Baclofen - ein Medikament gegen Alkoholsucht?

1. September 2009, 10:13 Uhr

Ein französischer Arzt hat seine Alkoholsucht mit Baclofen, einem Medikament zur Muskelentspannung, überwunden. Klingt erst nach PR-Wirbel für sein Buch, könnte aber die Hoffnung für Millionen Alkoholiker sein. Von Nina Bublitz

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In Deutschland sind Schätzungen zufolge 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig©

Der Terminkalender von Olivier Ameisen ist voll. In den kommenden Wochen wird der Mediziner in Edinburgh sprechen, in New York, Philadelphia, Berlin. Er wird über etwas reden, das so unglaublich erscheint, dass es tatsächlich schwer fällt, es zu glauben.

Ameisen erzählt, wie er seine schwere Alkoholsucht mithilfe eines Medikaments überwunden hat. Nicht nur in den Griff bekommen - mit dem täglichen Kampf um Abstinenz und der Angst vor dem drohenden Rückfall - nein, überwunden. Der französische Arzt skizziert seine Geschichte in dem Buch "Das Ende meiner Sucht". Heute könne er, wenn er wolle, ein Glas Wein trinken und problemlos das zweite ablehnen. Nach den bekannten Regeln der Sucht ist das undenkbar, man nutzt nicht ohne Grund das Wort "trocken", um den Zustand von Ex-Alkoholikern zu beschreiben. Da die Sucht unheilbar ist, müssen sie ihr Leben lang Alkohol meiden, auch wenn das überbordende Verlangen danach, das "Craving", wie es Forscher nennen, bestehen bleibt und sie quält. "Abstinenz war Folter", erinnert sich Ameisen. Heute dagegen sei er Alkohol gegenüber gleichgültig, sagt der 56-Jährige. Was das für die Lebensqualität eines ehemals Süchtigen bedeutet, ist kaum vorstellbar. Der Preis dafür: Er schluckt täglich Baclofen, ein Mittel, das eigentlich Neurologen zur Muskelentspannung verordnen. Es kann schläfrig machen und Schwindelanfälle auslösen. Abhängig wird aber niemand von den Tabletten. Sie verursachen keine Euphorie, vernebeln nicht den Kopf.

Das Mittel hat sich Ameisen erstmals im Jahr 2002 selbst verschrieben. Dass er als Arzt in Frankreich diese Möglichkeit wahrnehmen konnte, hat sein Leben gerettet, denn er war damals buchstäblich am Ende. Seine Arztpraxis hatte er schon Jahre zuvor aufgegeben, sämtliche Klinikaufenthalte und Therapien hatten nicht gefruchtet. Er hatte sich nacheinander die linke Hand und die Schulter gebrochen, war aus einem Blackout mit mehreren gebrochenen Rippen erwacht, die sich in die Lungenflügel bohrten. "Ich wäre längst tot", sagt er. 2002 war aus Tierversuchen bekannt, dass Baclofen in hoher Dosierung die Sucht unterdrücken kann. 2004 veröffentlichte Ameisen einen wissenschaftlichen Aufsatz über seine Erfahrungen im Fachblatt "Alcohol and Alcoholism", um seine unglaubliche Geschichte der Wissenschaftswelt zu präsentieren. Und dann passierte erst einmal: nichts.

Seitdem kämpft Ameisen dafür, dass Baclofen in einer großen wissenschaftlichen Studie getestet wird. Er ist der Überzeugung, dass das Mittel Millionen von Menschen helfen kann - allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge 1,6 Millionen alkoholabhängig. Doch die Daten sind spärlich. Bisher gab es nur kleinere Studien mit Baclofen, die nach einigen Wochen endeten. Zwar haben, wie Ameisen betont, Ärzte in Frankreich, den USA und Großbritannien bereits deutlich mehr als 300 Alkoholiker mit großem Erfolg behandelt. Einer davon, Renaud de Beaurepaire vom Paul Guiraud Hospital im französischen Villejuif, schreibt etwa: "Ich habe 135 hoffnungslosen Alkoholikern Baclofen verschrieben, und die Resultate sind einfach unglaublich." Doch das gilt in der Wissenschaft wenig, solange die Daten nicht publiziert wurden. Eine breit angelegte Studie mit einer größeren Zahl von Patienten, die über einen längeren Zeitraum läuft, ist noch immer nicht gestartet. Warum?

"Das Ende meiner Sucht"

"Das Ende meiner Sucht" In "Das Ende meiner Sucht" schildert der 1953 in Paris geborene Olivier Ameisen, wie er seine Alkoholabhängigkeit erfolgreich mit dem Medikament Baclofen behandelt hat. Der Kardiologe lebt heute in New York und Paris, er ist Gastprofessor an der State University in New York

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KOMMENTARE (10 von 19)
 
AnonymousDr (07.09.2009, 22:54 Uhr)
Baclofen für Alkohol und Nikotinabhängigkeit
@ Marquis; @Nico2007

Olivier Ameisens Buch ist in Englisch schon seit einiger Zeit auf dem Markt. Daher gibt es im Englischsprachigen Raum mehr Erfahrung (ich selbst habe nur sehr wenig Erfahrung). Einige Patienten haben es bei Nikotinsucht versucht, mit gemischten Erfolg. Es scheint fuer Nikotinsucht eine hoehere Dosis nötig zu sein.
Fuer einen englischen Blog mit Erfahrungen zu dem Thema siehe:
http://baclofenremedy.blogspot.com
Marquis (02.09.2009, 10:34 Uhr)
Baclofen auch bei Nikotinabhängigkeit erfolgreich?
Hat jemand mal versucht, mit diesem Mittel leichter von Zigaretten loszukommen?
Oder hat jemand 'nen Link?
(Ich will die Alkoholsucht nicht verharmlosen aber es gibt auch Leute, die sich zu Tode rauchen)
sportartmakler (02.09.2009, 09:32 Uhr)
@gunnaer
leicht millitante einstellung, wie beim passionierten raucher. du mußt doch deine leidensgenossen nicht als jammerer bezeichnen nur weil du anscheinend einen besseren weg für dich gefunden hast und es ja auch noch unheilbar kranke gibt, die wenn dann allein ein recht zum jammern hätten
sportartmakler (02.09.2009, 09:19 Uhr)
@Dwarf
stimme dir völlig zu. den "verzicht" hatte ich von gunnaer übernommen bzw. mich auf auf "seinen" bezogen. den interpretiere ich mehr in richtung armut und verzicht bei lebensmitteln und anderen gütern.
gunnarhaeger (02.09.2009, 07:29 Uhr)
@nico2007
jeder muss selbst wissen, wie er mit seiner sucht oder dem saufdruck umgehen will. du willst dir es verschreiben lassen, das heißt für mich, dass du nicht wirklich bereit bist, dich gegen deine sucht zu stellen und immer noch ein hintertürchen suchst, welches alkohol für dich doch legitimtiert. für mich ist das der falsche ansatz, ich hoffe es ist für dich der richtige. aber ich habe meine zweifel. viel erfolg!
Nico2007 (01.09.2009, 22:52 Uhr)
Warum nein ohne Versuch
Ich komme gerade aus meiner Gruppe wo natürlich Baclofen das Thema war.Ich bin seit 8 Jahren bekennender Alkoholiker auch mit Rückfällen,Entgiftungen Einzel und Gruppentherapien.Ich bin Profi was diese Sucht und Ihre Folgen angeht.Was mich hier im Blog wundert das fast keiner von euch dieses Mittel ausprobieren möchte.Ich stehe zu meiner Erkrankung und würde viel dafür geben ohne Saufdruck zu leben.Ich werde mir Baclofen verschreiben lassen.
olli68 (01.09.2009, 18:05 Uhr)
Alkohol weg vom Markt!
Dwarf hat geschrieben:
"sucht ist eine krankheit, die körperlich,geistig und spirituell ist, und das drogen konsumieren, EGAL WELCHE, legal, illegal, hart oder weich, ist nur ein symptom dieser krankheit. läßt man die bewußtseinsverändernden mittel weg ist man immer noch krank."
Das ist doch totaler esoterischer Blödsinn. Ein Kernproblem ist die totale Verfügbarkeit und Akzeptanz der Droge Alkohol in unserer Gesellschaft. Selbst wer gar nicht will, kommt schwer um den omnipräsenten Konsum herum - besonders im dörflichen Bereich sind die Besäufnisse integraler Bestandteil des Soziallebens, die erst einmal überhaupt nichts mit einer geistigen oder gar spirituellen Komponente zu tun haben. Manch einer rutscht alleine wegen der leichten Verfügbarkeit dieser Volksdroge in die körperliche Abhängigkeit - und wäre ohne Sucht, wenn DIESES Suchtmittel nicht wäre...
Überlegt man alle Fakten, sollte die Politik ein generelles Alkoholverbot durchsetzen...
Hätte ich kein Problem mit und im Bekannten- und Kollegenkreis gäbe es 10 Alkoholiker weniger.
Und der Verzicht auf mein wöchentliches Gläschen Chateau Chenu-Lafitte wäre der Preis, den ich als Normalbürger für die Eliminierung dieser Volksdroge zahlen müsste - und zu zahlen bereit wäre...
gunnarhaeger (01.09.2009, 18:05 Uhr)
@sportartmakler
wo habe ich etwas von eingebildeten kranken geschrieben? ich selbst habe eine 4 monatige therapie hinter mir, ich selbst bin trockener alkoholiker seit mehreren jahren. mich gelüstet es nicht nach alkohol, weil ich es akzeptiert habe. ich brauche keine pille, die mir hilft, alkohol zu konsumieren. wozu? ich unterstelle, dass die meisten alkoholiker nicht aus genuss trinken, sondern wegen der wirkung. und ich bleibe dabei, ein trockengelegter süchtiger hat sein verhalten selbst in der hand, unheilbar kranke nicht. die hätten grund zum jammern und nicht wir. ich höre das doch wöchentlich bei diversen treffen.
raindeer (01.09.2009, 17:00 Uhr)
Studien zu Baclofen und Alkohol
Wenn man die Suchbegriffe Baclofen und alcohol ins Pubmed eingibt, erscheinen 523 Artikel zu diesem Thema. Es wird also schon geforscht.
Ich finde, erst einmal gilt der Grundsatz: Wer heilt hat Recht. Welcher Mechanismus der Wirkung von Baclofen auf Alkoholabhaengigkeit zugrunde liegt, ist interessant, denn darauf koennen verbesserte Therapien mit weniger Nebenwirkungen aufbauen. Mich wuerde interessieren, ob Baclofen auch bei anderen Suchterkrankungen hilft. Auch daraus koennte man Rueckschluesse auf den Wirkmechanismus ziehen.

Gaffelfall (01.09.2009, 15:25 Uhr)
Verantwortungsvoll trocken und nüchtern
Wieder mal solch ein Wundermittel mit dessen Hilfe es Abhängigen möglich sein soll mühelos alkoholabstinent zu bleiben.
Zur Suchtmittelfreiheit führt erfahrungsgemäß ausschließlich die Auseinandersetzung mit sich, seinem Gewordensein und seinen Bedürfnissen.
Darin - in der gewollt praktizierten Abstinenz - und in der Übernahme von Verantwortung liegt Würde.
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