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29. Februar 2008, 10:12 Uhr

Die Sucht, immer weniger zu werden

Sie ist eine der gefährlichsten psychischen Krankheiten: Jede zehnte Magersüchtige stirbt an den Folgen des Hungerns. Auch Bulimie oder krankhafte Essanfälle lassen den Alltag zur Hölle geraten. Psychotherapie hilft, dem Teufelskreis zu entkommen. Von Nicole Heißmann

Magersucht, Bulimie, Essstörung

Als sie begriff, dass Magersucht eine Krankheit ist, wurde es für Karen einfacher: Es gab ja noch andere, die litten wie sie© Silke Wernet

Nett war der Brief und gleich per Du: "Wir freuen uns sehr, Dir mitteilen zu können ...", begann er. Karen Röcher konnte es kaum fassen. Ein Jahr Schüleraustausch in Montreal! Mit 17 ganz weit weg von zu Hause, Französisch lernen in Kanada. Davon hatte sie lange geträumt.

Was kam, glich eher einem Albtraum. Nach der ersten Begeisterung wurde Kanada für Karen von Tag zu Tag bedrohlicher. Ein Fast-Food-Land, fürchtete sie, wie die USA: Burger, Hotdogs, Dicke. Dort würde sie bis zur Unförmigkeit aufquellen! "Ich wollte unbedingt vorher abnehmen, am besten zehn Kilo oder mehr. Damit ich für Montreal einen Puffer hätte." Also verzichtete sie auf Süßes. Statt Schokocroissants frühstückte sie Vollkornbrot. Zur Schule nahm sie nur noch Obst mit. In fünf Wochen verlor Karen 10 Pfund, nahm von 53 auf 48 Kilo ab.

Es reichte ihr aber nicht. Immer öfter legte sie Fastentage ein. Erzählte den Eltern, sie habe woanders gegessen oder ihr sei nicht wohl. Nach zwei Monaten spürte sie, dass sie sich nicht mehr im Griff hatte, "weil ich alles, was ich aß, total geplant habe". Später war auch das egal.

Freunde riefen nicht mehr an

Dass die Eltern sich sorgten, der Hausarzt ihre Blutwerte katastrophal nannte, es drang nicht mehr durch. Freunde riefen sie schon länger nicht mehr an. Am Ende landete sie nicht in der Neuen Welt, sondern in Prien am Chiemsee: auf einer Station für Essgestörte in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck.

In nur sechs Monaten hat die Anorexie, die Magersucht, Karens Leben verschluckt. Zurück blieb eine todkranke 17-Jährige, 1,70 Meter groß, 38 Kilo leicht.

Magersucht ist weiblich und inzwischen geradezu unheimlich jung. Sie trifft mindestens eine von 200 Frauen zwischen 15 und 35. Viele verfallen ihr als Jugendliche, wenn andere Teenager Zukunftspläne schmieden. Grob geschätzt 100.000 Magersüchtige leben in Deutschland, davon ist nur ein Bruchteil männlich. Die genaue Zahl kennt niemand, weil viele nie bei einem Arzt auftauchen - sie fühlen sich schlank, nicht krank.

Wer überlebt, bleibt gezeichnet

Klar ist dagegen, dass jede Zehnte an den Folgen stirbt: an Nierenversagen, Herzversagen oder Infektionen, die der ausgezehrte Körper nicht mehr besiegen kann. Keine psychisch bedingte Erkrankung tötet so viele junge Frauen, wie Magersucht es tut. Und wer die Hungerspirale überlebt, bleibt ein Leben lang gezeichnet. Calciummangel und der für ein angemessenes Training der Knochen viel zu leichte Körper lassen ein sprödes, von Osteoporose zerfressenes Skelett zurück: Wirbel und Oberschenkelhälse einer 80-jährigen Greisin im Körper einer Studentin. Hungern und Dursten ruinieren die Nieren, manche Magersüchtige hängen an der Dialyse. Und ob der Trieb zum Immer-weniger-Werden bleibende Schäden im Gehirn hinterlässt, wird unter Forschern diskutiert.

Bis heute rätseln Wissenschaftler, wieso jemand sich so etwas antut. Nicht mehr aufhört zu hungern, obwohl über Rippen und Wangenknochen bereits die Haut spannt. Magersüchtige sind besessen von Essen, Gewicht und Figur. Auf den ersten Blick ist das eine übertriebene Hingabe an ein Schönheitsideal. Aber auch wenn Diäten den Einstieg in den Hunger-Exzess erleichtern, gerät längst nicht jedes Mädchen hinein. Was also unterscheidet Magersüchtige von schlicht Figurbewussten? Wird jemand mit der Anlage zur Störung geboren? Wird sie anerzogen?

Machte man noch vor einigen Jahrzehnten die Familie, insbesondere eine angeblich "überkontrollierende" Mutter für das Hungern der Tochter verantwortlich, gehen Wissenschaftler heute von einem Ursachen-Mosaik aus: Genetische Veranlagung, Einfluss der Familie, belastende Erlebnisse und eine unsichere Persönlichkeit können sich auf unheilvolle Weise verbinden und ihr Opfer in die Falle treiben.

Bulimiker sind eher normalgewichtig

Neben der Magersucht gilt als weitere gefährliche Essstörung die Bulimie oder Ess-Brech-Sucht. Anders als Anorektiker sind Bulimiker eher normalgewichtig. Regelmäßig stopfen sie anfallsartig riesige Mengen in sich hinein, oft Kalorienbomben wie Schokolade, Kuchen, Kekse, Fertigpizza. Und stecken nach der Attacke den Finger in den Hals. Oder schlucken Abführmittel. Nach amerikanischen Standards gehört auch die erst in den Neunzigern beschriebene Binge-Eating-Störung dazu.

"Binge Eating" heißt "Hinunterschlingen". Auch hier leiden Patienten unter heftigen Essattacken, behalten die Kalorien aber bei sich und werden dick. Unter Binge Eatern gibt es rund 40 Prozent Männer - viel mehr als unter Magersüchtigen und Bulimikern. Eine letzte große Gruppe Essgestörter lässt sich nicht eindeutig den drei Krankheitsbildern zuordnen oder schlingert zwischen ihnen umher. Dagegen gilt es noch nicht als Essstörung, wenn jemand einfach nur dick ist, was laut der gerade vorgestellten Nationalen Verzehrsstudie mehr als die Hälfte der Deutschen betrifft.

Niemand ist einfach süchtig nach Hungern oder Essen. Eine Substanz, nach der Psyche und Körper gieren wie nach Alkohol oder Nikotin, lässt sich bei Essgestörten nicht dingfest machen. Von heute auf morgen aufhören mit dem bizarren Essverhalten können die Befallenen allerdings auch nicht. Wie schwer das für Normalesser zu begreifen ist, hat Karen Röcher täglich beim Abendessen erfahren: "Nimm doch endlich mal Käse aufs Brot, haben meine Eltern gesagt. Ich hätte aber gar nichts mehr runtergekriegt. Egal, wie viel Hunger ich hatte, mein Kopf hat mir verboten zu essen."

Magersüchtige sind meist ehrgeizig

Magersüchtige darben nicht aus "Selbstdisziplin", wie sie sich gern selbst einreden. Ihnen entgleitet die Kontrolle, oft schleichend: ein bisschen Verzicht hier, ein wenig mehr Sport da. Häufig bekommen die Betroffenen anfangs Komplimente für ihren gertenschlanken Körper. Verstärkend wirkt, dass Magersüchtige meist ehrgeizige Menschen sind. Ihr Gehirn ist sehr empfänglich für Erfolg, erklärt Manfred Fichter, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität München und Ärztlicher Direktor der Klinik Roseneck: "Wenn Magersüchtige es geschafft haben abzunehmen, ist das für sie ein enormes Erfolgserlebnis. Dann schüttet das Gehirn viel von dem Botenstoff Dopamin aus und belohnt das Hungern."

Eine ähnliche Belohnungspanne bringt Bulimiker in die falsche Spur: Wer ständig hungert, stachelt seinen Körper regelrecht zu Essattacken an. Essen und Erbrechen können anfangs angenehmer sein als dauernder Verzicht, sagt Stephan Herpertz, Leiter der Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Westfälischen Klinik Dortmund: "Manche Bulimiker erleben die Anfangsphase ihrer Krankheit als glücklichste Zeit ihres Lebens: Sie können essen, was sie wollen, ohne dick zu werden."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 07/2008

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