4. Juni 2011, 18:24 Uhr

WHO glaubt nicht an die Schuld des Gemüses

Fachleute zweifeln daran, dass der gefährliche Ehec-Erreger über Gemüse verbreitet wird. Die Weltgesundheitsorganisation hat vielmehr rohes oder schlecht gebratenes Fleisch im Verdacht.

ehec, EHEC, Bakterium, Erreger, HUS, krank, Epidemie, Infektion, Gurken, Virus, Deutschland, Mediziner

Ist Gemüse unschuldig? Experten zweifeln daran, dass der Ehec-Erreger über Gurken und Tomaten übertragen wird©

Erst waren es vier Salatgurken aus Spanien, die als Hauptverdächtige ermittelt wurden. Weil die aber schnell als Quelle für den Ehec-Erreger ausschieden, galt generell Gemüse, vor allem Tomaten, Gurken und Salat, als Träger des gefährlichen Darmkeims. Doch nun heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf: Die Infektionen mit dem Bakterium hätten ihren Ursprung eher im Fleisch als im Gemüse. Der WHO-Experte Donato Greco sagte der italienischen Zeitung "La Repubblica": "Der Erreger ist üblicherweise im Darm von Rindern zu finden und damit auch in rohem Fleisch wie Tartar oder schlecht gekochten Hamburgern." Er habe noch nie derart gefährliche Darmkeime auf Obst und Gemüse festgestellt.

Auch Italienische Wissenschaftler schließen mittlerweile verseuchte Pflanzen aus. Tests hätten ergeben, dass kontaminiertes Gemüse nicht der Grund für die massenhaften Infektionen sei, heißt es beim EU-Referenzlabor für E-Coli-Bakterien in Rom. Da die Infektionsquelle aber nach wie vor unklar ist, halten die deutschen Behörden ihre Warnung vor dem Verzehr von rohem Gemüse weiter aufrecht. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte den "Ruhr Nachrichten": "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist. Wir müssen weiterhin wachsam sein", denn es gebe weiterhin Neuinfektionen.

520 Menschen leiden am gefährlichen HU-Syndrom

Die aktuellen Zahlen Infizierter ist erschreckend: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat rund 1700 Ehec-Fälle in Deutschland gezählt. 520 Menschen sollen an der schweren Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), erkrankt sein, von ihnen seien 70 Prozent Frauen. Auch außerhalb Deutschlands grassiert der Erreger: In Schweden sind bislang 46 Ehec-Infektionen (15 HUS) aufgetreten. Die meisten Patienten seien vorher in Deutschland gewesen. Ebenfalls eine direkte Verbindung nach Deutschland gebe es für die zehn Erkrankten in Frankreich. In Portugal sind drei und in der Schweiz ein Mensch infiziert. Neue Zahlen aus dem übrigen betroffenen Europa - Österreich, Tschechien, Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Norwegen, Polen und Spanien - wurden nicht genannt.

Mittlerweile ist unter Wissenschaftlern ein Streit über das Krisenmanagement ausgebrochen. Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité kritisierte die Arbeit des Robert Koch Instituts (RKI). Das Universitätsklinikum habe erst in dieser Woche Fragebögen für die Patienten bekommen, sagte Ulrich Frei dem "Tagesspiegel". "Das reicht nicht. Man hätte die Patienten interviewen sollen." Es sei zudem nicht erkennbar, woran das RKI erarbeite. "Wir brauchen eine bessere Informationspolitik", forderte Frei. Dass sich der Ehec-Erreger seit Anfang Mai ausbreite, außer Gurken aus Spanien aber keine mögliche Quelle ermittelt worden sei, mache ihn unruhig. Laut "Tagesspiegel" wies eine RKI-Sprecherin die Vorwürfe zurück. Das Institut habe nach Ausbruch des Darmkeims zügig reagiert.

nik/DPA/AFP/Reuters
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Angebliche Erreger-Quelle Ehec-Befund in Lübecker Lokal negativ

Die Ehec-Spur führte in ein Restaurant nach Lübeck - doch war es auch die Richtige? Nun hat sich der betroffene Gastwirt erstmals geäußert: Bislang seien die Proben negativ.

Pfad durch den Behördendschungel Das Who is Who der Ehec-Krise

Ob RKI, BfR, DGfN oder BMLV - im Behörden- und Institutswirrwarr rund um die Ehec-Epidemie verliert der Laie leicht den Überblick. stern.de erklärt, wer wofür zuständig ist.

Fieberhafte Suche nach Ehec-Quelle Eine Spur führt nach Lübeck

Bei der Suche nach der Ehec-Quelle machen die Behörden offenbar Fortschritte. Eine Spur führt in ein Lübecker Restaurant, eine andere zum Hamburger Hafengeburtstag.

Ein Ehec-Patient erzählt "Vor Schmerzen konnte ich kaum laufen"

Markus Boeddeker erkrankte an Ehec. Nach einer Woche am Tropf geht es dem Hamburger wieder besser. Doch Angst hat er noch immer.

Ehec-Epidemie "Das hier ist eine richtige Katastrophe"

Auch zwei Wochen nach Ausbruch der Ehec-Epidemie versuchen Ärzte, die Situation in den Griff zu bekommen. stern.de sprach mit dem Hamburger Nierenspezialisten Rolf Stahl über die derzeitige Lage.

Ehec-Erreger entschlüsselt Das Genom des Schreckens

Deutsche und chinesische Experten haben das Erbgut des grassierenden Ehec-Bakteriums sequenziert. Darin findet sich eine bislang nicht beschriebene Neukombination von Genen.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind