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Ratgeber Sexualität

Fremd im eigenen Körper

Biologische Erklärungsmodelle

Nervenknoten im Gehirn: Als Wegbereiter biologischer Erklärungsansätze gilt der deutsch-amerikanische Sexualforscher Harry Benjamin, der Transsexuelle schon in den 50er Jahren mit Hormonen behandelte. Er hielt Transsexualität nicht für eine psychische Störung, sondern vermutete körperliche Ursachen - eine Vermutung, mit der sich vor allem Neurobiologen seit Jahren befassen. Gesucht wird so etwas wie ein Geschlechtsidentitätszentrum im Gehirn. Die Forscher haben auch schon einen geeigneten Kandidaten gefunden: einen kleinen Nervenknoten im Zwischenhirn, von dem bekannt ist, dass er zumindest bei Ratten das Sexualverhalten steuert: den so genannten Bed Nucleus der Stria Terminalis (BST). Dieses Zellbündel scheint bei Männern größer und dichter zu sein als bei Frauen. Wissenschaftler am Institut für Hirnforschung in Amsterdam untersuchten die Gehirne von sechs verstorbenen Mann-zu-Frau-Transsexuellen und fanden in der verdächtigen Region Strukturen, die sie eher als weiblich ansahen. Doch die 1995 veröffentlichte Studie ist kein Beweis: Erstens reicht die Untersuchung von sechs Gehirnen nicht aus, die Fallzahl ist viel zu gering. Zudem muss das, was bei Ratten stimmt, nicht auch für den Menschen gelten. Und: Bei Transidenten geht es nicht um Sexualverhalten, es geht um Geschlechtsidentität.

Hormonelle Einflüsse: Hormonexperten verfolgen eine andere Spur. Danach könnte ein Ungleichgewicht an Geschlechtshormonen während der vorgeburtlichen Phase für Transsexualität mitverantwortlich sein. Der Neuroendokrinologe Professor Günter Karl Stalla vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie glaubt, einen Beleg für diese Hypothese gefunden zu haben. Stalla und sein Team bestimmten das Verhältnis von Zeige- und Ringfinger bei über hundert Transsexuellen. Männer haben in der Regel etwas längere Ring- als Zeigefinger, vermutlich als Folge des männlichen Geschlechtshormons Testosteron. Bei Frauen sind meistens beide Finger nahezu gleich lang. Die Münchner Wissenschaftler ermittelten, dass die Fingerlänge von Transfrauen etwa der von heterosexuellen Frauen entsprach. Sie schlossen daraus, dass biologisch männliche Transsexuelle schon während ihrer Entwicklung als Embryo weniger Testosteron ausgesetzt waren und sich deshalb im Gehirn ein weibliches Geschlechtsempfinden ausgebildet hat. Andere Studien konnten diesen Befund allerdings nicht bestätigen. Es wird außerdem angenommen, dass nicht nur die Geschlechtshormone, sondern mehrere Faktoren das Knochenwachstum beeinflussen. Daher gilt der Vergleich von Fingerlängen unter Fachleuten als zweifelhaft, zudem ist noch immer unklar, welche Auswirkungen Testosteron im Gehirn von Embryos wirklich hat.

Gen für Transsexualität: Australische Sexualforscher präsentierten 2008 sogar ein Gen für Transsexualität. Sie stießen im Erbgut von Transidenten, die als Mann geboren wurden, besonders häufig auf ein überlanges Gen für die Ausbildung von Testosteron-Rezeptoren. Diese Rezeptoren spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob das männliche Sexualhormon im Körper etwas steuern kann oder nicht. Das überlange Gen, so spekulieren die Wissenschaftler, könnte dazu führen, dass bereits Föten im Mutterleib weniger Testosteron bilden und dass dadurch eine transsexuelle Neigung begünstigt wird. Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass nicht alle untersuchten Transsexuellen die überlange Genvariante besaßen. Und auch bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen fanden die Forscher keine vergleichbare Abweichung. So schränkten die Autoren der Studie selbst ein, dass ihre Entdeckung nicht allein die Entstehung von Transsexualität erklären könne.

Letztlich gilt für alle biologischen Erklärungsversuche: Es gibt Indizien, aber keine Beweise. Zwar ist die große Mehrheit der Betroffenen von einem angeborenen 'Gehirngeschlecht' fest überzeugt. Doch die meisten Experten glauben heute, dass Transsexualität das Ergebnis einer komplexen Entwicklung ist, bei der beides - Biologie und Umwelt - zusammenwirken.

 
 
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