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4. November 2009, 10:07 Uhr

BUND fordert Verbot umstrittener Chemikalie

Fast alle Schnuller-Hersteller nehmen Produkte aus dem Sortiment, nachdem der BUND darin die Chemikalie Bisphenol A nachgewiesen hat. Doch der am höchsten belastete Sauger bleibt am Markt. Und der Streit um die Gefährlichkeit der Chemikalie dauert an. Von Lea Wolz

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Bisphenol A, Schnuller, Chemikalie, Reach, Polycarbonat

Schnuller sind einer BUND-Untersuchung zufolge oft mit Bisphenol A belastet© Colourbox

In Schnullern befindet sich die gefährliche Chemikalie Bisphenol A. Davor hat die Umweltschutzorganisation BUND bereits Anfang Oktober gewarnt. In allen zehn in einer Stichprobe ausgewählten Latex- und Silikon-Saugern konnte die Chemikalie nachgewiesen werden. Der hormonähnlich wirkende Stoff steht im Verdacht, die Gehirnentwicklung zu schädigen, Krebs und Unfruchtbarkeit zu verursachen. Nun zieht die Umweltschutzorganisation eine erste Bilanz. "Die meisten Hersteller haben positiv reagiert und mitgeteilt, dass sie in Zukunft auf Polycarbonat bei der Herstellung von Schnullern verzichten wollen", sagt BUND-Experte Heribert Wefers. Bisphenol A ist Bestandteil von Polycarbonat, einem Kunststoff, aus dem alles hergestellt wird, was durchsichtig, bruchsicher und hitzebeständig sein soll. Es kommt in Plastikgeschirr und -schüsseln ebenso vor wie in Sonnenbrillen und CDs. Auch in Konservendosen, die innen mit Epoxidharzen beschichtet sind, findet sich die Chemikalie. 1,15 Millionen Tonnen des Stoffes verbrauchen allein die europäischen Unternehmen pro Jahr - Tendenz steigend.

Einige Hersteller wollen auf Polycarbonat verzichten

Nach den BUND-Veröffentlichungen wollen Mapa (NUK), Novatex (Baby-Nova) und die DM-Drogeriemärkte (Babylove) bis spätestens Anfang 2010 auf den Einsatz von Polycarbonat bei Schnullern verzichten. Die Handelsketten Kaufland und die Drogeriemärkte von Schlecker nehmen die betroffenen Sauger aus ihrem Sortiment. Allerdings ist der Umweltschutzorganisation zufolge gerade der am höchsten belastete Schnuller der Marke Philips Avent weiter im Handel. Auf stern.de-Nachfrage erklärte ein Firmensprecher, dass man sich noch unter dem von der europäischen Gesundheitsbehörde Efsa festgesetzten Grenzwert befinde. Diese geht davon aus, dass eine lebenslange tägliche Aufnahme von 0,05 Milligramm Bisphenol A pro Kilo Körpergewicht unbedenklich ist. "Aktuell ist der Schnuller noch im Sortiment, wenn es den Verbrauchern allerdings wichtig ist, dass die Sauger frei von Bisphenol A sind, werden wir darauf reagieren", heißt es aus dem Unternehmen.

Dem BUND ist das zu wenig: Weil der freiwillige Verzicht nicht ausreiche, fordert die Umweltschutzorganisation eine gesetzliche Regelung. "Schnuller, Babyspielzeug und -fläschchen dürfen kein Bisphenol A enthalten", sagt Wefers. Ähnliches gelte für Produkte, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Ginge es nach dem BUND, müsste dieses Verbot in der neuen europäischen Chemikalienverordnung Reach festgeschrieben werden. Doch genau das dürfte ein Problem werden. Denn die Wissenschaft streitet sich schon lange darüber, wie gefährlich Bisphenol A für den Menschen überhaupt ist. Die Diskussion dreht sich dabei im Wesentlichen um zwei Fragen: Ist der Mensch so viel Bisphenol A ausgesetzt, dass es schädlich wirkt? Und löst die Chemikalie tatsächlich Krankheiten aus und müsste somit verboten werden?

Bisphenol A in Gewässern, Staub und Treibhausobst

In verschiedenen Studien wurde Bisphenol A in Gewässern, in Staub oder auch in Treibhausobst nachgewiesen. "Die Belastung mit Bisphenol A ist allgegenwärtig", sagt Wefers. Und sie kommt beim Menschen an. In einer Studie des Umweltbundesamtes wurde der Urin von 3- bis 14-Jährigen Kindern untersucht und Bisphenol A in 99 Prozent der Proben gefunden. Die Efsa und die deutsche toxikologische Gesellschaft sehen kein Risiko, solange der Grenzwert eingehalten wird, da die Chemikalie innerhalb von Stunden im Körper abgebaut wird. Andere Wissenschaftler wie BUND-Experte Wefers und der Würzburger Toxikologe Gilbert Schönfelder halten den Grenzwert allerdings für zu hoch. In Tierstudien sei nachgewiesen, dass bereits kleinste Mengen der hormonähnlichen Chemikalie gesundheitsschädigend wirken können - insbesondere bei Föten und Säuglingen. "Diese bauen Bisphenol A bis zu zehn Mal langsamer ab", sagt Schönfelder. Die Arbeitsgruppe um den Toxikologen will den Stoff daher auch im Blut von Schwangeren und Kindern nachgewiesen haben - und zwar in den Mengen, die in Tierversuchen bereits schädlich waren. Die Efsa bezieht diese Untersuchungen bis jetzt allerdings nicht in ihre Risikobewertung mit ein. Sie seien methodisch mangelhaft, so der Vorwurf, der mittlerweile von einer US-Überprüfungskommission widerlegt wurde. Stattdessen stützt sich die europäische Lebensmittelbehörde auf Studien, die keine Effekte bei niedrigen Dosen zeigen. Können sie auch gar nicht, sagen Kritiker, denn die Untersuchungen werden von der chemischen Industrie finanziert. Tatsächlich lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Studienergebnis und dem Auftraggeber der Studien beobachten.

Für Schönfelder zählt jedoch ein anderes Argument: "Diese Studien wurden nur an Erwachsenen durchgeführt, auf Kinder rückzuschließen ist nicht so einfach möglich, da bei Säuglingen und Kleinkindern der Stoffwechsel verändert ist."

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
bayerbienengift (04.11.2009, 12:58 Uhr)
dabei wurde gerade der Grenzwert für BPA
aufgrund massiven Drucks der chemischen Industrie (Studien finanziert von Bayer und BASF) auf den 5 fachen wert (von 10 µg pro kg auf 50µg/kg Körpergewicht) angehoben.
Begründung: In Tierversuchen wurde zwar eine auf der Hormonwirkung dieser Chemikalie beruhende Schädigung von Tieren festgestellt -
dieses könne allerdings nicht einfach auf den Menschen übertragen werden, da Menschen bekanntermassen anders auf Gifte reagieren als Tiere ( - Contergan lässt grüssen). Eine Steilvorlage für jeden Tierversuchsgegner!
zurgat (04.11.2009, 12:20 Uhr)
wenn die selben verbeamteten gutachter
da gearbeitet haben wie bei meinem berufskrankheiten verfahren na prost mahlzeit
Swissmiss (04.11.2009, 11:33 Uhr)
Einfache Lösung
Solange man (angeblich) nicht weiss, wie gefährlich der Stoff tatsächlich ist, sollte er aus Nuggis und anderen Babysachen schlicht verschwinden. Noch besser wäre es, ihn vorsorglich auch aus allen Lebensmittelverpackungen zu verbannen. Das Haltung der Zuständigen ist bedenklich: Man geht einfach davon aus, dass die "lebenslange tägliche Aufnahme von 0,05 Milligramm Bisphenol A pro Kilo Körpergewicht unbedenklich ist". Anders gesagt, man weiss es schlicht nicht! Auch nicht gerade vertrauenserweckend ist die Tatsache, dass der zulässige Grenzwert kürzlich einfach so mal angehoben worden ist. Unabhängige Studien kommen mit überwältigender Mehrheit zum Schluss, dass der besagte Stoff sehr wohl negative Auswirkungen auf Lebewesen hat. Nur die Handvoll branchenfinanzierten Untersuchungen attestieren Unbedenklichkeit. Überzeugend, nicht?
botoxia (04.11.2009, 09:38 Uhr)
Ja, sind wir denn schon China?
Da mixten also fast alle Schnullerhersteller fröhlich ein paar krebserregende Stoffe unter, und merken das natürlich erst, wenn es ihnen nachgewiesen wird. Und dann der Spruch : Falls es den Verbrauchern wichtig sein sollte, dass die Schnuller frei von Biphenol A sind, dann werden wir drauf reagieren. Falls es dem Verbraucher wichtig sein sollte? Nur dann? Und wenn der Verbraucher das Maul hält, dann vergiften wir ihn schön weiter? Oder wie?
chatahootchee (03.11.2009, 22:17 Uhr)
AUFKLAERUNG HILFT
Sollen die ruhig im Regal bleiben: Ein aufgeklaerter Kaeufer wird dann halt keine belasteten Schnuller verkaufen.
Nursery (03.11.2009, 21:46 Uhr)
Verbraucherschutz für die Tonne
Solange der Verbraucherschutz am Rockzipfel der Industrie hängt brauchen wir keine Alibiminster/in .Doch der Staat sollte Verklagt werden wenn nachgewiesen wird das fahrlässig die Gesundheit der Bürger aufs Spiel gestzt worden ist.
hannes_schinder (03.11.2009, 20:05 Uhr)
Krebs, Gehirnschäden etc
sind wenn sie dann später diagnostiziert werden nicht eindeutig auf dasein oder andere Produkt zu beziehen, Schadensersatzklagen wären demnach sinnlos. Wie lange wollen wir uns eigentlich noch verarschen und vergiften lassen?
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