Warum einige Menschen den unbezwingbaren Wunsch haben, ihr körperliches Geschlecht zu wechseln - darüber rätseln Forscher seit vielen Jahrzehnten. Im Kern geht es um die Frage, ob das Gefühl für das eigene Geschlecht im Alltag, in der Schule und Familie erlernt wird, oder ob es angeboren ist. Bis in die 1970er Jahre vermuteten Fachleute, dass die Ursachen für Transsexualität in der frühen Kindheit lägen. Je nach Theorieansatz wird über unverarbeitete Trennungsängste, eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung oder falsche Erziehungsmethoden spekuliert. Als Hauptschuldige gelten einerseits depressive und überbehütende Mütter, anderseits passive oder abwesende Väter, die nicht als männliche Rollenvorbilder taugen.
So führten Lernpsychologen wie der amerikanische Sexualforscher John Money und sein britischer Kollege Richard Green das Problem auf eine Fehlprägung in der Kindheit zurück. Aus ihrer Sicht wird durch das Erlernen der falschen Geschlechtsrolle in den ersten Lebensjahren auch die Geschlechtsidentität unauslöschlich als weiblich oder männlich programmiert. Das kann geschehen, wenn Eltern eigentlich lieber ein Kind mit dem anderen Geschlecht haben wollen und ihren Sprössling entsprechend erziehen - wenn sie beispielsweise ihrem Sohn Kleider anziehen und darauf hinwirken, dass er sich wie ein Mädchen verhält. Allerdings sind all diese Vermutungen nicht bewiesen. Und diese Hypothesen können auch nicht erklären, warum so viele Transsexuelle aus Familien stammen, in denen es keine Auffälligkeiten bei den Eltern oder in der Erziehung gibt.