigerung mit der Begründung, Frauen seien "unrein", verstoße gegen das Grundrecht der Gleichberechtigung. Sein Rat: Die Lehrerin hätte zu ihrem Schüler direkt nach der Feier sagen sollen: "Würden Sie das, was Sie mir gerade ins Ohr geflüstert haben, vor dem Schulleiter wiederholen?"

Edler bekommt vermehrt Anfragen verunsicherter Pädagogen zu Verhaltensweisen von Schülern, "die nicht menschenrechtskonform sind". Das Personal ist kaum vorbereitet auf die Auseinandersetzung mit Schülern, die aufbegehrend, machohaft oder radikal sind. "Lehrer und Lehrerinnen müssen heute viel mehr als früher in der Lage sein, unser Grundgesetz zu verteidigen. Das Problem: Viele haben zuletzt in ihrer eigenen Schulzeit zerstreut darin geblättert."

Akzeptieren, wie es hier ist

Für die nächste Auseinandersetzung ist Schulleiter Wersig besser gewappnet. Er will den Konflikt offen austragen und gut integrierte Schüler als kulturelle Dolmetscher einsetzen. Beispielsweise Abdi, 20, der in Kiel den Realschulabschluss macht. Auch er habe sich anfangs schwergetan, Frauen die Hand zu geben, räumt der Somalier ein. Das sei – mit Ausnahme von Verwandten – in Somalia verpönt; strenggläubige Muslime sähen darin eine Versuchung des Teufels. Heute gebe er jeder Frau die Hand. "Wir müssen akzeptieren, wie es hier ist", sagt er. "Aber das braucht Zeit." Er diskutiere viel mit seiner "deutschen Mutter" darüber, der Mutter seiner Freundin, die sein Vormund geworden ist. Sie sind nicht verwandt, aber er umarmt sie.

Abdi gehört zu den Muslimen, die auf einen modernen Islam hoffen lassen, in dem Frauen eine selbstbewusste Rolle spielen können. Wie Leyla Şimşek-Yilmaz aus Braunschweig. Die junge Erzieherin schrieb mit anderen muslimischen Frauen ein Aufklärungsbuch für Kindergartenkinder, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wurde. Die Eltern seien begeistert gewesen, berichtet sie, "denn sie hatten etwas, um ihre Kinder aufzuklären, ohne dabei rot zu werden". Die Autorinnen veranstalteten wöchentliche Gesprächskreise zum Thema "Ich und mein Körper", es ging um Pubertät und Schwangerschaft, aber auch um Jungfräulichkeit oder Masturbation.
Einen Gastgeber für ihre Veranstaltungsreihe hatten die jungen Frauen schnell gefunden: den Imam der örtlichen Moschee.

Ihre Idee hätte ein bundesweites Pilotprojekt werden können. Aber die Förderung vom Bundesamt für Migration endete nach drei Jahren.

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